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Polen und der Vatikan Die verwundbare Stelle des deutschen Papstes

13.04.2006 ·  Der polnische katholische Sender „Radio Maryja“ attackiert Papst Benedikt XVI. Er hatte die Radiomacher wegen rassistischer und antisemitischer Beiträge wiederholt kritisiert und gemahnt.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Thorn an der Weichsel, einst eine Festung des Deutschen Ritterordens, heute eine Bezirkshauptstadt im nördlichen Polen, ist ein Symbol für die konfliktreiche deutsch-polnische Geschichte.

Im Mittelalter dokumentierten die Türme und Wälle der Stadt den Machtanspruch des Ordens im Osten, heute stehen sie für die Rückkehr des so oft zerteilten Polen auf die Landkarte Europas.

Der berühmteste Bürger der Stadt, der Astronom Nikolaus Kopernikus, ist in dabei zur Chiffre der Versöhnung geworden: Vermutlich deutsch nach Sprache und Herkunft, gewiß aber polnisch in seiner Loyalität zum jagiellonischen Königshaus, steht er für die Möglichkeit des Ausgleichs durch Vernunft.

Ein neuer Höhepunkt

Dennoch ist Thorn bis heute auch ein Zentrum des Konflikts. Seit sechzehn Jahren hat der Sender „Radio Maryja“ hier seinen Sitz, dessen Direktor, der Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk stets im Hintergrund steht, wenn der klerikale Rand der polnischen Rechten zum Angriff auf Homosexuelle, Russen, Liberale, Juden oder Deutsche ruft.

Am Dienstag nun haben die Attacken des Senders nach einem Bericht der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ einen neuen Höhepunkt erreicht. An diesem Tag ist der vermutlich einzige Deutsche unter Beschuß geraten, der bisher sogar in diesem Lager unangreifbar schien: Papst Benedikt XVI.

Der, so suggerierte der Sender, diene neuerdings denen als Waffe, welche „Radio Maryja“ durch den Vorwurf des Judenhasses vernichten wollten. Diese Kreise in der Umgebung Benedikts hätten durch dessen Herkunft leichtes Spiel: Sie profitierten davon, „daß der neue Papst ein Deutscher ist, und daß es ihm sehr schwerfallen muß, jemanden offen zu verteidigen, der zum Antisemiten erklärt wird“.

Erste Signale der Mißbilligung schon im Herbst

Dieser Angriff eines katholischen Senders auf das Oberhaupt der katholischen Kirche ist der Höhepunkt eines Konflikts, der seit dem Herbst immer erbitterter ausgetragen wird. In den Jahren davor hatte Rom Radio Maryja lange gewähren lassen. Die regelmäßigen Angriffe des Senders gegen Juden und Deutsche, sein Nationalismus und seine antieuropäische Grundeinstellung widersprachen zwar den Lehren Papst Johannes Pauls II., doch weil Pater Rydzyk zwischen einer und vier Millionen Hörern band, und in einem Teil des Episkopats mächtige Freunde hatte, ließ man ihn gewähren.

Erst im November erreichte der liberale Flügel der polnischen Bischofskonferenz, darunter der ehemalige Sekretär Johannes Pauls II., Kardinal Dziwisz, sowie der Primas der katholischen Kirche in Polen, Glemp, daß der Vatikan erste Signale der Mißbilligung nach Thorn sandte.

Benedikt XVI. empfing damals eine Pilgerdelegation des polnischen Episkopats und verwies bei der Gelegenheit darauf, daß auch katholische Medien die „Autonomie der politischen Sphäre“ respektieren müßten. „Radio Maryja“ nannte er nicht direkt, doch war deutlich daß er mit seiner Mahnung die Unterstützung des Senders für die polnische Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) der Brüder Kaczynski im Auge hatte.

Polen wendet sich gegen den Sender

Seit diesem ersten verhaltenen Tadel haben sich Ereignisse überstürzt. „Radio Maryja“ setzte seine Parteinahme für die Brüder Kaczynski offen fort, und Ende März richtete der päpstliche Nuntius Kowalczyk an die Bischöfe sowie die Führung des Redemptoristenordens in Polen die „ernste Warnung und Einladung“, endlich mit „entschlossenen und wirksamen Schritten“ die Mißstände in Thorn abzustellen.

