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Polen Das Schweigen des Luftwaffenchefs im Cockpit

04.06.2010 ·  Niemand hat den Piloten des Flugzeugs mit dem polnischen Präsidenten befohlen, die Landung im Nebel zu versuchen. Aber es hat auch niemand gesagt, was sie stattdessen tun sollten. Vieles bleibt unklar an diesem Landeanflug.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Fünf Mann im Cockpit, Sekunde 24 vor Ende der Aufzeichnungen: der Kapitän, der Co-Pilot, der Navigator, der Bordmechaniker, und als fünfter ein Mann, der in den Unterlagen als „Anonym“ firmiert. Dieser fünfte Mann nennt in dieser Sekunde die Grenze, die nie hätte überschritten werden dürfen: „100 Meter“, stellt seine Stimme fest – es ist die Flughöhe der „Polish Airforce 101“, des Flugzeugs des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, beim Anflug auf Smolensk am 10. April um 10.40 Uhr Ortszeit. Kurz darauf schlägt das Flugzeug in einem Waldstück kurz vor dem Flughafen auf, 96 Menschen kommen um – der Präsident, seine Frau Maria, Bischöfe, Abgeordnete, die Führung der polnischen Streitkräfte.

Einen Augenblick nach der ersten Nennung der Flughöhe 100 Meter, in Sekunde 23 vor Schluss, geschehen mehrere Dinge parallel. Der Navigator bestätigt die Zahl, und zugleich ertönt eine dringliche Instrumentenansage, die dann bis zum Ende nicht mehr aufhören wird: „Pull up! Pull up!“ – „Hochziehen!“. Dieses Signal hat ein Flugfachmann kürzlich als das Geräusch beschrieben, das schon für manchen „das letzte“ gewesen sei, das er im Leben gehört habe – zumal, wenn er nicht sofort gehorcht hat.

Anweisung missachtet

Die Grenze „100“ hatten die Fluglotsen in Smolensk gesetzt, das geht aus der nun veröffentlichten Niederschrift der Tonaufnahmen der letzten 40 aus dem Cockpit des Flugzeugs hervor. Kurz vor jenen fatalen letzten Sekunden hatten sie der Besatzung mitgeteilt, dass der Flughafen, der keine Blindflugeinrichtung besitzt, im Nebel lag. Die Sicht betrug 400 Meter, weniger als die Hälfte der vorgeschriebenen Mindestweite von 1000 Meter. Dennoch hatte die Besatzung, wie aus den jetzt veröffentlichten Daten des Flugschreibers hervorgeht, beschlossen, die Landung zu versuchen – allerdings mit der ausdrücklichen Anweisung des Bodenpersonals, den Anflug abzubrechen, wenn bei 100 Metern Höhe die Sicht nicht ausreichen sollte.

Die Aufzeichnungen beweisen, dass auch diese Anweisung missachtet wurde. Denn obwohl die fünf Mann im Cockpit in Sekunde 24 klar wahrnahmen, dass sie die Grenze von 100 Metern unterschritten hatten, sank das Flugzeug weiter: in Sekunde sechzehn vor Schluss verkündet der Navigator „90“, in Sekunde fünfzehn „80“. Erst jetzt gibt der Co-Pilot das Kommando: „Weg hier!“ Zu spät. Das Flugzeug will nicht steigen. Die Warngeräte piepen, vom Kontrollturm kommt bei Höhe 50 (13 Sekunden vor Schluss) das Kommando „Horizont,“ also: Sinkflug abbrechen, und dann, in Sekunde zehn (30 Meter Höhe) noch einmal „Horizont“. In Sekunde neun sind 20 Meter unterschritten. Die letzten Augenblicke herrscht Chaos in der Kabine.

Ab Sekunde sechs nimmt das Tonband Krachen und Poltern auf, die Geräusche des Zusammenstoßes des Flugzeuges mit den Bäumen des Waldes, in den es stürzt, schrill untermischt mit dem „Pull up!“ des Warnsystems. In Sekunde fünf hört man Verzweiflungsrufe des Co-Piloten, in Sekunde drei das Kommando der Lotsen, endlich zu steigen. Das letzte Geräusch kommt vom fünften Mann. Es ist ein langer, gedehnter Schrei: „Kurwaaa!“ – der klassische Fluch aller polnischen Kasernen und Busbahnhöfe.

Vieles ist unklar geblieben an diesem Landeanflug. Warum ignorierten die Piloten die Grenze von 100 Metern? Warum reagierte niemand auf das bei 80 Metern gegebene Kommando „Weg hier“? Warum griff die Flugleitung erst ein, als sie schon niedriger als 50 Meter waren? Warum sank das Flugzeug nach Ansicht mancher Fachleute viel schneller als üblich?

