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Proteste nach Vergewaltigungsfall Was Indien braucht

 ·  Dem Fall der Gruppenvergewaltigung in Neu Delhi, die mit dem Tod des Opfers endete, kommt in Indien eine besondere Bedeutung zu: Er legt erbarmungslos die Zustände auf dem Subkontinent offen.

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Grausame Verbrechen geschehen in jedem Land der Erde, zu jeder Stunde. Dem Fall der Gruppenvergewaltigung in Delhi aber kommt eine besondere Bedeutung zu: er legt erbarmungslos die Zustände auf dem Subkontinent offen. Deshalb entzündet sich an ihm eine gesellschaftliche Debatte, deshalb kommt ihm für Indien ein Gewicht zu, das mit den Amokläufen an den Schulen in Amerika vergleichbar ist. Der Tod der jungen Inderin nach ihrem Martyrium deckt gleich zwei Missstände auf: die chauvinistische Haltung gegenüber Frauen, die in einigen Teilen Indiens geradezu archaische Züge trägt. Und ein erschreckendes Versagen des Staates.

Die Rolle der Frau in Südasien zu ändern, wird Jahrzehnte dauern. Denn das Frauenbild beruht auf einer Mischung aus verhängnisvollen Traditionen, Bildungsmangel und einer einengenden Sexualmoral, die männliche Machtstrukturen stützt. Um daran etwas zu ändern, braucht Indien einen gesellschaftlichen Konsens, ein neues Leitbild, es braucht Schulen und Erzieher sowie einen wirtschaftlichen Aufschwung, der auch die Armen erreicht. Umso dringender wäre es, dass der Staat seine Schutzfunktion für die eigenen Bürgern wahrnimmt. Dies aber tut er nicht, im Gegenteil. Polizisten werden zu Tätern, Juristen verschleppen Fälle, Politiker heucheln Interesse, handeln aber nicht.

Ein bekanntes Muster

Das ist ein bekanntes Muster in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens, die seit Jahren unter politischem Stillstand ächzt. Seit langem betrachten viele Volksvertreter ihr Mandat als Lizenz zur Bereicherung. Vetternwirtschaft und Korruption grassieren, die Parteien blockieren sich gegenseitig. Mehr als zwei Jahre kam keines der Reformvorhaben der Regierung voran - auch weil die Opposition das Parlament daran hinderte, zu tagen.

Die heranwachsende Mittelschicht beginnt nun allerdings, die Politiker zu fordern. Noch ist nicht zu erkennen, dass aus den einzelnen Protestbewegungen gegen Bestechlichkeit, Bürokratismus, Bereicherung und gegen die Unterdrückung der Frauen eine zielgerichtete Volksbewegung würde. Wohl aber können Indiens Politiker nicht mehr übersehen, dass es nicht weitergeht wie bisher. Die wachsende Mittelschicht will mehr. Es wird Jahre dauern, bis ihre Forderungen erfüllt werden. Aber jeder neue Funke verstärkt das Risiko einer Explosion im Pulverfass Indien.

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30.12.2012, 16:30 Uhr

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