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Präsidentschaftswahl in Polen Versöhnung sogar mit den einstigen Kampfgefährten

01.07.2010 ·  Auch in der letzten Fernsehdebatte vor der Stichwahl am kommenden Sonntag hat Jaroslaw Kaczynski seinen Imagewechsel vom Spalter zum Friedensengel durchgehalten. Seinen Gegner Bronislaw Komorowski hat er damit in große Schwierigkeiten gebracht.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Jaroslaw Kaczynski ist bis zum Äußersten gegangen. In der letzten Fernsehdebatte vor der zweiten Runde der polnischen Präsidentenwahl an diesem Sonntag hatte die Moderatorin dem nationalkonservativen früheren Ministerpräsidenten eine teuflische Frage gestellt: Ob er auch bereit sei, sich mit Lech Walesa zu versöhnen, dem legendären Führer des polnischen Widerstands zu Zeiten des Kommunismus?

Kaczynski saß in der Falle. Einerseits ist seine Feindschaft zu Walesa tief und bitter. Als junger Mann war er im Widerstand gegen die kommunistische Diktatur ein enger Mitarbeiter des Gewerkschaftsführers gewesen, hatte dann aber nach der Wende mit ihm gebrochen, weil Walesa nach seiner Meinung die Kommunisten nicht gnadenlos genug bekämpfte. Persönliche Kränkung kam hinzu, weil Walesa Kaczynskis hartnäckiges Junggesellentum mit anzüglichen Späßen kommentiert haben soll.

Versöhnung als erste Bürgerpflicht

Andererseits hatte Kaczynski im Rennen um die Nachfolge des im April bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommenen Präsidenten Lech Kaczynski, seines Zwillingsbruders, die Versöhnung zur ersten Bürgerpflicht erhoben. Aus der Erkenntnis, dass er 2007 vor allem deswegen als Ministerpräsident gescheitert ist, weil sein permanenter verbaler Krieg gegen Kommunisten, Liberale, Schwule, Deutsche und Unternehmer die Leute erschreckte, hatte er abgeleitet, dass nur ein totaler Charakterwandel vom Kriegstreiber zum Friedensboten ihm den Weg zurück zur Macht ebenen könne. Mit äußerster Disziplin hat er diese Linie bis zuletzt durchgehalten.

Dann aber kam diese Frage: Und wie ist es mit Walesa? „Bieten Sie auch ihm die Hand?“ Kaczynski windet sich: „Ich biete jedem die Hand, der sich so benimmt, wie es der polnischen Kultur entspricht. Soviel kann ich sagen.“ – „Walesa also nicht?“ Kaczynski windet sich wieder, dann wächst er über sich hinaus: „Nein... ich sage nicht nein... Allen. Auch Walesa.“

Kaczynski ein „Wolf im Großmutterkostüm“?

Sejmmarschall Bronislaw Komorowski, Kaczynskis Gegenkandidat von der liberalkonservativen Bürgerplattform des Ministerpräsidenten Tusk, der die erste Wahlrunde mit fünf Punkten Vorsprung gewonnen hat, ist durch diesen Imagewechsel in ernste Schwierigkeiten geraten. Der Hinweis auf die Aggressivität des Gegners hätte sein stärkstes Argument werden können. Im Wahlkampf hat er deshalb immer wieder versucht, dessen Wandlung unglaubwürdig zu machen. Abwechselnd nannte er Kaczynski ein „Chamäleon“ und einen „Wolf im Großmutterkostüm“ und einmal griff er sogar auf die slawische Mythologie zurück und verglich den Gegner mit dem vielgesichtigen Götzen Swiatowid.

Vor der Fernsehdebatte am Mittwochabend hatten Komorowskis Helfer die Parole ausgegeben, entscheidend sei nun, ob es gelinge, den Gegner so zu provozieren, dass er die Maske fallen lässt. „Wir müssen beweisen, dass der Sieg Kaczynskis eine Gefahr bedeutet“, hieß es. Wenn sechs Millionen Zuschauer statt des gefürchteten Wüterichs eine Friedenstaube zu sehen bekämen, hätten sie keinen Grund mehr, zur Wahl zu gehen.

Es ist anders gekommen. Komorowski hat zwar in der Debatte hier und da angegriffen, aber den schwächsten Punkt Kaczynskis, seine Regierungszeit vor 2007, als er mit Rechtsnationalisten, Antisemiten und Schwulenfeinden paktierte und durch zahlreiche Verhaftungen das Image eines unerbittlichen Korruptionsbekämpfers schmiedete, hat Komorowski kaum zu berühren gewagt.

Kaczynski weist jede Kritik als Ungehörigkeit zurück

Der Grund für diese Beißhemmung ist in der Debatte mehrmals sichtbar geworden. Jaroslaw Kaczynski hat bis 2007 zusammen mit seinem Bruder, dem Präsidenten, regiert, und dieser genießt seit seinem dramatischen Tod im April beinahe den Status eines Nationalhelden. So ist es Kaczynski ein leichtes gewesen, Komorowskis sporadische Kritik an der Konfliktpolitik, die er gemeinsam mit seinem Bruder „seligen Angedenkens“ verfolgt hat, als grobe Ungehörigkeit zurückzuweisen. „Ich möchte den Herrn Marschall doch bitten, in seinen Ausführungen die Toten auszulassen. Das schickt sich nicht, das ist einfach nicht fair“, behauptete er – und Komorowski verstummte.

Die Fernsehdebatten am Sonntag und am Mittwoch sind deshalb ein Erfolg Kaczynskis gewesen, auch wenn Demoskopen herausgefunden haben, dass Komorowski besser ankam. Kaczynski hatte zweimal sechzig Minuten Gelegenheit sich als Lamm zu präsentieren, wo seine Gegner ihn gerne als Wolf entlarvt hätten – auch wenn er dafür so weit gehen musste, selbst Walesa die Hand zu bieten.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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