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HDP nach Istanbul-Anschlägen : Vom Erdboden getilgt

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Nach der Razzia: Das verwüstete Büro der prokurdischen Partei HDP in Istanbul Bild: dpa

Dass die prokurdische HDP den Anschlag in Istanbul sogleich verurteilte, nutzte ihr wenig – über 200 Politiker der Partei werden verhaftet. Ihre Büros und Zentralen werden mit unmissverständlichen Drohungen beschmiert.

          Auf der Beerdigung von Velat Demiroglu ertönen kurdische Klagelieder. Die Leiche des 24 Jahre alten jungen Mannes war am Montagmorgen von der türkischen Metropole Istanbul nach Diyarbakir im Südosten des Landes überführt worden, der inoffiziellen Hauptstadt der Kurden in der Türkei und seit über einem Jahr einer der Schauplätze des wieder entbrannten kurdisch-türkischen Konfliktes. Die Familie sei aus Diyarbakir nach Istanbul gezogen, um dem Terror zu entfliehen, sagt Vater Mehmet Demiroglu auf der Beerdigung seines Sohnes, doch der Terror habe die Familie nun in Istanbul ereilt. Velat Demiroglu hatte als Minibusfahrer in Istanbul gearbeitet und stand am Steuer seines Sammeltaxis gerade an einer roten Ampel nahe dem Fußballstadion in Besiktas, als dort eine Autobombe explodierte und ihn mit in den Tod riss.

          In seiner auf Kurdisch gehaltenen Trauerrede bezeichnet der gramgebeugte Vater die Terroranschläge als „gemeinsames Leid“ aller Türken. Die Schwester des Verstorbenen schlug weniger versöhnliche Worte am Grab ihres kleinen Bruders an. Sie wolle ihre Kinder weder der kurdischen noch der türkischen Sache opfern, schwor die junge Frau unter Tränen. Ein Verwandter der Familie verurteilte den Terror der PKK-nahen Gruppe TAK, die sich am Sonntagnachmittag zu dem Doppelanschlag bekannt hatte: „Wir wollen nicht, dass noch mehr Blut vergossen wird. Wir sind Kurden, aber wir wollen weder verteidigt, noch getötet werden.“

          Blutiger Anfang, blutiges Ende

          Zu den Opfern des blutigen Doppelanschlages von Samstagnacht gehört auch Tunc Uncu. Er war 29 Jahre alt und stolz auf seinen Job als Ticketverkäufer für den Fußballverein Besiktas, dessen glühender Fan er war. Pelin Sezer wiederum war 28 Jahre alt und nur zufällig in der Nähe des Anschlagsortes. Die junge Bankangestellte fuhr zum Zeitpunkt der ersten Explosion zufällig in einem Sammeltaxi am Besiktas-Stadion vorbei. Genauso erging es Mustafa Berkay Akbas. Der 19 Jahre alte Medizinstudent aus Ankara war übers Wochenende in Istanbul, um den Abschluss seiner Prüfungen zu feiern, und saß ebenfalls nahe dem Besiktas-Stadion in einem Taxi, als die Bombe hochging.

          Vier junge Menschen, vier Todesopfer der Terrornacht in Istanbul. Mit ihnen starben 43 weitere Menschen, die meisten von ihnen Polizisten. Mehr als 150 wurden verletzt. Der Doppelanschlag von Samstagnacht bringt das Jahr für die Menschen in der Türkei so blutig zu Ende, wie es begonnen hat. Im Januar sprengte sich in der historischen Altstadt von Istanbul ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss 12 deutsche Touristen mit in den Tod, mehr als ein Dutzend Anschläge von islamistischen oder kurdischen Extremisten folgten und forderten insgesamt mehr als 400 Tote. Die 300 Menschen, die in der Nacht des Putschversuches vom 15. Juli ums Leben kamen, sind dabei noch nicht einmal eingerechnet.

          Während am Montag nach den jüngsten Anschlägen überall in der Türkei Angehörige trauern und die Opfer begraben, finden in elf Provinzen des Landes Razzien gegen prokurdische Politiker statt. Die türkische Polizei hat über 200 Personen festgenommen, darunter viele Vertreter der prokurdischen Partei HDP. Ihnen würden Verbindungen zur verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und die Verbreitung „terroristischer Propaganda“ über soziale Medien zur Last gelegt, teilte das türkische Innenministerium am Montag mit.

          Schon Stunden bevor sich die TAK, eine radikale Splittergruppe der verbotenen Arbeiterpartei PKK, auf ihrer Internetseite zu den verheerenden Anschlägen bekannt hatte, vermuteten türkische Politiker kurdische Terroristen hinter dem Doppelanschlag und kündigten Vergeltung an. „Unsere dringlichste Aufgabe ist es, Rache zu nehmen“, sagte der türkische Innenminister Süleyman Soylu am frühen Sonntagnachmittag. Die Verantwortlichen müssten „vom Erdboden getilgt“ werden, so Soylu. Es habe keinen Sinn, sich hinter Parteien, Politikern und Medien zu verstecken.

          Drohung: „Wir sind gekommen, ihr wart nicht da“

          Dass die prokurdische HDP, die zweitgrößte Oppositionsfraktion im türkischen Parlament, sich unmittelbar nach dem Doppelanschlag vom Terror distanziert und die Anschläge scharf kritisiert hatte, nutzte da wenig. Viele der am Montag Festgenommenen gehören der HDP an, in Istanbul wurden Parteizentralen verwüstet und Schmierereien an den Wänden von HDP-Parteibüros hinterlassen: „Wir sind gekommen, ihr wart nicht da“, so die unmissverständliche Drohung, die auf Fotos vom Tatort zu lesen ist.

          Führende Abgeordnete der Partei, darunter auch der Parteivorsitzende Selahattin Demirtas, sitzen ohnehin schon seit Wochen im Gefängnis, nachdem sie im Zuge der Maßnahmen nach dem gescheiteren Putsch festgenommen wurden. Seit der erneuten Eskalation des Kurdenkonflikts im Sommer 2015 lehnt die Regierung jeden Dialog mit der HDP ab. Sie betrachtet die Oppositionspartei als politischen Arm der verbotenen PKK. Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet ihre Politiker regelmäßig als „Terroristen“.

          Die Anschläge hatten weltweit für Entsetzen gesorgt. Kanzlerin Angela Merkel bot Erdogan Unterstützung und eine engere Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus an. Bei allen Reaktionen auf die Attentate müssten aber auch Verhältnismäßigkeit und Rechtsstaatlichkeit beachtet werden. Auch in der türkischen Presse wurden die Vergeltungsaktionen nach dem Doppelanschlag von Istanbul kritisch bewertet. In der Zeitung „Hürriyet“ etwa warfen Kolumnisten der Regierung vor, auf blinde Rache zu setzen, ohne eine klare Strategie zu haben, um der Welle von Anschlägen ein Ende zu setzen.

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