Home
http://www.faz.net/-gq5-16rid
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Präsidentenwahl in Polen Die radikale Mäßigung der Kandidaten

18.06.2010 ·  Vor den Präsidentschaftswahlen 2005 war Polen noch eine der streitlustigsten Demokratien Europas. An diesem Sonntag wählen die Polen einen neuen Präsidenten - aber dieses Mal wird der Wahlkampf beherrscht von den Geboten der Trauer und der Harmonie.

Von Konrad Schuller, Warschau
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Zwei parallele Linien ziehen sich über die Karte Polens: die Spuren der Wahlkampfstäbe. Der liberalkonservative Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski und der frühere Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski, heute der Führer der nationalkonservativen Opposition, bewerben sich an diesem Sonntag um das Amt des Präsidenten – und oft sieht es so aus, als wollten sie sich möglichst wenig voneinander unterscheiden.

Kurz nacheinander besuchten beide die Gruft der Krakauer Wawelkathedrale, wo neben Heiligen und Königen der am 10. April bei einem Flugzeugabsturz umgekommene Präsident Lech Kaczynski liegt, der Zwillingsbruders des Oppositionsführers, um anschließend zu den Schlussveranstaltungen des Wahlkampfs nach Danzig zu reisen, an die Wiege der Gewerkschaft „Solidarność“, die in den achtziger Jahren die kommunistische Diktatur in Polen überwand.

Streckenweise ein Wettstreicheln im Kinderzoo

Der Ausgang der Wahl ist ungewiss. Die Umfragewerte Komorowskis schwankten je nach Institut zwischen 42 und 51 Prozent (was den Sieg im ersten Wahlgang bedeuten würde). Kaczynski erreichte zwischen 31 und 35 Prozent, und Grzegorz Napieralski von der postkommunistischen Linken kam bis zu 13 Prozent. Dass die parallelen Spuren der Wahlkämpfer zuletzt nach Krakau und Danzig geführt haben, hatte eine zwingende Logik. Die Orte stehen für die beiden zwei Elemente, die diesen Wahlkampf ausgemacht haben: Die Gruft auf dem Wawel steht für den nationalen Schock nach dem Tod Präsident Kaczynskis, Danzig steht im wörtlichen wie im übertragenen Sinn für „Solidarität“ – für die Gewerkschaft, die den Kommunismus besiegte, aber auch für das Zusammengehörigkeitsgefühl, das damals fast das ganze Land verband. Das von der Trauer um Präsident Kaczynski genährte Gefühl der Einheit ist das große Topos dieses Wahlkampfs gewesen.

Noch im Wahlkampf des Jahres 2005 war Polen eine der streitlustigsten Demokratien Europas gewesen. Der damalige Aufstieg der Brüder Kaczynski zur Macht war begleitet gewesen von Korruptions- und Verratsvorwürfen aller gegen alle, es herrschte verbaler Bürgerkrieg. Dass das heute anders ist, dass der Wahlkampf streckenweise einem Wettstreicheln im Kinderzoo glich, dass alle zur Mitte drängten, liegt nicht nur an der Katastrophe von Smolensk. Es liegt auch am veränderten politischen Umfeld. Vor fünf Jahren war Polen ein Land des Zorns. Die von den Postkommunisten gestellte Regierung Miller war nach mehreren unerträglichen Korruptionsaffären tief gestürzt, die Arbeitslosigkeit lag bei knapp 20 Prozent. Populistische Kleinparteien erzwangen eine Radikalisierung der Wahlkämpfe. Polen schien damals reif für eine neue Revolution, und die Brüder Kaczynski gewannen 2005 Parlaments- und Präsidentenwahl mit dem Versprechen einer neuen, gereinigten „Vierten Republik“.

Bloß keine pietätlose Attacke auf den Zwillingsbruder

Heute ist Polen anders. Die Arbeitslosigkeit liegt trotz Wirtschaftskrise weit unter dem Stand von 2005, und seit dem Amtsantritt des liberalkonservativen Ministerpräsidenten Tusk halten die Affären sich in Grenzen. Weil die Radikalen 2007 aus dem Parlament geflogen sind, liegen die freien Wählerpotentiale nicht mehr an den krakeelenden Rändern, sondern in der Mitte. Freundlichkeit, rechtes Maß, vorsichtige Wahrung des Erreichten ist deshalb heute das Credo aller.

Diese Lage schien Komorowski zu begünstigen. Er ist als Gefolgsmann Tusks ohnehin ein Mann der Mitte, so dass er an seinem Image wenig ändern musste. Andererseits aber verbot das Friedensgebot dieses Wahlkampfes es ihm, seinen Gegner Kaczynski, der wegen seiner früher überaus aggressiven antikommunistischen und deutschlandkritischen Politik und wegen seiner Bündnisse mit Radikalen an sich große Angriffsflächen bot, mit voller Härte zu attackieren. Da die Öffentlichkeit Kaczynski mit seinem verunglückten Zwillingsbruder identifiziert, wäre ein Angriff auf den lebenden Wahlkämpfer manchen als pietätlose Attacke auf den toten Präsidenten erschienen.

Kaczynski zelebriert ein Damaskuserlebnis der Läuterung

Kaczynski hatte in diesem Wahlkampf die schwierigere Aufgabe zu lösen. Weil er in der Arbeitsteilung mit seinem Bruder früher immer die Rolle des „schlechten Charakters“ gespielt hatte, musste er nun eine Kehrtwende vollführen. Er hat es unerhört radikal versucht. Seit dem Tod seines Bruders gibt er sich geläutert. Die Aggressivität ist verschwunden, von Säuberung des Staates und „Vierter Republik“ ist keine Rede mehr.

So war im Kampf um die Mitte jeder Quadratzentimeter auf diesem schmalen Terrain umstritten. Kaum hatte Komorowski das alte polnische Mythenwort der nationalen „Eintracht“ zu seinem Slogan gemacht, begann Kaczynski unablässig von Eintracht zu sprechen, und kaum hatte Kaczynski sein Motto „Polen ist das Wichtigste“ vorgestellt, sagte Komorowski ständig: „Das Wichtigste ist Polen.“ Für Sieg oder Niederlage am Sonntag wird nun entscheidend sein, ob die Wähler den Kandidaten ihre Wandlung zu Friedensengeln glauben. Kaczynski zelebriert sein Damaskuserlebnis der Läuterung, Komorowski hat, um friedlicher zu wirken, seiner alten Leidenschaft, der Jagd, öffentlich abgeschworen. Einmal hat er aber die Jägerei doch ins Spiel gebracht. Der Jäger ist nötig, sagte er da, denn der erlegt den Wolf – auch wenn er sich als Rotkäppchens Großmutter verkleidet hat.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr