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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Präsidentenwahlen Mitt Romney und die amerikanische Seele

 ·  Schon zu Beginn des neuen Jahres läuft in den Vereinigten Staaten der Wahlkampf auf vollen Touren. Die Republikaner beginnen in Iowa die Suche nach ihrem Präsidentschaftskandidaten.

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Eisschollen schieben sich am Ufer des Mississippi übereinander. Von Westen her pfeift der Wind über die Prärie. Dauerfrost von derzeit gut zehn Grad unter null ist freilich noch lange nichts für die Leute von Dubuque. Doch Don Hedeman, pensionierter Flugzeugmechaniker und Fluglehrer, lebt gerne in Dubuque und das seit gut 50 Jahren. Und doch schäumt er förmlich vor Wut an diesem klaren Wintertag. Er ist gekommen, um den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney zu sehen.

Über Präsident Barack Obama hat er keine gute Meinung. „Er ist ein Kommunist und ein Muslim und ein Verräter dazu“, schimpft er. Gewiss, mit der Arbeitslosigkeit sei es in Iowa und zumal in Dubuque lange nicht so schlimm wie anderswo im Land: „Aber schauen Sie sich den Schuldenberg an, den Obama und die Demokraten in Washington aufgehäuft haben! Und wie sollen wir unser riesiges Haushaltsdefizit jemals wieder ausgleichen?“

Ein örtliches Fremdenverkehrszentrum

In Dubuque läuft vieles besser als andernorts. Die Stadt wurde 1788 von dem Siedler Julien Dubuque (1762 bis 1810) aus Québec gegründet. Der Pionier holte sich vom Stamm der Meskwaki-Indianer die Erlaubnis zum Abbau von Blei in den Hügeln am Mississippi ein, und so begann der Aufstieg einer der ältesten von Europäern gegründeten Siedlungen am Westufer des Mississippi zu einem Handels- und Industriezentrum mittlerer Größe. Dubuque hat heute knapp 60.000 Einwohner und ist eine der ganz wenigen Städte im flachen Agrarstaat Iowa, die in einer Landschaft sanfter Hügel liegt. Das reicht schon, um sie zu einem örtlichen Fremdenverkehrszentrum zu machen.

Nach einer langen Wirtschaftskrise von 1980 an hat es inzwischen den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft geschafft - mit zwei großen Hospitälern, einer Hochschule und einem ansehnlichen Finanzzentrum. Das riesige Werk von „John Deere“ nahe Dubuque, wo Traktoren, Mähdrescher und allerlei andere landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, ist bis heute ein Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Arbeitslosenquote im Großraum Dubuque mit rund 94.000 Einwohnern liegt derzeit bei 5,4 Prozent - und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 8,7 Prozent. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hat Dubuque 2010 zur besten Stadt Amerikas mittlerer Größe erkoren, um dort eine Familie zu gründen und Kinder großzuziehen.

„Viel zu weich gegen Obama!“

Hedeman hatte vor vier Jahren bei den Vorwahlen der Republikaner für den einstigen Baptisten-Prediger und Gouverneur von Arkansas Mike Huckabee gestimmt. Auf den späteren Kandidaten John McCain, der Huckabee nach dessen überraschendem Auftaktsieg in Iowa schon bei den folgenden Vorwahlen in New Hampshire überflügelte, ist Hedeman bis heute nicht gut zu sprechen: „Er war im Wahlkampf viel zu weich gegen Obama!“

Inzwischen ist der Kandidat eingetroffen. Mitt Romney hat nicht nur seine Frau Ann mitgebracht, sondern gleich drei seiner fünf Söhne - Tagg, Josh und Craig -, dazu seinen älteren Bruder Scott und dessen Frau. Fast pünktlich zur Mittagszeit beginnt die Wahlkampfveranstaltung im zugigen Auslieferungslager der Papierfabrik „Weber Paper“ im Industriegebiet von Dubuque. Auf dem Parkplatz steht der Tourbus Romneys mit der Aufschrift: „Conservative, Businessman, Leader“ (Konservativer, Geschäftsmann, Führer). Gut 500 Leute sind gekommen, um den früheren Gouverneur von Massachusetts zu hören und auf seine Wählbarkeit zu prüfen.

Professionelles Wahlkampfteam

Wie professionell der Wahlkampfstab Romneys arbeitet, ist bei diesen wie bei allen Auftritten Romneys zu beobachten. Die Paletten mit Haushaltstüchern von „Weber Paper“ sind in einem weiten Halbrund aufgestellt, darin ist die Bühne aufgebaut, hinter welcher eine große amerikanische Flagge und ein Plakat mit der Aufschrift „Believe in America“ (An Amerika glauben) drapiert sind. Für die gut zwei Dutzend Kamerateams sind ausreichend Podeste aufgestellt, der Raum ist filmgerecht ausgeleuchtet. Schließlich werden von Helfern Nationalfähnchen verteilt, die von den Zuschauern ordnungsgemäß jubelgeschwenkt werden, sobald Romney mit seiner Familie eintritt.

