Schon am frühen Morgen hat sich eine Schlange vor dem Tinghus gebildet, einem modernen Bau aus hellem Granitstein im Zentrum von Oslo, in dem das Amtsgericht seinen Sitz hat. Vorsichtig gleiten die Straßenbahnen an den Wartenden vorbei. An ein Absperrgitter nahe dem Zelt, in dem die Besucher kontrolliert werden, hat jemand einen Strauß aus zehn kleinen roten Rosen gebunden; immer mehr Rosen werden im Laufe des Tages dazukommen, manche mit kleinen Botschaften.
Es ist eine zarte, zerbrechlich wirkende Erinnerung an die Opfer des Mannes, der im Tinghus seinen großen Auftritt vor Gericht bekommt. Eine Erinnerung an die 77 Toten von Oslo und Utøya, an die Hunderten, die er verletzt hat. Polizisten, einige mit Sturmgewehren bewaffnet, patrouillieren rund um das Gebäude. Viele von ihnen sind selbst Kinder der Einwanderergesellschaft, die Anders Behring Breivik am 22. Juli vergangenen Jahres mit seinen Morden treffen wollte. Ein junger Mann, weiße Kopfhörer in den Ohren, eilt an der Schlange vorbei und schimpft: „Verrückt, dieser ganze Zirkus für einen Mörder!“
Transparenz und Nüchternheit sollen das Verfahren prägen
Ein Zirkus ist es in der Tat. Als kurz vor acht Uhr Breiviks Verteidiger Geir Lippestad in Begleitung einer Kollegin zu einem Hintereingang zum Gebäude eilt, wird er sofort umlagert von Mikrofonen. Eine platinblonde Russin stöckelt vorbei, moderiert in eine Kamera. Die norwegische Justiz hat alles getan, damit der Zirkus in geregelten Bahnen abläuft. Alles wie bei einem ganz normalen Verfahren. Alles nur um viele Nummern größer allerdings. So, wie es eben das Verfahren verlangt, in dem über das wohl schrecklichste Verbrechen eines Norwegers überhaupt verhandelt wird: die „22. Juli Rettssaken“.
Raum 250 im Gerichtsgebäude ist für den Prozess neu eingerichtet worden. Hinter Breivik und seinen Verteidigern steht nun eine mannshohe und dicke Glasscheibe. In 17 weitere Gerichtsgebäude im ganzen Land wird das Geschehen live übertragen, um es den vielen Betroffenen zu ermöglichen, das Verfahren zu verfolgen. Transparenz und Nüchternheit sollen das rechtsstaatliche Verfahren prägen.
Und Pünktlichkeit. Kurz vor neun Uhr wird der Angeklagte in den Saal gebracht. Breivik trägt einen dunklen Anzug und eine goldfarbene Krawatte. Ein kurzer Bart umrahmt sein bleiches, fülliges Gesicht. Kurz geschnitten sind die blonden Haare. Die Handschellen werden ihm abgenommen. Er ballt die rechte Faust und reckt sie in die Höhe. Es ist der Gruß seiner „Tempelritter“, so geht es aus Breiviks im Internet veröffentlichten Pamphlet „2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ hervor. Er setzt sich, flankiert von Lippestad und einer weiteren Verteidigerin. Die Staatsanwälte reichen ihm die Hand. Breivik lächelt. Fotoapparate klicken ohne Unterlass. Um Punkt neun Uhr treten die Richter in den Saal. Zwei Berufsrichter, drei Laienrichter.
„Herr Breivik, Sie wollten das Wort bekommen“
Vor den Richtern kommen die vier psychiatrischen Sachverständigen zu sitzen, die Breivik auch während des Verfahrens begutachten werden. Sie sind sich nicht einig: Zwei von ihnen haben Breivik in einem ersten Gutachten Ende November als „paranoid schizophren“ eingestuft und ihm die Schuldfähigkeit abgesprochen. Breivik hat sich gegen diese Einstufung ausgesprochen. Sie habe ihn „gekränkt“. Auch viele Angehörige von Opfern mochten sich damit nicht zufriedengeben.
