28.05.2011 · Niemand wagte, sich Ratko Mladic in den Weg zu stellen. Es dauerte fast sechzehn Jahre nach der Anklageerhebung, bis der Schlächter von Srebrenica gefasst wurde. Wie konnte er sich so lange der Justiz entziehen?
Von Michael MartensUm seine Opfer in Sicherheit zu wiegen, versicherte Ratko Mladic den todgeweihten Männern von Srebrenica kurz vor dem Beginn der Erschießungen, jedem, der seine Waffe abgebe, werde nichts geschehen. Er diktierte einem Mann weitere Forderungen, war ausgesucht höflich, sagte „bitte“ und „danke“. Dann gab er den Muslimen Srebrenicas zu verstehen, sie sollten sich besser an seine Anweisungen halten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei: „Allah kann euch nicht helfen, aber Mladic.“
Der Tag seines größten Verbrechens ist in allen Einzelheiten dokumentiert. Es ist der 11. Juli 1995, ein heißer Sommertag in Bosnien. In Deutschland herrscht unbeschwerte Ferienstimmung. Borussia Dortmund ist Meister geworden. In Berlin hat ein exzentrisches Künstlerpärchen den Reichstag verhüllt und den Deutschen damit angeblich eine neue Leichtigkeit beschert.
Zwei Flugstunden südöstlich herrscht unverhülltes Grauen. Es ist die Endphase des Krieges in Bosnien. Noch gut vier Monate wird das Morden andauern. Am Ende werden etwa 100.000 Menschen getötet, ungleich mehr vertrieben sein. Am 11. Juli nimmt in der sogenannten UN-Schutzzone Srebrenica das größte Massaker des bosnischen Krieges seinen Lauf, und Ratko Mladic, Oberbefehlshaber über die Truppen der bosnischen Serben, will den großen Tag für die Nachwelt festhalten. Er hat einen Kameramann mitgebracht, der ihn in den folgenden Stunden begleiten wird. Jetzt, da er die jahrelang von bosnischen Muslimen gegen eine serbische Übermacht gehaltene Enklave betreten hat, spricht er die berühmten Worte: „Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Am Vorabend eines anderen großen serbischen Festtages schenken wir dem serbischen Volk diese Stadt, denn endlich ist der Zeitpunkt gekommen, nach dem Aufstand gegen die osmanischen Tyrannen auf diesem Boden an den Türken Rache zu nehmen.“
Ohne Uniform sieht Mladic nackt aus
Mladic ist magerer geworden. Der einst so selbstsichere, furchteinflößende Blick ist verschwunden. Ohne Uniform sieht Mladic nackt aus. Die „Politika“, das renommierteste Blatt Serbiens, druckt am Freitag unter der Überschrift „Ratko Mladic gefasst“ zwei Fotos. Eines zeigt den General in Uniform auf dem Höhepunkt seiner Macht im Jahr 1995. Das andere muss unmittelbar nach der Verhaftung aufgenommen worden sein. Es ist das einzige Porträt des Gesuchten, das bisher an die Öffentlichkeit gegeben wurde.
So also sieht er heute aus? Das soll Ratko Mladic sein? Was für ein Unterschied zu Radovan Karadzic, dem ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serben. Karadzic hatte sich unter dem Tarnnamen Dr. Dragan Dabic in dem Hochhausviertel Neu-Belgrad aufgehalten, und mit seiner langen weißen Mähne sah er aus wie ein indischer Guru. Mladic dagegen sieht aus wie ein serbischer Bauer. Und als solcher gab er sich offenbar auch aus, als man ihn aufspürte.
In Mladics Sätzen von der „Rache an den Türken“ verbarg sich die Anweisung für alles, was im Juli 1995 innerhalb von 72 Stunden geschehen sollte in Srebrenica. „Türken“, so nennen serbische Nationalisten die bosnischen Muslime. Die Bezeichnung ist gleichbedeutend mit „Verräter“ oder „Überläufer“. Bosniens Muslime sind Balkanslawen, deren katholische oder orthodoxe Vorfahren irgendwann nach der Eroberung des Landes durch die Osmanen zum Islam übertraten - was serbische Nationalisten ihren Nachfahren auch Jahrhunderte später noch übelnehmen.