Ann Romney führt ihren Mann ein, mit dem sie „seit 42 Jahren glücklich verheiratet“ ist. Der Kandidat trägt eine Jeanshose mit Ledergürtel und ein kleinkariertes Hemd mit offenem Kragen: Am Wahltag geht es vor allem um die Volksnähe des Familienmenschen, weniger um die Argumente des Politikers. Romney ist in aufgeräumter, ja siegesgewisser Stimmung - und trotz des Wahlkampf-Marathons kein bisschen müde oder heiser. Romney hält routiniert seine „stump speech“: Er geißelt zunächst die Iran-Politik Obamas, die bisher nichts gegen die drohende nukleare Bewaffnung Teherans vermocht habe; er beklagt die 25 Millionen Arbeitslosen, die hohen Steuern und die Regulierungswut, das Defizit und die Schulden; er preist den Freihandel und die heimischen Energiequellen und schimpft auf China.

„Ich glaube an die Größe Amerikas!“

„Es geht um die Seele Amerikas“, ruft Romney: „Wollen wir eine Anspruchsgesellschaft voller Neid und Missgunst, einen Wohlfahrtsstaat nach europäischem Muster? Oder wollen wir eine Gesellschaft, die Möglichkeiten bietet und Leistung honoriert?“ Nach dem Schlussakkord mit den Ausrufen „Ich glaube an die Größe Amerikas!“ und „Geht alle wählen, bringt Freunde und Bekannte mit!“ nimmt sich Romney eine geschlagene halbe Stunde Zeit, um Hände zu schütteln und Autogramme auf Wahlplakate zu schreiben.

Don Hedeman ist trotzdem noch nicht überzeugt. Er will lieber für den früheren „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Newt Gingrich stimmen: Der könne Obama in den Fernsehdebatten der Kandidaten „am besten die Gurgel zudrücken“. Barbara Collins, Inhaberin einer mittelständischen Finanzberatung, ist sich dagegen nun sicher, dass Romney der beste Kandidat ist, um Obama zu schlagen: „Meine Stimme hat er. Und Ann Romney hat mir besonders gut gefallen.“ Präsident Obama kehrte unterdessen am Dienstag vom Weihnachtsurlaub auf Hawaii ins Weiße Haus zurück. Am Abend wandte er sich in einer Videokonferenz an seine Unterstützer in Iowa. Am dritten Tag des Jahres läuft das Wahljahr 2012 auf vollen Touren.

Iowa - klein, aber bedeutsam

Iowa ist ein klassischer „Swing State“: Bei Präsidenten- und Kongresswahlen gewinnen bald republikanische, bald demokratische Kandidaten die Mehrheit. Gemäß der Volkszählung von 2010 verliert Iowa wegen der vergleichsweise geringen Bevölkerungszunahme bei den Kongresswahlen 2012 einen Abgeordneten im Repräsentantenhaus und entsendet neben unverändert zwei Senatoren künftig nur noch vier Abgeordnete nach Washington. Entsprechend verringert sich die Zahl der Wahlmänner für die Präsidentenwahl von sieben auf sechs der insgesamt 538 „Elektoren“. Gouverneur von Iowa ist seit 2011 der Republikaner Terry Branstad.

Barack Obama schlug bei den Präsidentenwahlen vom November 2008 in Iowa seinen republikanischen Herausforderer John McCain klar mit 54 zu 44 Prozent der Stimmen und sicherte sich die seinerzeit sieben Wahlmännerstimmen aus Iowa. Zudem hatte Obama schon im Januar 2008 die Vorwahlen von Iowa gegen seine innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton mit 38 Prozent zu 29 Prozent der Stimmen gewonnen. Bei den Präsidentenwahlen von 2004 hatte noch der Republikaner George W. Bush knapp die Oberhand gegenüber dem Demokraten John Kerry behalten.

Sowohl die rechtskonservativen evangelikalen Wähler der Republikaner im ländlichen Westen wie die mehrheitlich katholischen Anhänger der Demokraten im Osten Iowas sind außen- und sicherheitspolitische „Tauben“. Diese parteiübergreifend stark isolationistische Haltung erklärt auch die klaren Wahlsiege des Irak-Krieg-Gegners Obama 2008 und das erwartet starke Abschneiden des Republikaners Ron Paul in der Urwahl vom Dienstagabend.

Die Arbeitslosenquote unter den rund drei Millionen Einwohnern Iowas liegt bei 5,7 Prozent und damit fast drei Prozentpunkte unter dem nationalen Durchschnitt. 25 Prozent der Erwerbstätigen sind in der Industrie und in der Agrarwirtschaft beschäftigt, knapp 58 Prozent im Dienstleistungsbereich. Schwarze und „Hispanics“ stellen mit nur drei beziehungsweise fünf Prozent in Iowa einen deutlich geringeren Bevölkerungsanteil als im Landesdurchschnitt. (rüb.)

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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