03.12.2008 · Die ersten Maschinen landen wieder auf Bangkoks internationalem Flughafen Suvarnabhumi. Die Schäden sind viel geringer als befürchtet. Gegenüber FAZ.NET verteidigt einer der Anführer die Proteste als angemessen: „Wir haben niemanden in Geiselhaft genommen.“
Von Stefan Tomik, BangkokThailands Regierungsgegner haben ihr Versprechen gehalten. Noch in der Nacht auf Mittwoch setzten sich die Demonstranten in Bewegung und verließen den internationalen Flughafen Suvarnabhumi. Am Morgen nach der Ankündigung, alle Proteste zu beenden, steht das Gebäude wieder unter Kontrolle der Flughafengesellschaft.
Der Mitgründer der regierungskritischen Volksallianz für die Demokratie (Pad) Chamlong Srimuang, so berichtet es die „Bangkok Post“, soll den Flughafenchef umarmt haben, bevor beide vor einem Porträt von König Bhumibol niederknieten. Schon am frühen Nachmittag um 14.15 Uhr Ortszeit landete die erste Passagiermaschine mit 305 Fluggästen aus dem südthailändischen Phuket. Thai Airways hat für Mittwoch sechs Starts vorgesehen, darunter einen Flug um 23.40 Uhr nach Frankfurt. Der Check-in wurde aber in das eilig eingerichtete Stadtterminal in das Geschäftszentrum Bitec Centre verlegt, wo Passagiere sieben Stunden vor Abflug erscheinen müssen.
Mehr als 350.000 Touristen warten auf ihren Heimflug
Trotz aller Entspannung wächst die Zahl der gestrandeten Touristen zurzeit weiter. 40.000 Ausländer verlassen Thailand gewöhnlich jeden Tag, und nur ein Teil von ihnen konnte bislang auf Ausweichflughäfen umgeleitet werden. Mittlerweile sollen mehr als 350.000 Touristen auf ihren Heimflug warten. Die Fluglinien haben eine logistische Herkulesaufgabe zu bewältigen. Im Stadtterminal Bitec arbeiten Mitarbeiter der Thai Airways Tag und Nacht, manche haben seit zwei Tagen nicht geschlafen.
In den vergangenen Tagen hatten sich viele Taxifahrer noch geweigert, zum Flughafen Suvarnabhumi zu fahren. Dessen Besetzer von der Pad hatten auf den Zufahrten Kontrollposten errichtet, die Straßen mit ineinander verkeilten Gepäcktrolleys blockiert und mit Stacheldraht gesichert. Jeder, der hier herein wollte, musste sich mehrfach kontrollieren und durchsuchen lassen. Aber am Mittwochmorgen stehen die Posten verlassen da, Polizeitransporter haben sich in der Zufahrt aufgereiht, Polizisten dösen im Schatten einer Baumreihe. Auf dem Rollfeld, das man von der Zubringerspur gut einsehen kann, parken mehr als zwei Dutzend Maschinen vor allem asiatischer Fluglinien.
Im Passagierterminal herrscht Hochbetrieb. Putzkolonnen machen sich in knallpinken Schürzen und mit Gummihandschuhen an die Arbeit. Ein Pulk von Kameraleuten und Fotografen stürzt sich auf eine Gruppe von vier Putzfrauen, die den Steinboden mit einer Poliermaschine und viel Schaum bearbeitet. Die Abfertigungsschalter sehen praktisch unversehrt aus. Computer werden hochgefahren, Techniker liegen auf den Gepäckbändern und leuchten mit Taschenlampen in die Zwischenräume. „Das sieht soweit alles sehr gut aus“, sagt der Ingenieur Sumet Huairerai, der gerade die Stromversorgung inspiziert. „Es kann wohl bald wieder losgehen.“ Die Rolltreppen laufen einwandfrei, und auf Knopfdruck setzen sich auch die Aufzüge in Bewegung. Sogar leise Musik säuselt schon wieder durch die Hallen.
Keine großen Reparaturarbeiten nötig
Der Flughafentower, den die Demonstranten zwischenzeitlich besetzt haben sollen, ist nach Angaben des Betreibers intakt. Auch die Geschäfte blieben praktisch unversehrt. Auf Ebene 2 werden die Mitarbeiter der Kette „Family Mart“ schon wieder in ihre Aufgaben eingewiesen. Der Betreiber eines Zeitungskiosks sortiert seine Auslagen. In den Ständern stecken noch deutsche und internationale Zeitungen vom 25. November, dem Tag, an dem die Besetzung begann. Selbst die „Royal First Lounge“ der Thai Airways mit ihren schwarzen Ledersofas und dem vergoldeten Eingangsportal macht einen durchaus passablen Eindruck.
Auf einem der unteren Geschosse werden Röntgengeräte mit Gabelstaplern entladen. Die Maschinen waren während der Besetzung abgezogen und zu den Ausweichflughäfen gebracht worden. Aber schon in der Nacht begann ihr Rücktransport nach Bangkok. An den Ausgängen stehen Paletten von Mineralwasser herum, wobei unklar ist, ob die Ware angeliefert wurde oder demnächst abtransportiert werden soll. Den paar Taxifahrern, die heute Journalisten zum Flughafen fuhren, ist das einerlei - sie bedienen sich großzügig und laden ihren Kofferraum voll.
Die großen Reparaturarbeiten, die der Flughafenbetreiber gefürchtet hatte, werden wohl doch nicht fällig sein. Die Pad hatte mit dem Flughafen Suvarnabhumi ein Lieblingsprojekt des früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra besetzt, dessen Lager die Pad bekämpft. Suvarnabhumi wurde 2006 eröffnet und kostete drei Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr wurden hier 41 Millionen Passagiere abgefertigt.
„Die Touristen waren jederzeit frei zu gehen“
Die letzten noch im Flughafen verbliebenen Demonstranten knipsen Erinnerungsfotos und lassen sich von ihren Anführern Autogramme geben, etwa von dem früheren General Panthep Phuvanartnuruk. „Die Besetzung der Flughäfen war unser letztes Mittel“, sagte Phuvanartnuruk FAZ.NET. „Weil die Regierung auf unsere Proteste nicht reagiert hatte, haben wir zuerst den Regierungssitz belagert. Wieder gab es keine Reaktion, also drangen wir in das Anwesen ein. Als die Regierung auch darauf nicht reagierte, sind wir zu den Flughäfen gezogen.“
Auf den immensen wirtschaftlichen Schaden, der dem Land durch die Besetzung entstanden ist, sagte Phuvanartnuruk, die Touristen würden bestimmt schon bald wiederkommen. Um eine korrupte Regierung loszuwerden, „war es das definitiv wert“. Schließlich könne man die Korruption überall sehen. „Schauen Sie sich nur diesen Flughafen an. Der hat eine Menge Geld gekostet, aber wir haben nur schlechte Qualität bekommen.“ Vorwürfe, die Pad habe ausländische Touristen und Geschäftsleute für ihre Anliegen in Geiselhaft genommen, wies Phuvanartnuruk zurück. „Die Touristen waren jederzeit frei zu gehen und wurden dabei von unseren Leuten unterstützt. Wir haben auch niemanden dazu gedrängt, sich mit uns zu solidarisieren, das ging von den Touristen aus.“
Ratingagentur stuft Thailand herab
Doch anders als Phuvanartnuruk sehen die Regierung und Geschäftsleute den Schaden als immens an. Jeden Tag erscheinen neue Schätzungen, aber noch ist wohl nicht abzusehen, wie weit der Vertrauensverlust reicht. Die Ratingagentur „Standard and Poor's“ stufte Thailand nun herab, da „die mittelfristigen Wachstumsaussichten beeinträchtigt“ seien. Die tagelange Besetzung der Flughäfen habe „das Risiko eines großflächigen Gewaltausbruchs erhöht“, heißt es.
Es könne noch Wochen oder gar Monate dauern, bis der Flugbetrieb wiederaufgenommen werde, wurde in den vergangenen Tagen spekuliert. „Nur Gott weiß, wann das passiert“, sagte ein Flughafenvertreter der Presse. Nun sieht es eher so aus, als sei das eine Frage von Stunden bis wenigen Tagen. Es scheint, als wäre Gott den gestrandeten Urlaubern wohl gesonnen.
Stefan Tomik Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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