Das Amtsgericht holte ein zweites Gutachten ein. Dieses bescheinigt Breivik zwar eine narzisstische Persönlichkeit, spricht ihm aber die Schuldfähigkeit zu. Folgt das Gericht dieser Ansicht, kann es die Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis verhängen, die nach ihrer Verbüßung um jeweils fünf Jahre verlängert werden könnte. Folgt sie dem Ergebnis des ersten Gutachtens, könnte Breivik in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden. Über die Schuldfähigkeit wird das Gericht erst am Ende des Prozesses entscheiden.
Mit ernstem Blick hinter den runden Brillengläsern erläutert die Vorsitzende Richterin Wenche Elizabeth Arntzen, dass keine Einwände gegen die Kompetenz der Richter vorgebracht worden seien. Dann sagt sie: „Herr Breivik, Sie wollten das Wort bekommen.“ Und der Angeklagte spricht die ersten von vielen Worten, die er in diesem Verfahren sprechen will und darf: „Ich erkenne das Gericht nicht an.“ Die Richter seien Teil des Parteiensystems, das „Multikulturalismus“ unterstütze, und Richterin Arntzen sei eine Freundin der Schwester der früheren Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.
Letztere hatte er an jenem Julitag auch töten wollen; sie sprach vor den Jugendlichen auf Utøya. Weil Breivik auf der Fahrt vom Zentrum Oslos zu der rund 40 Kilometer entfernten Insel in einen Stau geriet, war sie aber schon weg, als er dort, als Polizist verkleidet, eintraf. Auf Nachfrage der Richterin sagt Verteidiger Lippestad, Breiviks Beanstandung sei keine formelle Beschwerde. Nachdem die Personalien des Angeklagten fürs Protokoll festgestellt worden sind (Geburtsdatum: 13. Februar 1979), korrigiert Breivik die Anmerkung der Richterin, er sei gegenwärtig ohne Anstellung: „Ich bin Schriftsteller, ich arbeite aus dem Gefängnis heraus.“
In seinem Pamphlet misst er dem Prozess große Bedeutung zu
Dann schlägt die Stunde der Anklage. In sachlichem Ton und mit fester Miene liest Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Anklageschrift vor, die Breivik terroristische Akte und Mord vorwirft. Sie lässt das ganze Grauen jenes Tages wieder aufleben. Anders als in der Version, die ihre Behörde Anfang März veröffentlicht hat, liest sie auch vor, welchen Verletzungen die 77 Todesopfer von Oslo und Utøya erlegen sind. Zuerst der Anschlag von Oslo auf das Regierungsviertel, wo Breivik eine 950-Kilogramm-Bombe zündete: Acht Namen der Todesopfer, acht Geburtsdaten. Die Staatsanwältin liest auch vor, was diejenigen Opfer erleiden mussten, die durch die Explosion verletzt wurden: Amputation, Verlust des Augenlichts, Monate im Krankenhaus. Breivik zeigt keine Regung. Er blickt die meiste Zeit nach links unten. Mitunter blättert er in Unterlagen.
Dann folgt der Anschlag auf Utøya. Detailliert trägt die Staatsanwältin vor, wie oft der Attentäter auf wen geschossen hat. Auf die meisten Opfer mehrfach, dreimal, fünfmal, mit der halbautomatischen Pistole „und/oder“ dem Gewehr. Schüsse in den Mund, die Augen, die Kehle, den Bauch, den Rücken. Kugeln, die durch das Ohr austraten, das Auge, die Schläfe. Kugeln, die das Rückenmark beschädigten, Wirbel zerfetzten, durch die Eingeweide drangen, in die Leber, die Lunge. Sie nennt die 69 Namen, die 69 Geburtsdaten. Die meisten liegen zwischen den Jahren 1992 und 1995. Breivik erschoss sie im Café der Insel, im Zeltlager, auf einem Weg, den sie auf der Insel den „Weg der Verliebten“ nennen, im Wald, in der „Höhle der Bolschewiken“. Dann nennt die Staatsanwältin die Namen der Verletzten, auf die Breivik schoss, als sie aus dem Zeltlager flohen. Sie spricht von Schüssen in die Beine, Schulter, Knie, Hände und Fersen.
