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Politische Gefangene in Kuba Rattenjahre mit Giraffeneintopf

16.07.2010 ·  Sie seien schikaniert worden, hätten ohne Hygiene und mit wenig Essen auskommen müssen. Nach ihrer Freilassung und Abschiebung nach Spanien schwiegen die kubanischen Dissidenten zunächst. Jetzt berichten sie, wie es in Castros Gefängnissen zuging.

Von Leo Wieland, Madrid
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Die freigelassenen Kubaner erzählen, wie sie neben ihren Exkrementen schlafen mussten, wie gewöhnliche Verbrecher, angestachelt vom Wachpersonal, die „Politischen“ schikanierten, wie sie sieben Jahre mit Ratten und Kakerlaken zubrachten, ohne Hygiene, ohne anständige medizinische Betreuung, manchmal mit gleißendem Licht in der Zelle, manchmal in Finsternis Tag und Nacht.

Da ist der Chirurg José Luis García, der wegen Infektion und Unterernährung vierzig Kilo verlor. Er sollte 24 Jahre lang dafür büßen, dass er es gewagt hatte, eine unabhängige Presseagentur zu gründen, in der die Zustände auf der kommunistischen Insel beschrieben wurden. Er ist einer von elf Häftlingen, die in dieser Woche in drei Schüben von Havanna nach Madrid gelangten. Nun saß er mit seinen Leidensgenossen und den mitgereisten Angehörigen in einem desolaten Madrider Vorort und erinnerte sich.

Zu 28 Jahren Gefängnis verurteilt

„Wir aßen Giraffeneintopf, weil man den Hals strecken musste, um zu sehen, ob etwas Nahrhaftes darin war“, sagte der eine. „Mich fragten sie, was ich wohl machen würde, wenn man mir die Leiche meines Sohnes mit abgehackten Armen oder die meiner vergewaltigten Tochter bringen würde“, sagte ein Anderer. „Ich sah, wie einer sich mit einer Nadel in den Augapfel stach, damit endlich eine Krankenschwester kam“, ergänzte ein Dritter.

Humaner Strafvollzug war nicht im Vergeltungsprogramm des Regimes, das im „schwarzen Frühjahr“ 2003 die sogenannte Gruppe der 75 wegen angeblicher „Verschwörung“ mit den Vereinigten Staaten zu Gefängnis bis zu 28 Jahren verurteilte. 23 der malträtierten Dissidenten wurden schließlich wegen schwerer Erkrankungen entlassen. Die restlichen 52 sollen nun alle nach einem von dem kubanischen Kardinal Jaime Ortega und dem spanischen Außenminister Miguel Ángel Moratinos mit Staatschef Raúl Castro ausgehandelten Pakt ins Ausland abgeschoben werden.

Etwa zehn der Betroffenen weigern sich angeblich noch, ihre Heimat zu verlassen. Die übrigen, die zumeist zunächst nach Spanien gebracht werden sollen, dürften hier nicht allzu lange in verstreuten Auffanglagern für illegale Migranten aus Afrika ausharren, sondern möglichst schnell zu Verwandten und Freunden nach Florida weiterreisen wollen.

Der Kampf gegen den Castrismus gehe weiter

Ein paar Tage, bevor sie in das Flugzeug nach Madrid gesetzt wurden, bekamen die Häftlinge in Havanna Hühnerfleisch zu essen und Zimmer mit Klimaanlage. Damit sie präsentabel waren, gab man ihnen außer einem frischen Hemd und einer Hose auch noch eine Krawatte, wie sie in Kuba außer Funktionären niemand umbindet. Gezeichnet, mal hager, mal aufgedunsen, präsentierten sie sich wie Karikaturen ihrer selbst in diesem Aufzug bei ihrer Ankunft. Der Kampf gegen den Castrismus gehe weiter, versicherten sie.

Auch fiel ihnen auf, dass der „Máximo Líder“ Fidel ausgerechnet an dem Tag – dem 7. Juli – nach vierjähriger Absenz wegen einer Darmoperation wieder öffentlich auftrat, als sein Bruder dem (Menschen-)Handel zustimmte. Das sei doch, so wurde gemutmaßt, wie das Signal: „Seht her, hier bin ich wieder. Hier geschieht noch immer nichts ohne meine Zustimmung.“ Dann warnten die Befreiten noch die EU davor, Castros „Köder zu schlucken“ und, wie Moratinos es anstrebt, im September die gemeinsame Kubapolitik aufzuweichen. Denn das Regime, vor dem in einem halben Jahrhundert schon mehr als ein Zehntel der Bevölkerung geflüchtet ist, hat wiederholt politische Gefangene gegen wirtschaftliche Vorteile getauscht – und dann seine Kerker wieder mit Andersdenkenden gefüllt.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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