25.10.2008 · Der deutsche Polizeichef am Hindukusch, Jürgen Hauber, über die Ausbildung seiner afghanischen Kollegen, rote Ampeln und den Umgang mit Kindern.
Der deutsche Polizeichef am Hindukusch, Jürgen Hauber, über die Ausbildung seiner afghanischen Kollegen, rote Ampeln und den Umgang mit Kindern.
Herr Hauber, Unicef wirft der afghanischen Polizei vor, Kinder zu misshandeln. Es geht um Missbrauch, Gewalt und Folter. Sie sind Leiter des deutschen Polizeiprojektteams in Afghanistan. Überraschen Sie die Ergebnisse der Studie?
Ehrlich gesagt, ja. Ich bin seit eineinhalb Jahren im Land und habe davon nichts mitbekommen. Umso mehr macht es mich betroffen, wenn das wirklich so stimmen sollte. Dabei muss man wissen, dass wir – anders als einst auf dem Balkan – die tägliche Polizeiarbeit vor Ort nicht beobachten und begleiten können. In Afghanistan helfen wir, die afghanischen Polizisten aus- und fortzubilden.
Das Engagement des Westens war lange Zeit eher mäßig. Wie ist die Lage heute?
Deutschland hat 2002 als erstes Land Polizisten nach Afghanistan geschickt. Wir haben ganz praktisch und schnell geholfen. Inzwischen machen mehr als zwanzig Nationen beim Polizeiaufbau mit, was zu koordinieren nicht immer einfach ist. Dies soll nun vor allem die europäische Polizeimission „EUPOL Afghanistan“ übernehmen. Dieser Verbund hat das deutsche Mentorenkonzept übernommen und berät die afghanische Seite. Wenn Kabul mit einem Vorschlag einverstanden ist, kommt die bilaterale deutsche Hilfe ins Spiel, die es immer noch und verstärkt gibt: Dann werden konkret Trainer aus Deutschland geschickt, Ausstattung zur Verfügung gestellt oder Unterkünfte gebaut. Insgesamt sind wir gegenwärtig rund 60 deutsche Polizisten, es variiert, weil jeweils für einige Wochen Fachleute aus Deutschland zum Training hinzukommen.
Reicht das denn?
Wir weiten die Ausbildung derzeit massiv aus. Allein dieses Jahr werden wir zweitausend afghanische Polizisten zusätzlich ausbilden. In Mazar-i-Sharif haben wir jetzt ein eigenes Trainingszentrum eröffnet, weitere sind in der Planung. Zudem hat Deutschland beschlossen, das deutsche Polizeikontingent in Afghanistan zu verdoppeln.
Trotzdem: Hat der Westen nicht zu viel Zeit verloren?
Wir waren 2002 alle zu optimistisch. In den sechziger und siebziger Jahren war die Polizei in Afghanistan sehr gut, das hatten wir vor Augen. Doch die jahrelangen Kriege haben nicht nur die Infrastruktur des Landes zerstört, sondern auch Sozialstrukturen und die Moral vieler Menschen. Manches ist schon besser geworden: Die Polizei am Flughafen nähert sich internationalem Standard. Und gerade heute habe ich gesehen, dass eine neue Ampel in Kabul akzeptiert wird: Die Leute halten bei Rot tatsächlich an.
Sie sagen: Moral. Was müssen Sie den Afghanen alles beibringen?
Das fängt mit dem Lesen und Schreiben an – viele können das nicht. Die Zahl der Analphabeten ist noch immer hoch. Am wichtigsten ist aber: Die Polizisten müssen sich verteidigen können. Vor einigen Jahren war die Lage noch nicht so schlimm wie heute, da wurden Polizeiposten noch nicht mit schweren Waffen angegriffen. Darum wäre nun eine robustere Ausbildung nötig: Die afghanischen Polizisten müssen auch lernen, sich gegen solche Angriffe zu verteidigen.
Was sind das für Leute, die Sie ausbilden?
