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Polen Im Versöhnungsrausch

08.04.2005 ·  Das Gedenken an den Papst führt die polnischen Katholiken verschiedener Lager zusammen. Im Land ist von Versöhnungswundern die Rede. Die Harmonie zwischen den verfeindeten Gruppen dürfte aber nur von kurzer Dauer sein.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Unter den Tausenden, die an diesen Tagen in Warschau unterwegs gewesen sind, um in Gottesdiensten, in Freiluftmessen und an Spontan-Altären des verstorbenen Papstes zu gedenken, ist am Mittwoch eine Gruppe besonders aufgefallen.

Junge Männer in T-Shirts waren vor der Sankt-Annen-Kirche in Warschau aufgezogen, Männer von jener Sorte, der man sonst aus dem Weg zu gehen pflegt. Schals, Turnschuhe, wappenbestickte Mützen: Man brauchte nicht lange hinzusehen, um zu erkennen, daß diese jungen Gläubigen nicht nur Fußballfans waren, sondern, was schlimmer ist, Fans der beiden Warschauer Lokalmannschaften Legia und Polonia.

„Für dich, Heiliger Vater, die Versöhnung“

Diese Mannschaften verbindet seit unvordenklichen Zeiten abgrundtiefer Haß. In Krakau ist es nicht anders. Die Freunde der Krakauer Vereine Cracovia und Wisla prallen gleichsam im Jahresrhythmus so heftig aufeinander, daß immer wieder Tote zu beklagen sind. Bisher hat auch die besondere Frömmigkeit der Stadt Krakau, wo immerhin Johannes Paul II. einst Erzbischof gewesen war, daran nichts ändern können.

Jetzt aber liegen die Löwen bei den Lämmern. Vor der Annenkirche zu Warschau flogen keine Schmähworte hin und her, sondern die geübten Kehlen der Fans stimmten, dem Papst zu Ehren, dessen Lieblingslied „Barka“ an, banden ihre Schals zusammen und schienen ganz zu vergessen, daß sie sich eigentlich aus vollem Herzen verabscheuten. In Krakau skandierten Cracovia-Liebhaber die Parole „Für dich, Heiliger Vater, die Versöhnung“ so lange, bis die ohnehin geistlich gestimmten Medien von einem „Wunder an der Weichsel“ sprachen. Solche Versöhnungsereignisse gab es seit dem Tod des Papstes einige. In Schlesien meldete die Polizei, unmittelbar nach dem Ereignis sei die Kriminalität in der Region zwei Tage lang um ein Drittel zurückgegangen, und erst am dritten Tage bedauerlicherweise wieder auf die übliche Quote gestiegen; die Angestellten der Telekom Polska sagten einen Streik ab, und in den Zeitungen verebbte die Schlammschlacht zwischen Links, Rechts und ganz Rechts.

Seltene politische Eintracht

Eines der auffälligsten Eintrachtswunder aber hat sich in der Politik ereignet. Denn gleichsam am Grabe des Papstes, in der polnischen Delegation am Petersplatz in Rom, wurden zwei Männer zueinandergeführt, deren Gegnerschaft über Jahre eine Konstante war: Präsident Kwasniewski, ein Abkömmling der alten kommunistischen Eliten, und sein Vorgänger im Amt, der Arbeiterführer aus Zeiten des antikommunistischen Widerstands Lech Walesa. Die Idee, Walesa möge in der Entourage des Präsidenten nach Rom mitfliegen, war ursprünglich von Kwasniewski ausgegangen. Walesa, der dem ehemaligen Kommunisten die Rührung beim Tod des Papstes offenbar nicht abnimmt, lehnte zunächst ab. Zu viele Dinge habe sein Nachfolger getan, die den Lehren des Verstorbenen widersprochen hätten, ließ er wissen. Jetzt aber hat er offenbar die Meinung geändert; Walesa flog nun doch mit dem Präsidenten nach Rom, wie das Präsidialamt bestätigte.

Es werden noch mehr Versöhnungen dieser Art nötig sein, wenn Polen den Verlust dieses Papstes wirklich verkraften soll. Den seit dem Fall des Kommunismus ist Karol Wojtyla die wichtigste Integrationsfigur der äußerlich zwar allgemein katholischen, innerlich aber auseinanderstrebenden polnischen Gesellschaft gewesen. Vor allem die katholische Kirche selbst ist in Polen tief gespalten. Neben einer intellektuell geprägten städtischen Intelligenz mit europäischer Orientierung existiert eine bäuerliche, geradezu militante Strömung, in welcher die traditionellen Werte Ehe, Familie und Nation hochgehalten werden.

Die Messer sind längst gezückt

Ihr Kristallisationspunkt ist der Sender Radio Maryja unter dem Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk, der angeblich vier Millionen Hörer erreicht. Dieser Sender ist nicht nur wegen solcher Erscheinungen wie Ehebruch, Konsumwahn, Abtreibung, und Sterbehilfe entschieden antiwestlich gestimmt. Er nährt auch die nationalistisch unterfütterten Ängste der Landbevölkerung vor zuviel Weltoffenheit, warnt vor einem Ausverkauf polnischer Erde in einem System der offenen Märkte und unterstützt im Extremfall auch antisemitische Signale wie die des Danziger Prälaten Henryk Jankowski, der gelegentlich den Davidstern als eine Mixtur aus Hakenkreuz und Sowjetstern beschreibt. Strikter Antieuropäismus und enge Kontakte zu antieuropäischen Parteien wie der Liga Polnischer Familien runden das Bild.

Neuerdings hat sich die Angriffslust dieser Kreise noch einmal gesteigert. Denn nachdem die natürlichen Gegner der nationalkatholischen Rechten, die Postkommunisten, in Polen durch eine Kette von Skandalen vor dem Nichts stehen, hat Radio Maryja begonnen, die bürgerliche Mitte aufs Korn zu nehmen - jene Führer der „Solidarität“, die zwar in den achtziger Jahren das Land befreit, 1989 aber einen gewaltlosen Kompromiß mit den Kommunisten geschlossen haben. Die Messer sind längst gezückt. Dem Idol dieser Zeit, Lech Walesa, der selbst einen Anstecker mit dem Bild der heiligen Maria von Tschenstochau am Revers zu tragen pflegt, wirft Radio Maryja neuerdings vor, mit dem kommunistischen Geheimdienst SB kollaboriert zu haben.

Es braucht noch einige Versöhnungswunder

Diesen Tendenzen in seiner Heimatkirche ist Johannes Paul II. immer entgegengetreten. Bei aller Kritik im einzelnen hat er nie einen Zweifel daran zugelassen, daß die Ost-Erweiterung der Europäischen Union unabdingbar sei, damit „Europa auf beiden Lungenflügeln atmen“ könne. Den Radiopfarrer Rydzyk hat der Vatikan immer wieder durch direkte Intervention bremsen können.

In dieser polarisierten Atmosphäre wird die polnische Gesellschaft noch einige Versöhnungswunder brauchen. Parlaments- und Präsidentenwahlen stehen in diesem Jahr bevor, und nach dem Zerfall der Linken hat der Kampf zwischen der bürgerlichen und der nationalkatholischen Rechten begonnen. Noch schwelgt zwar Polen im Einheitsrausch, die Nation ist vereint im Totengedenken. Doch wie sagte einer jener zu Friedenstauben mutierten Cracovia-Fans? „Wir wissen, es muß sich etwas ändern. Aber man kann uns nicht zwingen, unsere Feinde zu lieben.“

Quelle: F.A.Z., 09.04.2005, Nr. 82 / Seite 2
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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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