Umgeben von Männern, die wissen, wie man tötet
Nun also ist der Zeitpunkt der Rache gekommen. Srebrenica ist gefallen, überrannt von Mladics Truppen. Das in dem Ort stationierte niederländische Blauhelmkontingent wäre Mladics kampferfahrenen und hochgerüsteten Einheiten selbst dann hoffnungslos unterlegen, wenn es sich ihnen ernsthaft in den Weg stellte. Doch die Niederländer werden sich niemandem in den Weg stellen in den folgenden Tagen, nicht einmal symbolisch. Sichtlich verängstigt wird ihr Befehlshaber Thom Karremans vor Mladic im Staub kriechen und sein Leben zu retten versuchen.
Zwei Wochen nach dem Massaker von Srebrenica, bei dem bis zu 8000 muslimische Jungen und Männer von den Truppen der bosnischen Serben erschossen wurden, klagt das UN-Kriegsverbrechertribunal Mladic wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Formal ist er jetzt ein gesuchter Mann. Doch er wird noch sechzehn Jahre in Freiheit verbringen - und mindestens die ersten sechs davon in aller Öffentlichkeit. Während in Bosnien noch Krieg herrscht, ist er ohnehin nicht zu greifen. Doch auch danach, als 60.000 Soldaten unter Führung der Nato als Friedenstruppen in Bosnien stationiert sind, kann er sich weiter frei bewegen. Mladic ist immer noch Chef des Generalstabs der Armee der bosnischen Serben. Er ist umgeben von Männern, die wissen, wie man tötet. Die westlichen Staaten fürchten ein Blutbad, sollten sie versuchen, Mladic festzunehmen. Kein Verteidigungsminister will sich in seinem Land vor die Presse stellen und erklären müssen, warum bei dem Versuch der Festnahme eines mutmaßlichen Kriegsverbrechers, dessen Name im Ausland längst wieder vergessen ist, viele eigene Soldaten ihr Leben ließen. Aus Washington heißt es, die Aufgabe der westlichen Truppen sei es, den Frieden in Bosnien zu sichern, nicht etwa Kriegsverbrecher zu jagen. Die anderen Hauptstädte sind ohnehin nicht dazu in der Lage, Mladic zu verhaften. Ein deutscher Offizier sagt im Jahr 2002 auf die Frage, was er täte, wenn er Ratko Mladic sähe: „Freundlich grüßen und weiterfahren.“
„Eine dieser furchtbaren Gestalten“
So ähnlich hat es auch der Niederländer Karremans gemacht. Doch es ist leicht, sich aus sicherer Entfernung über den für die Muslime des Balkans zur Unperson gewordenen Karremans zu mokieren. Denn dass Mladic seiner Umgebung Furcht einflößen konnte, anders als der weichliche Operettenpräsident und Bergbauerngelegenheitslyriker Karadzic, bestätigen alle, die mit ihm zu tun hatten. Sogar Richard Holbrooke, im vergangenen Jahr gestorbener einstiger Bosnien-Vermittler des amerikanischen Präsidenten Clinton und gewiss kein leicht zu beeindruckender Mann, zeigte sich fasziniert von Mladics Ausstrahlung: „Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden“, schrieb er später über eine Begegnung. Finster habe der Serbe vor sich hin gebrütet und versucht, „jeden Einzelnen von uns in ein Blickduell zu verwickeln“. Er sei „eine dieser furchtbaren Gestalten“ gewesen, die die Geschichte immer wieder hervorbringe: „ein charismatischer Mörder“.