Manche Fragen werden sich vielleicht beantworten lassen, wenn neben den Sprachaufzeichnungen auch die technischen Daten des Flugzeuges ausgewertet worden sind. Schon jetzt gibt es Theorien, die möglicherweise weiterführen. Der Flughafen Smolensk liegt auf einer Anhöhe, das Flugzeug flog im Nebel auf einen Hang zu – möglicherweise sank die Höhenangabe deshalb so rapide, weil das Gelände unten anstieg. Auch ein weiteres ist möglich: Nach dem Kommando „weg hier“ könnten die Piloten tatsächlich versucht haben, durchzustarten (die Triebwerksdaten liegen nicht öffentlich vor), aber möglicherweise hat die 150 Tonnen schwere russische Tupolew im rasenden Anflug auf den Hang einfach nicht schnell genug reagiert.

Die wichtigste Frage ist noch offen

Auch das vielleicht wichtigste Rätsel dieses Fluges ist durch die jetzt veröffentlichten Aufzeichnungen nicht geklärt worden. Nach der Katastrophe war spekuliert worden, dass Präsident Kaczynski die Piloten zur Landung gedrängt haben könnte, obwohl die Bedingungen es nicht zuließen. Es ist bekannt, dass er ähnliches schon früher versucht hat, und es ist bekannt, dass ihm an diesem Tag sehr daran lag, in Smolensk zu landen, um im nahen Katyn, wo Stalin 1940 viele tausend Polen hatte ermorden lassen, der Toten zu gedenken. Der Auftritt sollte ihm im Wahlkampf Format verleihen.

Die Aufnahmen können diese These jedoch nicht beweisen. Kein Wort des Drucks auf die Besatzung ist registriert worden. Manches wird allerdings deutlich: In Minute 15 vor Schluss informiert der Flugkapitän eine Person, die er „Herr Direktor“ nennt (vielleicht den mitreisenden Protokollchef, die Identifikation ist noch unklar) darüber, dass die Landung möglicherweise nicht stattfinden kann. „Na, dann haben wir ein Problem“, sagt der „Direktor“ darauf. Später wird eine undeutliche Stimme mit dem Satzfetzen hörbar: „Er wird sauer, wenn...“. Der Direktor sagt, der Präsident habe „keine Entscheidung“ getroffen.

Der General blieb stumm

„Keine Entscheidung“: Das Wort könnte zum Schlüsselbegriff dieser Katastrophe werden. „Keine Entscheidung“ hat nämlich offenbar auch jener fünfte Mann getroffen, der sich ganz zuletzt zu den Piloten in die Kabine gesetzt hatte. In Minute zwei vor dem Unglück wird seine Stimme zum ersten Mal hörbar, und mittlerweile ist bestätigt worden, dass es Generaloberst Andrzej Blasik war, der Chef der polnischen Luftwaffe. Blasik war ein erfahrener Pilot, zu kommunistischen Zeiten hatte er Suchoi-Jäger geflogen. Ihm muss in jenen letzten Minuten klar gewesen sein, dass der Blindflug der Tupolew allen Regeln widersprach. Dennoch ist von ihm, dem höchsten militärischen Vorgesetzten der Offiziere im Cockpit, kein Wort aufgezeichnet worden, dass den Abbruch des riskantes Manöver befohlen hätte. Der General war einfach da. Er machte Bemerkungen zu den Flugdaten (der erste Hinweis auf die „100 Meter“ kam offenbar von ihm) – und blieb ansonsten stumm, während das Flugzeug ins Risiko eintauchte.

Fachleute sagen, dass die Offiziere die Anwesenheit dieses mächtigen fünften Mannes im Cockpit als „Druck“ wahrgenommen haben könnten. Das Ausbleiben eines Befehls zum Abdrehen aus seinem Mund kann ihnen als Anweisung zum Landen erschienen sein. Auch vom höchsten Fluggast, dem Präsidenten, der hätte entscheiden müssen, ob das Flugzeug, statt nach Smolensk nach Warschau, nach Moskau oder zu einem Ausweichflughafen fliegen solle, war schließlich kein Wort über ein neues Ziel vernommen worden.

Als die „Null“ noch eine Sekunde entfernt war, hat der fünfte Mann jenen Kraftausdruck geschrien, der in das Gedächtnis Polens eingehen wird. Noch wichtiger aber ist, was der General nicht sagte, als das Flugzeug ins Verderben raste – dass er beharrlich schwieg, wo ein Wort nötig war, und dass andere auch schwiegen.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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