10.07.2005 · Er hat einen Instinkt für publikumswirksame Gesten. In Erfolg und Krise zeigt der britische Premier Tony Blair, oft schon abgeschrieben, daß er Statur hat.
Von Gina ThomasAls Tony Blair erfuhr, daß die Londoner Bewerbung um die Olympischen Spiele des Jahres 2012 erfolgreich gewesen ist, schlug er mit den Fäusten in die Luft, vollführte auf dem Rasen vor dem schottischen Nobelhotel Gleneagles einen kleinen Tanz und umarmte vor lauter Begeisterung seinen Stabschef Jonathan Powell.
Soeben aus Singapur zurückgekehrt von dem Manöver des letzten Augenblickes, hatte Blair zunächst der Live-Übertragung der Abstimmung in seinem Hotelzimmer zugeschaut. Dann hielt er die Spannung nicht mehr aus. Um sich abzulenken, ging er auf dem Anwesen spazieren. Dort erreichte ihn die Nachricht über das Mobiltelephon. Seit jenem Maitag vor acht Jahren, als er nach dem triumphalen Wahlsieg von New Labour beim Morgengrauen den Anbruch einer neuen Ära verkündete, habe man Tony Blair nicht mehr so strahlen gesehen, berichteten seine Vertrauten. Weniger als vierundzwanzig Stunden später war die Freude verflogen, und ein sichtlich mitgenommener Premierminister tastete vor den Augen der Nation nach angemessenen Worten. Zwischen der Olympia-Entscheidung und den Terrorangriffen in London wirkte er um Jahre gealtert.
Bei allem politischen Geschick vermag Tony Blair seine Gefühle nicht zu kaschieren, wenn er unter Druck steht. Das zeigte sich schon zu Beginn seiner Amtszeit, als er bei einem Fernsehgespräch buchstäblich ins Schwitzen geriet über eine umstrittene Parteispende des Formel-1-Vorsitzenden Bernie Ecclestone. Und in der Wahlnacht vor neun Wochen konnte man seiner düsteren Miene nicht entnehmen, daß er am Tag vor seinem 52. Geburtstag soeben mit bequemer Mehrheit eine dritte Legislaturperiode gewonnen hatte. Als er in seinem Wahlkreis bei der Verlesung des Ergebnisses auf der Tribüne stand, sah er aus wie ein Verlierer.
Blair will ein Vermächtnis hinterlassen
Unter dem Druck seines Erzrivalen Gordon Brown, der nach seinem Stuhl trachtet in der Überzeugung, er stehe ihm jetzt zu, hatte Tony Blair bereits wissen lassen, daß er sich kein viertes Mal für das Amt des Premierministers bewerben werde. Die Basis hat den „New Labour“-Parteiführer schon immer als Fremdkörper empfunden und den Schatzkanzler Gordon Brown als den eigentlichen Fahnenträger traditioneller Labour-Werte betrachtet. Seit dem Irak-Krieg hat sich der innerparteiliche Unmut über Blair verschärft. Nach der Wahl wurde die deutlich verringerte Mehrheit der Labour-Regierung Blairs Ansehensverlust zugeschrieben. An allen Lippen hing nur eine einzige Frage: Wie lange noch bis zum Personalwechsel in Downing Street? Gordon Brown schien seinem Ziel nahe zu sein.
Dann aber kam drei Wochen später die französische Ablehnung der europäischen Verfassung. Zu seiner großen Erleichterung konnte Blair die britische Volksabstimmung, zu der er sich widerwillig verpflichtet hatte, absagen. Es blieb aber die Frage, wie er sich einen würdigen Abgang verschaffen konnte. Vieles an dem Verhalten des britischen Premierministers in den vergangenen Wochen erklärt sich denn auch mit seinem Nachruhm, den er stets im Auge hat. Der Mann, der im Zusammenhang mit den nordirischen Friedensbemühungen einmal gesagt hat, er spüre die Hand der Geschichte auf seiner Schulter, will ein Vermächtnis hinterlassen.