Ein dunkler Raum, irgendeine Baracke in Srebrenica. Wieder läuft die Kamera. Mladic brüllt Karremans an und fragt, ob der seinen Männern den Befehl gegeben habe, auf serbische Soldaten zu schießen. Karremans verneint, windet sich, weiß nicht wohin mit seinen Händen, hat Angst. Mladic weidet sich daran. Er fragt: „Haben Sie Frau und Kinder?“ Karremans: „Ich habe zwei Kinder.“ Mladic: „Wie lange haben Sie sie nicht mehr gesehen?“ Karremans: „Seit einem halben Jahr.“ Mladic: „Möchten Sie sie sehen?“ Karremans: „Ja, natürlich.“ Mladic: „Dasselbe wollten meine Soldaten, die sie heute erschießen ließen.“ Mladic spielt mit der Angst seines Gegenübers, denn die Niederländer haben keine serbischen Soldaten erschossen. Doch der serbische General behauptet anderes und lässt den ausländischen Befehlshaber im Ungewissen darüber, ob er diesen Tag überleben wird oder nicht. Erst später löst er die Spannung etwas auf. Mladic bietet Karremans eine Zigarette an. Der lehnt zunächst ab - er habe in den vergangenen Stunden schon zu viel geraucht. Doch Mladic hält Karremans auffordernd die Schachtel hin und scherzt: „Haben Sie keine Sorge, es wird nicht Ihre letzte Zigarette sein.“
Irgendwann Ende der neunziger Jahre, wahrscheinlich 1997, wurde es dem charismatischen Mörder zu unsicher in Bosnien. Im raubtierhaften Machtkampf der bosnischen Serben um die Aufteilung der Kriegsbeute waren er und Karadzic der eiskalten Kriegerin Biljana Plavsic unterlegen. Frau Plavsic wurde mit Unterstützung des Westens zur neuen Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik, bevor auch sie vom Haager Kriegsverbrechertribunal angeklagt wurde, als einzige Frau übrigens. Mladic verlor seinen Posten als Chef der bosnischen Armee und ging nach Serbien, wo Slobodan Milosevic noch immer alle Fäden in der Hand hielt.
Der damals noch von sehr vielen Serben als Volksheld verehrte General lebte weiter in aller Öffentlichkeit, besuchte Cafés und Fußballspiele. Im Sommer 2000 nahm er als Ehrengast an einer offiziellen Feierlichkeit der Armee im Haus der Offiziere in der Belgrader Innenstadt teil. Das sollte allerdings sein letzter großer öffentlicher Auftritt sein.
Der geruhsame Lebensabend eines renommierten Massenmörders
Im Oktober 2000 wird Slobodan Milosevic gestürzt, die demokratische Opposition übernimmt die Herrschaft in Belgrad. Doch es ist eine unvollkommene Herrschaft. Die Geheimdienste, die Armee, die Polizei, die Sondereinheiten des Innenministeriums entziehen sich der Kontrolle des neuen serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic. Dem sind die Hände gebunden, weil er mit Teilen des alten Regimes paktiert hat, um Milosevic stürzen zu können. Für Mladic ändert sich deshalb zunächst nicht viel. Er meidet fortan zwar öffentliche Auftritte, lebt aber weiterhin in seinem Haus im Belgrader Stadtteil Banovo Brdo. Er geht zum Bäcker, sitzt manchmal in einem Café, spaziert durch den Park.
Mladic führt den geruhsamen Lebensabend eines renommierten Massenmörders. Das ändert sich erst im Juni des Jahres 2001, als Djindjic es gegen innenpolitische Widerstände wagt, Milosevic an das Haager Tribunal auszuliefern. Das bedeutet, dass auch Mladic nicht mehr sicher ist. Er verlässt sein Haus und zieht sich in eine Kaserne der serbischen Armee zurück. Dort ist er vor einem überraschenden Zugriff sicher, denn die Armee hält weiter fest zu ihm. Der serbische Innenminister antwortet im Jahr 2003 in einem Gespräch mit dieser Zeitung auf die Frage, warum man Mladic nicht verhaftet habe, als man noch wusste, wo er sich aufhielt: „Weil Mladic Schutz genoss und eine Eskorte hatte, die laut allen uns vorliegenden Informationen willens und in der Lage war, ihn mit allen Mitteln zu verteidigen.“
Im März 2003 wird auch in Belgrad geschossen. Ein Scharfschütze tötet Zoran Djindjic, den Ministerpräsidenten, der Serbien in die EU führen will. Djindjic meint es ernst mit der Suche nach mutmaßlichen Kriegsverbrechern - und die zeigen ihm, wer die Macht im Lande hat. Doch obwohl Djindjic getötet wird, schlägt ihr Coup fehl. Der Plan, wieder die Macht in Serbien zu übernehmen, misslingt. Schrittweise gelingt es stattdessen dem damaligen Verteidigungsminister und heutigen Staatspräsidenten Boris Tadic, die zivile Kontrolle über die Armee durchzusetzen. Kasernengelände sind nun keine sicheren Orte mehr für Mladic. Er muss untertauchen. Der Geheimdienst weiß zwar weiterhin, wo er sich befindet, die Armeeführung aber vermutlich nicht mehr.
Für Mladic, so viel weiß man schon, waren die letzten Jahre seiner Flucht eine Phase ständiger Ortswechsel. Offenbar hält er sich nie länger als einige Wochen an einem Ort auf. Eine Weile lebt er in wechselnden Wohnungen in Neu-Belgrad, für eine kurze Zeit sogar wie Radovan Karadzic in der Belgrader Juri-Gagarin-Straße. Im Jahr 2006 gelingt den Ermittlern angeblich fast der Zugriff, doch Mladic zieht sich im letzten Augenblick aus der serbischen Hauptstadt in die Provinz zurück. Fortan lebt er offenbar hauptsächlich in kleineren Orten in der Vojvodina - ganz zuletzt in dem Großdorf Lazarevo, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs von Deutschen besiedelt war und Lazarfeld hieß. Nach der blutigen Vertreibung der Deutschen durch Titos Partisanen siedelte der neue Staat in dem menschenleeren Ort Montenegriner und bosnische Serben an. Einige der Neusiedler stammen aus der bosnischen Heimatregion Mladics, sind gar Verwandte von ihm.
Verdächtige Personen werden nicht etwa observiert, sondern verhaftet
Mladic, so hieß es am Freitag, sei auf dem Gehöft eines Onkels oder Vetters verhaftet worden, eines gewissen Branko Mladic. Wie lange sich der Gesuchte schon in Lazarevo aufhielt, wurde nicht gesagt, doch die Frage dürfte Serbien noch lange beschäftigen. Wenn die Behauptungen in der serbischen Presse zutreffen, bewies Mladic bei der Wahl seiner letzten Fluchtadresse immerhin einen gewissen Humor. Das Gehöft, in dem er verhaftet wurde, stehe nämlich in der Karadzic-Straße von Lazarevo, berichteten Belgrader Medien. Damit ist allerdings nicht Radovan Karadzic, sondern der serbische Sprachreformer Vuk Karadzic gemeint.
Dem nationalistischen serbischen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica und seinem Geheimdienstchef Bulatovic war es wenige Jahre zuvor perfekt gelungen, Mladic zu decken. Das Rezept war einfach: Sobald die Ermittler auf eine heiße Spur aus dem Kreis von möglichen Fluchthelfern stießen, wurde die verdächtige Person nicht etwa geheim observiert, sondern gleich verhaftet. Im Ausland wirkte das so, als sei die serbische Regierung eifrig auf der Suche nach Mladic. In Wirklichkeit wurde auf diese Weise aber nur der Schutzring um den General intakt gehalten. Doch als Kostunica und seine Getreuen Anfang 2008 die Parlamentswahl verloren, funktionierte das System nicht mehr. Tadic wechselte die Führung des Geheimdienstes aus, und als kurz darauf Radovan Karadzic aufgespürt wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis den Fahndern auch Mladic ins Netz gehen sollte, besser gesagt: eine Frage des Zeitpunkts.
Noch einmal zurück in die dunkle Baracke in Srebrenica. Mladic fragt Karremans: „Wie sehen sie die Lösung für diese Situation?“ Der antwortet: „Ich sollte die Bevölkerung so weit wie möglich dabei unterstützen, die Enklave zu verlassen. Ich weiß nicht, wo sie hingehen müssen.“ Mladic weiß es. Er geht nach draußen, wo sich viele tausend Muslime um das Lager der niederländischen Truppe drängen, weil die Verzweifelten irgendeinen Schutz von den Blauhelmen erhoffen. Schließlich repräsentieren die Niederländer die Vereinten Nationen, also gleichsam das Gewissen der Welt. Über einen Zaun hinweg spricht Mladic mit einigen Gefangenen. Er sichert ihnen zu, dass sie alle, „ob jung, ob alt“, die Enklave verlassen werden. „Habt keine Angst. Nur langsam. Aber zuerst Frauen und Kinder“, sagt Mladic, und so kommt es auch. Frauen und Kinder werden mit Bussen abtransportiert und über die Front in muslimisch beherrschte Gebiete gebracht, in die Gegend von Tuzla vor allem. Dann werden die in der Enklave zurückgebliebenen Männer und älteren Jungen erschossen.
„Ich bin der, den ihr sucht“, soll Ratko Mladic gesagt haben am Donnerstag, als die Zeit endlich gekommen war.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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