06.02.2006 · Auf den ersten Blick scheint es, als habe ein Flächenbrand die islamische Welt erfaßt. Der Konflikt über die Mohammed-Karikaturen scheint außer Kontrolle zu geraten. Radikale Muslime nutzen die Gelegenheit, einen latenten Volkszorn zu verstärken. Und doch ist die Eskalation der Gewalt auf wenige Orte beschränkt.
Von Rainer Hermann, IstanbulAuf den ersten Blick scheint es, als habe ein Flächenbrand die islamische Welt erfaßt. In Beirut brennt das dänische Konsulat, und in Damaskus legen Randalierer Feuer in den Botschaften Dänemarks und Norwegens. Militante Palästinenser attackieren in Gaza die deutsche Vertretung, und auch in den Hauptstädten Irans, Indonesiens, Ägyptens und Pakistans protestieren Muslime.
Der Konflikt über die Mohammed-Karikaturen scheint außer Kontrolle zu geraten. Nirgendwo in der islamischen Welt wird Verständnis für die Veröffentlichung der Karikaturen geäußert. Und doch ist die Eskalation der Gewalt auf wenige Orte beschränkt.
In Ägypten Trauer wegen Fährunglück
In Kairo sind auf der Buchmesse, die am Wochenende zu Ende ging, zwar die Karikaturen zum beherrschenden Thema der Veranstaltungen geworden. Ausschreitungen haben sich daran aber nicht entzündet. Auch ist am Sonntag der Protestzug von 1.000 Demonstranten in der Innenstadt von Kairo friedlich verlaufen. Sie forderten ihre Regierung auf, die Botschafter aus Dänemark und Norwegen abzuziehen. Und dann gingen sie wieder nach Hause.
Dort beschäftigt sie der Untergang einer ägyptischen Fähre im Roten Meer weit mehr, und ohnehin steht Ägypten im Fußballfieber, denn das Land trägt in diesen Tagen den Africa-Cup aus. Auch die islamistische Opposition der Muslimbrüder hat sich verantwortungsvoll verhalten und kein weiteres Öl ins Feuer gegossen. Allerdings hatte die ägyptische Regierung nach den Ausschreitungen von Damaskus und Beirut vor den Botschaften der EU-Staaten sicherheitshalber die Polizeipräsenz verstärkt.
Radikale springen auf den fahrenden Zug auf
Auch arabische Beobachter fragen sich, weshalb der Streit über Karikaturen, die schon am 30. September in der dänischen Zeitung „Jylland-Posten“ erschienen waren, erst in diesen Tagen eskaliert, und sie stellen sich die Frage, wer aus dem Geschehenen einen Vorteil ziehe.
Es entsteht der Eindruck, daß auf den fahrenden Zug alle jene Radikale aufspringen, die auf eine Gelegenheit gewartet haben, sich - aus unterschiedlichen Gründen - am Westen zu rächen und den latent vorhandenen Volkszorn zu verstärken. Denn die dänischen Muslime hatten sich ja befriedigt zu den Erklärungen der Regierung Rasmussen geäußert und einen Aufruf zur Deeskalation ausgegeben.
Sie meinen eigentlich den Westen
In Syrien steht das Regime von Präsident Assad wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an der Ermordung des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Hariri unter dem Druck der Staatengemeinschaft. Im Libanon fürchtet die islamistische Hizbullah um den Verlust ihrer Schutzmacht Syrien.
Iran steht wegen seiner Atompolitik am Pranger der Staatengemeinschaft, und in Saudi-Arabien wittern wiederum die Reformgegner eine Chance, sich gegenüber dem Westen abgrenzen und ihre Identität als diejenigen zu schärfen, die die Ehre des Islams hochhalten. Sie alle schlagen Dänemark, meinen aber den Westen.
Demonstration von extremistischen Islamisten
Rätselhaft ist, was in Syrien geschieht, einem Polizeistaat, in dem es keine „spontanen“ Demonstrationen geben kann. Unklar ist, ob das Regime Assad die Demonstranten bewußt hat gewähren lassen oder ob die Demonstration außer Kontrolle geriet, weil sich extremistische Islamisten des Protests bemächtigt hatten.
Die staatliche Nachrichtenagentur berichtete über Kämpfe der Anti-Terror-Einheiten mit einer islamistischen Gruppierung nahe Damaskus. Der Großmufti Syriens, Scheich Badreddin Hassun, bedauerte die „armselige“ Weise der Kritik an Dänemark, und Muhammed Habasch, der als einziger „unabhängiger“ Islamist Mitglied des syrischen Parlaments ist, teilte mit, keine bekannte islamische Bewegung habe zu den Protesten aufgerufen.
Einen Keil zwischen die Religionsgruppen treiben
Besorgt äußerte der libanesische Ministerpräsident Siniora, den Demonstranten von Beirut gehe es nicht um einen friedlichen Protest, sondern darum, den Libanon zu destabilisieren. Das wird auch den syrischen Geheimdiensten unterstellt, die seit dem Attentat auf Hariri hinter der Welle politischer Morde in Beirut vermutet werden. Es gebe Kräfte, die einen Keil zwischen die Religionsgruppen treiben wollten, sagte der sunnitische Politiker Siniora.
Scharf kritisierte zudem ein islamischer Religionsgelehrter des Libanons die Ausschreitungen, die auch zu Angriffen auf Kirchen in Beirut geführt haben. Sie seien trotz der Beleidigung des Propheten nicht gerechtfertigt, sagt er. Auch der Generalsekretär der größten islamistischen Partei Jordaniens mißbilligte die Gewalt.
Vorwurf doppelten Standards in der Pressefreiheit
Der Sog der Brandstifter ist indessen so stark geworden, daß sich selbst besonnene Personen dem Druck kaum entziehen können. Auch der prowestliche König Jordaniens, Abdullah II., hat die Veröffentlichung der Karikaturen ein „Verbrechen“ genannt, das selbst mit der Meinungsfreiheit nicht gerechtfertigt werden dürfe.
In Diskussionssendungen arabischer Fernsehsender ist nun häufig der Vorwurf zu hören, der Westen lege bei der Pressefreiheit einen doppelten Standard an: Zum einen rechtfertige er die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen mit der Pressefreiheit, zum anderen fordere er von den arabischen Nachrichtensendern, die Ausstrahlung von Videos der Terroristenführer Bin Ladins und Zawahiris zu unterlassen.
Die westlichen Regierungen, nicht die arabischen, sollen es regeln
Angela Mirna (Angela.Mirna)
- 06.02.2006, 11:53 Uhr
Sicher nicht die Muslime
Thomas Bodewig (Bodewth)
- 06.02.2006, 12:41 Uhr
Danke!
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 06.02.2006, 13:51 Uhr
Es geht gegen den Westen, nicht nur Daenemark
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 06.02.2006, 14:02 Uhr
Es ist so gefährlich...
Michael Schultz (Offensichtlich)
- 06.02.2006, 16:50 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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