„Radio Maryja“ wich daraufhin nicht etwa zurück, sondern preschte vor. Am 27. März führte der Rundfunkautor Stanislaw Michalkiewicz die antisemitischen Ausfälle des Senders zu einem neuen Höhepunkt. „Die Juden“, sagte er in einem redaktionellen Beitrag, verlangten von Polen unter dem Deckmantel der Entschädigung „Erpressungsgelder“; sie demütigten die Nation, indem sie sich als die Hauptopfer von Auschwitz darstellten und machten aus dem Pogrom von Jedwabne aus dem Jahr 1941, als polnische Dorfbewohner mit deutscher Unterstützung ihre jüdischen Nachbarn in einer Scheune verbrannten, eine „Staatsaktion“.

Der Angriff des katholischen Senders auf den deutschen Papst ist nun die neueste Steigerung dieses Konfliktes. „Radio Maryja“ hat zuletzt in der polnischen Öffentlichkeit stark an Unterstützung verloren. Der schwerste Schlag kam von Marek Edelman, dem letzten noch lebenden Kommandeur des Aufstands im jüdischen Warschauer Ghetto von 1943.

Auch die Regierungspartei zieht sich zurück

Edelman, eine Ikone des Widerstands gegen die deutsche Okkupation und gegen die kommunistische Diktatur, forderte Ministerpräsident Marcinkiewicz und Parlamentspräsident Jurek in scharfem Ton auf, ihre Auftritte bei Radio Maryja einzustellen - einem Sender, der wie kein zweiter „Xenophobie, Chauvinismus und Antisemitismus“ propagiere. Manchmal, fügte Edelman hinzu, sei es „nur ein kurzer Weg von Worten des Hasses zu verbrecherischen Taten“.

Die Partei der Brüder Kaczynski wich sofort zurück. Während der Ministerpräsident zunächst noch taktierte und wissen ließ, die Presse in Polen sei frei und die Aufsicht der Medien nicht seine Sache, entschloß Parlamentspräsident Jurek sich zum offenen Rückzug: Am 6. April forderte er in einem Brief an Pater Rydzyk eine Entschuldigung für den Beitrag über die angeblichen jüdischen „Erpressungen“.

Diese Distanzierung sowie neue Berichte über finanzielle Unklarheiten im Sender haben zuletzt das Gerücht genährt, der Sturz Pater Rydzyks stehe unmittelbar bevor. Diese Vorstellung wäre noch vor kurzem als abwegig erschienen, denn Rydzyk galt als der unumstrittene Kopf des Senders und seiner publizistischen Ableger, die maßgeblich dazu beigetragen haben, daß die extreme Rechte in Gestalt der Liga Polnischer Familien im polnischen Parlament vertreten ist.

Angriff auf die Nationalität des Papstes

Die Thorner Attacke auf den Papst ist deshalb die Verzweiflungstat eines Umzingelten. Rydzyk hat sich für den antisemitischen Beitrag vom März zwar mittlerweile wie gefordert entschuldigt. Mit dem Text über Benedikt und die Deutschen, verfaßt von einem „Unterstützer“ namens Boguslaw Wolniewicz, geht er wieder zum Angriff über. Der Kampf gegen Radio Maria sei in eine neue Phase eingetreten, heißt es hier: „Jetzt werden die schwersten Waffen ins Gefecht geführt - der Vatikan und Marek Edelman“.

Der Papst, als persönlicher Freund und Nachfolger des hoch verehrten Johannes Paul II. im katholischen Polen eigentlich unantastbar, wird dabei dort angegriffen, wo aus Thorner Sicht seine einzige verletzliche Stelle ist: bei seiner Nationalität. „Niemand hat so schreckliche Angst vor der Beschreibung als Antisemiten, wie die Deutschen,“ stellte der Sender fest, „und sie haben nicht ohne Grund Angst, denn sie wissen, was sie getan haben.“

Benedikt XVI. aber sei wegen dieser Angst kaum in der Lage, diejenigen in seiner Umgebung zu bremsen, die Radio Maryja nur deshalb attackierten, weil der Sender das ungeschriebene Gesetz breche dem zufolge man über Juden „nichts, außer Gutem“ sagen dürfe. „Das Dritte Reich hat den Deutschen moralisch das Rückgrat gebrochen,“ tönte es aus der Festung Thorn hinüber nach Rom, „und dieses Rückgrat ist bis heute nicht geheilt.“

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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