Der Angeklagte blickt weiter nach unten, die Lippen geschlossen. Soll es ein Bild der Ruhe sein, das er abgibt, der Ruhe des „Kreuzritters“ gegen Muslime, gegen Liberale, als den er sich in seinem Pamphlet beschreibt? Darin misst er dem Prozess eine große Bedeutung zu, um für seine „Sache“ zu werben. Nachdem die Staatsanwältin ihre Aufzählung beendet hat, fragt die Richterin Breivik, ob er sich schuldig bekenne. Breivik sagt, er übernehme die Verantwortung für die Taten. „Aber ich handelte in Notwehr.“ Daher sei er nicht schuldig. So hatte er es auch schon zuvor verkündet.
Am linken Arm ein Zeichen, das ihn als „Marxistenjäger“ ausweist
Dann trägt Staatsanwalt Svein Holden vor, was die Ermittler über Breivik herausgefunden haben. Er beginnt mit dem Oberschüler des Jahres 1995. Er berichtet von dem jungen Mann, der in Callcentern jobbte. Ein „beträchtliches Einkommen“ habe er erst zwischen 2002 und 2006 bezogen: aus dem Verkauf gefälschter Diplome und Zeugnisse über das Internet. Als Holden das sagt, lächelt Breivik. Aus der rechtspopulistischen Fortschrittspartei flog er 2006 hinaus, nachdem er die Mitgliedsbeiträge nicht mehr bezahlt hatte. Er wurde Mitglied einer Osloer Freimaurerloge.
2006 zog er wieder bei seiner Mutter in Oslo ein, widmete sich in seinem ersten Jahr dort, so Holden, dem Online-Killerspiel „World of Warcraft“. Ein Bild, das an eine Leinwand projiziert wird, zeigt einen seiner Charaktere in dem Spiel: den blassblauen „Justicar Andersnordic“ mit groteskem Helm und Schulterschutz. Dann erklärt der Staatsanwalt das „Manifest“ Breiviks, an dem dieser nach eigenem Bekunden seit 2002 gearbeitet haben will. Er zeigt die Fotos, die der Attentäter von sich machte: Breivik in der Phantasieuniform eines modernen „Tempelritters“. Breivik mit dem Gewehr, das er auf Utøya benutzte. Am linken Arm ein Zeichen, das ihn als „Marxistenjäger“ ausweist, mit der „Erlaubnis zur Jagd auf multikulturelle Verräter“.
Er zeigt Bilder der Waffen und dann der Bombenzutaten, von Breivik selbst in dem Labor fotografiert, dass er sich im Frühjahr 2011 auf einem Bauernhof 160 Kilometer nördlich von Oslo eingerichtet hatte. Die Säcke mit Kunstdünger, eine große Zementmischmaschine und viele kleine Küchenmixer. Bilder der Autos, die er bei seinen Taten benutzte: ein weißer Volkswagen-Kleinlastwagen, ein silberfarbener Fiat. In dem ersten ließ er die Bombe detonieren, in dem zweiten fuhr er nach Utøya.
Am Ende blickt der Attentäter wieder starr geradeaus
Und dann fängt der Mann, der den Schilderungen des Leids, das er über andere gebracht hat, ohne jede Gemütsäußerung gefolgt ist, plötzlich an zu weinen: Es ist der Moment, in dem Staatsanwalt Holden einen Film zeigt, den Breivik am Morgen vor seinen Taten auf dem Internetportal Youtube hochgeladen hat. Eine Verfilmung seines Pamphlets soll es sein. Eine blaue Europafahne mit Hammer und Sichel inmitten der Sterne ist zu sehen. Islamfeindliche Propaganda, Texte, die zum Kampf gegen eine „regierende multikulturelle Allianz“ aufrufen. Dazu läuft schleppende Musik mit klagenden Frauenstimmen. Zeichnungen von Tempelrittern und Kreuzfahrern, dann Fotos von ihm selbst, Breivik, in Uniform und mit Gewehr. Das Gesicht des Angeklagten rötet sich. Er wischt sich Tränen aus den Augen, wie aus Rührung über seine Taten.
