05.01.2007 · Der polnische Erzbischof Stanislaw Wielgus hat offiziell seine Funktion als Metropolit von Warschau übernommen. Der Vatikan verzichtete darauf, die Nominierung des Erzbischofs wegen dessen mutmaßlichen Tätigkeiten für den Geheimdienst zurückzuziehen.
Der polnische Erzbischof Stanislaw Wielgus hat am Freitag offiziell seine Funktion als Metropolit von Warschau übernommen. Unerfüllt blieben Erwartungen, der Vatikan könnte im Licht neuer Erkenntnisse über frühere geheimdienstliche Tätigkeiten des Erzbischofs die Nominierung in letzter Minute zurückziehen oder Wielgus selbst könnte auf die Amtsübernahme verzichten.
Wie der Sprecher der Warschauer Kurie mitteilte, fand die offizielle Amtsübergabe von Primas Glemp auf Erzbischof Wielgus am Freitagnachmittag statt. In Anwesenheit von zehn Geistlichen wurde in der dafür im Kirchenrecht vorgesehenen Zeremonie die Ernennungsurkunde des Papstes verlesen und anschließend auf ihre Echtheit geprüft. Die öffentliche Amtseinführung findet am Sonntag im Rahmen eines Festgottesdienstes statt, an dem auch Staatspräsident Lech Kaczynski teilnehmen wird.
„Niemandem geschadet“
Wielgus nahm am Freitag erstmals ausführlich zu den Vorwürfen Stellung, die am Donnerstag durch umfangreiche Aktenveröffentlichungen untermauert worden waren. In einer dreiseitigen Erklärung gestand er, sich 1978 in einem „Augenblick der Schwäche“ zur Zusammenarbeit mit dem Auslandsgeheimdienst verpflichtet zu haben. Ein „äußerst brutaler“ Beamter habe ihn unter der Androhung, er werde Wielgus vernichten, zur Unterschrift genötigt, als er einen Pass für ein Stipendium in München gebraucht habe.
Nie habe er jedoch mit dem Inlandsgeheimdienst zusammengearbeitet, hob Wielgus hervor. Die ihm in den Akten nachgesagten Denunziationen seien der Phantasie des Sicherheitsapparats entsprungen. Er habe niemandem geschadet und keinen der ihm erteilten Aufträge ausgeführt. Falsch sei auch, dass seine Reise nach München auf die Initiative des Geheimdiensts zurückgegangen sei.
Aus Verpflichtungen „herausgewunden“
Wielgus' Einlassung deckt sich im Wesentlichen mit den vorläufigen Befunden weltlicher und kirchlicher Historiker, die sich mit der Geheimdienstakte des Erzbischofs befasst haben. Sprecher beider Kommissionen ließen keinen Zweifel daran, dass die Verpflichtungserklärung, die Wielgus mit seinem Decknamen „Adam Wysocki“ unterschrieben hatte, echt sei. Der Historiker Andrzej Paczkowski fügte jedoch am Freitag hinzu, Wielgus habe sich offensichtlich aus seinen Verpflichtungen „herausgewunden“ und seine Aufträge nicht erfüllt.
Nach einer Umfrage der Zeitung „Dziennik“ äußerten zwei Drittel der Befragten, ein Geistlicher, der mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet habe, könne keine höheren Funktionen in der Hierarchie ausüben. 73 Prozent hatten sich noch Mitte der Woche dafür ausgesprochen, der Vatikan solle Wielgus' Ernennung widerrufen.