Die Palette ist breit: Es gibt gestandene Polizeigeneräle, die einst in Deutschland trainiert wurden und ihren Beruf so verstehen wie ich auch. Andere haben sich einst als Mudschahedin einen Namen gemacht. Wieder andere sind Bauernsöhne, die von ihren Familien auserkoren wurden, Polizist zu werden – damit wenigstens einer ein geregeltes Einkommen hat. Immerhin ist das Grundgehalt jetzt von 70 auf 100 Dollar im Monat angehoben worden.
Werden die Polizisten von der Bevölkerung überhaupt akzeptiert?
Na ja, sie stehen in dem Ruf, korrupt zu sein . . .
. . .und das stimmt auch, oder?
. . . genauso wie viele andere Teile der Gesellschaft. Aber wir arbeiten daran und erklären ihnen: Polizist zu sein heißt auch, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Das ist schwer, denn in den Kriegen haben die Leute gelernt, vor allem an sich zu denken, einfach um zu überleben.
Gibt es Überläufe zu den Taliban?
Das passiert manchmal aus der Not heraus. Wenn man zu zweit oder zu dritt auf einem einsamen Posten sitzt, zu seinem Hauptquartier kaum eine Verbindung hat und einer Übermacht gegenübersteht, da bleibt einem manchmal gar nichts anderes übrig, als die kriminellen Banden passieren zu lassen oder mit der anderen Seite gemeinsame Sache zu machen. Oft sind tagelange Dienstmärsche nötig, um von einem Posten zum anderen zu kommen. Da freut man sich, wenn einem die Schmuggler etwas zu essen dalassen oder Geld geben.
Woran fehlt es am meisten?
Unsere Hilfe ist breit gefächert: Neben der Aus- und Fortbildung renovieren wir auch Polizeistationen oder bauen sie ganz neu. Auch ein Polizeigewahrsam, in dem zuvor keine menschenwürdigen Zustände herrschten, haben wir schon erneuert. Oder wir statten die Beamten mit warmen Anoraks aus, die wir hier im Land von einer kleinen Firma herstellen lassen. Gerade die deutschen Polizisten haben einen Vertrauensvorschuss, die Afghanen halten große Stücke auf uns. Die wollen wirklich etwas lernen. Unsere Aufgabe ist gigantisch. Wir müssen Dinge wieder auf das richtige Gleis setzen, die seit Jahrzehnten im Argen liegen. Das wird dauern.
Wenn man Ihnen zuhört, könnte man mit Blick auf die Unicef-Studie denken, dass wir zu viel von den Afghanen verlangen.
Das wohl nicht. Aber die Gesellschaft hier ist mit unserer nicht zu vergleichen. Es gibt große Familien mit bis zu zwölf Kindern, die müssen alle mitarbeiten, etwa das Wasser vom nächsten Brunnen holen. Körperliche Züchtigung gehört zum Alltag.
Welche Rolle spielen die Menschenrechte in Ihrem Unterricht?
Die vermitteln wir auch. Natürlich geben wir je nach Training den entsprechenden Rechtskundeunterricht. Und für führende Beamte und Staatsanwälte gibt es dazu ganze Seminare. Aber es ist ein Spagat. Sie müssen sehen: Das Recht hier ist sehr kompliziert, kein Gesetz darf der islamischen Rechtsprechung und dem Koran zuwiderlaufen. Es ist eine Mischung, zu der auch die Scharia gehört oder der Ehrenkodex der Paschtunen.
Merken Sie, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert hat?
Es gibt zwei parallele Entwicklungen: Einerseits allenthalben sichtbare Fortschritte, andererseits nehmen die Anschläge gerade im Norden zu. Dem müssen wir uns anpassen. Bei einer Anschlagswarnung kann ich eben nicht mit meinen Leuten rausfahren und mit einem Polizeichef die nächsten Projekte besprechen. Wir bewegen uns alle nur in gepanzerten Fahrzeugen. Das, was wir an Sicherheit vorbeugend tun können, machen wir auch – wohl wissend, dass ein Restrisiko bleibt.
'Was müssen Sie den Afghanen alles beibringen'
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