Die „Tony and Bob Show“
In den Tagen nach dem französischen Referendum, als Unsicherheit herrschte über den künftigen Weg des Bündnisses, hat Blair eine neue Mission gefunden: die Erneuerung der Europäischen Union. Er verdankt sie nicht zuletzt der Hochherrlichkeit Chiracs. Womöglich hat Blair auch deswegen darauf verzichtet, sich auf die Ebene der Boulevardzeitungen zu begeben, zu der sich Frankreichs Präsident mit seinen abgegriffenen Stereotypen über die englische Küche herabließ. Um so souveräner wirkte der britische Premierminister, als die Olympia-Entscheidung gegen Paris ausfiel.
Überhaupt war es ihm wie über Nacht gelungen, sich vom angeschlagenen Politiker in den großen Staatsmann zu verwandeln, als der er einst gegolten hatte, als er noch im Aufwind war. Die Furcht, als ein gescheiterter Premierminister in die Geschichte einzugehen, verließ ihn wieder. Im britischen Vorsitz der EU sowie im Treffen der großen Industriestaaten in Gleneagles erblickte Tony Blair die Chance einer positiven Hinterlassenschaft: die Rettung Afrikas und die europäische Reform.
Der Wandel machte sich auch physisch bemerkbar. Es floß wieder Farbe in das ergraute Gesicht, und sein Schritt wirkte dynamischer. Gelassen stellte er sich vor dem Live-8-Konzert im Fernsehen den Fragen eines jungen Publikums, lachend saß er neben dem Rock-Musiker Bob Geldof, der seinen zotteligen Kopf vertraut auf die Schulter des Premierministers legte. Es war eine perfekt inszenierte „Tony and Bob Show“. Der weltweite Erfolg der Initiative, die Armut in Afrika zur Geschichte zu machen, auch dies ein Relikt jenes imperialen Zivilisationsdranges, für den Kipling den Begriff des „white man's burden“ prägte, und die Olympia-Entscheidung, die auch Blairs Verdienst ist, rückten ihn wieder in ein günstigeres Licht. Staatsmännisch empfing er die Führer der größten Industrienationen in Gleneagles. Dem Wesen nach ohnedies dazu veranlagt, die großen Anstöße zu geben und Wirbel zu machen, war Blair in seinem Element.
Instinkt für publikumswirksame Gesten
Dann kamen die Terroranschläge in London. Blairs Hoffnung, einen Mittelweg zu finden zwischen dem Idealismus von Live-8 und dem Pragmatismus der hohen Politik, drohte zu scheitern. So wie beim Tode Prinzessin Dianas fand der Premierminister aber auch hier die richtigen Worte, eine Mischung aus Churchillscher Rhetorik und dem flapsigen zeitgenössischen Idiom, das er sich als typisches Produkt der sechziger Jahre angeeignet hat. Er sprach voller Überzeugung von der Entschlossenheit, niemals zuzulassen, daß die „Barbarei der Terroristen“ zerstöre, „was uns in diesem Land und in anderen zivilisierten Ländern der Welt teuer ist“.
Tony Blair ist es gelungen, das Gipfeltreffen als solidarische Demonstration „der Hoffnung und der Humanität“ erscheinen zu lassen, „die den Schatten des Terrorismus beseitigen und den Weg zu einer besseren Zukunft erhellen können“. Sein Instinkt für publikumswirksame Gesten zeigte sich einmal wieder in dem Entschluß, die Mitgliedstaaten dazu zu bewegen, ihre Unterschrift auf dem Schlußkommunique in aller Öffentlichkeit zu leisten, um sie an ihre Zusagen zu binden. Die Beschlüsse vermochten die Welt nicht von einem Tag auf den anderen zu verändern. Es sei ein Anfang, kein Ende, verkündete Blair mit pathetischem Realismus. Selbst seine schärfsten Kritiker zollen ihm jetzt Respekt. In den nächsten Monaten wird sich weisen, ob er diesen Impetus bewahren kann, bis der Zeitpunkt gekommen ist, da er Downing Street tatsächlich verlassen muß.