03.02.2009 · Nach einem Schuhwurf auf den chinesischen Regierungschef Wen in Cambridge hat die britische Polizei den Täter der Störung der öffentlichen Ordnung beschuldigt. Chinesische Medien schweigen den Vorfall tot, Berichte im Internet über die Protestaktion wurden umgehend gelöscht.
Nach einem Schuhwurf auf den chinesischen Regierungschefs Wen Jiabao während seines Besuchs in Cambridge hat die britische Polizei den Täter offiziell wegen Störung der öffentlichen Ordnung beschuldigt. Der 27 Jahre alte Werfer solle am Dienstag kommender Woche einem Richter vorgeführt werden, sagte eine Polizeisprecherin am Montagabend.
Während einer Rede Wens vor etwa 500 Zuhörern in der renommierten britischen Universität von Cambridge war der Mann aufgestanden und hatte einen Turnschuh in Richtung des Ministerpräsidenten geworfen. Dabei rief er: „Das ist ein Skandal. Wie könnt ihr den Lügen dieses Diktators zuhören?“ Der Schuh verfehlte Wen um etwa einen Meter.
Widerstandslose Festnahme
Der Schuhwerfer hatte sich nach seiner Aktion widerstandslos festnehmen lassen. Wen verurteilte den Angriff als „verachtenswertes Verhalten“, das der Freundschaft zwischen China und Großbritannien nicht im Wege stehen könne. Das Vereinigte Königreich war die letzte Station von Wens Europareise, die ihn auch nach Deutschland geführt hatte. Das chinesische Staatsfernsehen hatte Wens Rede in Cambridge übertragen, brach die Übertragung aber während der Protestaktion abrupt ab.
Im Dezember hatte ein Schuhwurf eines irakischen Journalisten auf den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush weltweit für Aufsehen gesorgt. Der Fernsehjournalist Muntaser al Zaidi hatte bei Bushs Abschiedsbesuch in Bagdad seine Schuhe in Richtung des scheidenden Präsidenten geworfen, der sich jedoch wegduckte und nicht getroffen wurde. Mitschnitte der Szene wurden vor allem in der arabischen Welt bejubelt. Saidi wurde umgehend festgenommen und wartet seitdem auf seinen Prozess.
Schuh ist nicht gleich Schuh
Die chinesischen Medien vom Dienstag haben den Schuh-Wurf auf Ministerpräsident Wen Jiabao während dessen Besuchs in Großbritannien komplett verschwiegen. Einträge im Internet zu dem Thema wurden offenbar rasch gelöscht. Bei der populärsten chinesischen Suchmaschine, Baidu, gab es keinen Hinweis auf den Zwischenfall.
Schuh ist offenbar nicht gleich Schuh: Der Wurf eines irakischen Journalisten auf den damaligen US-Präsidenten George W. Bush wurde in chinesischen Medien - die alle unter staatlicher Kontrolle stehen - rasch und breit berichtet.
Zeitungen und Fernsehen berichteten über Wens Besuch in Großbritannien, auch über die Rede des Regierungschefs in der englischen Cambridge University - jedoch wurde der Schuh-Wurf mit keinem Wort erwähnt. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, Großbritannien habe wegen eines „Zwischenfalls“, den China scharf verurteilt habe, um Entschuldigung gebeten. Was der „Zwischenfall“ war, wurde aber nicht gesagt.
Proteste gegen Wens Tibet-Politik
Im staatlichen Fernsehen CCTV war unspezifisch von einer „Störung“ die Rede - auch hier ohne Erklärung. In der Übertragung der Rede blieb die Kamera auf Wen fixiert, nur das Geräusch des auf die Bühne fallenden Schuhs konnte vernommen werden.
Wens Besuch in London war von Protesten gegen die chinesische Tibetpolitik und von Demonstrationen von Menschenrechtlern überschattet. Der Schuh-Werfer am Montag in Cambridge verfehlte den Politiker und wurde festgenommen. Wen ließ sich durch den Vorfall nicht weiter aus der Ruhe bringen. Nach einer Pause von nur wenigen Sekunden setzte er seine Rede fort. Einer seiner Mitarbeiter betrat ruhig die Bühne, sammelte den grauen Sportschuh auf und entfernte ihn.
Inhalte im Internet gelöscht
Eine Google-Suche nach dem Vorfall ergab einen Link zum Forum Tianya, einem der populärsten in China. Dort hatte ein Nutzer gefragt, was bei der Rede in Cambridge passiert war. Der Inhalt war aber am Dienstag schon gelöscht, Klicks auf den Link gingen ins Leere.
China kontrolliert das Internet restriktiv. Wie in allen anderen Medien des Landes werden Inhalte zensiert, die von Regierung oder Kommunistischer Partei als kritisch betrachtet werden. Selbst bei der Rede Barack Obamas zur Amtseinführung als US-Präsident wurden unliebsame Passagen einfach rausgestrichen.