Als der Staatsanwalt dann bald darauf Aufnahmen der Überwachungskameras im Osloer Regierungsviertel vorführt, von dem Feuerball, in dem auf einmal der weiße Volkswagen versinkt, als er anhand von Illustrationen darlegt, wie Breivik eines der Opfer nach dem andern auf der Insel Utøya ermordete und als er die Tonaufnahme des Notrufs eines Mädchens abspielt, auf der im Hintergrund Schüsse zu hören sind, da blickt der Attentäter wieder starr geradeaus. Manchmal macht er Notizen. Ab diesem Dienstag hat Breivik das Wort.
Das Osloer Amtsgericht hat einen Zeitplan veröffentlicht, nach dem der Prozess gegen Anders Behring Breivik voraussichtlich ablaufen soll.
16. bis 23. April: Der erste Prozesstag war der Verlesung der Anklageschrift und den Darlegungen der Staatsanwaltschaft gewidmet. Der Rest der ersten Prozesswoche ist für die Aussage des Angeklagten reserviert. Breivik erhält Gelegenheit, seine Motive und seine Ideologie zu erläutern. Die Staatsanwälte wollen Breiviks Aussage allerdings auf das begrenzen, was für den Prozess relevant ist.
24. bis 30. April: In der zweiten Woche soll es um den Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel gehen. Es sollen 15 Personen, die bei dem Anschlag verletzt wurden, sowie zwei Gerichtsmediziner aussagen.
3. Mai bis 1. Juni: Für die Erörterungen des Massakers auf der Insel Utøya sind Dutzende Überlebende als Zeugen geladen. Sie sollen jede einzelne Tat beleuchten und beschreiben, was auf der Insel geschah. Auch Gerichtsmediziner werden aussagen.
4. bis 6. Juni: Es soll zunächst um Breiviks Festnahme auf der Insel gehen. Die Polizei hatte zuvor schon Fehler bei dem Einsatz eingestanden; so hätten die Einsatzkräfte die Insel nach eigener Aussage gut eine Viertelstunde schneller erreichen können, wenn ein Boot direkt verfügbar gewesen wäre. Für den 4. sowie den 5. Juni sind außerdem fünf Zeugen geladen, die vor den Attentaten Kontakt zu Breivik hatten. Am 6. Juni sollen Zeugen über den Gang der Ermittlungen gegen Breivik Auskunft geben.
7. bis 15. Juni: Die Verteidigung sowie die Vertreter der Nebenkläger erhalten Gelegenheit zur Beweisführung. Drei Rechtsanwälte treten dabei als Koordinatoren der insgesamt 166 Nebenklägervertreter auf.
18. bis 20. Juni: Die psychiatrischen Gutachter sollen aussagen. Breivik wurde von zwei unabhängigen Teams beobachtet, die zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangten; während ein Gutachten ihn als paranoid-schizophren und damit nicht schuldfähig einschätzt, beschreibt ihn das andere als nicht psychotisch und schuldfähig.
21. und 22. Juni: Zum Schluss sind die Plädoyers von Anklage und Verteidigung vorgesehen. Das Urteil wird einige Wochen später erwartet. (frs.)
Bitte um Sachlichkeit
Marcel Englert (englertmarcel)
- 19.04.2012, 14:34 Uhr
Wie man Breivik einen Gefallen tut...
Meike Nederveld (MeikeN)
- 18.04.2012, 12:57 Uhr
Der Prozess wird voraussichtlich (!?) bis zum Juni dauern ..
Giso von Steinrück (gvsfrance)
- 17.04.2012, 11:48 Uhr
Massenmörder fängt aus Rührigkeit seiner Taten an zu
heulen ....
Giso von Steinrück (gvsfrance)
- 17.04.2012, 11:36 Uhr
Überreaktion
perry hagedorn (perryhagedorn)
- 17.04.2012, 10:55 Uhr
