Während in aller Welt Nordkoreas Atomtest scharf verurteilt wurde, beging das abgeschottete Land am Dienstag einen Feiertag, den Jahrestag der Gründung der Arbeiterpartei, die nach nordkoreanischer Geschichtsschreibung am 10. Oktober 1948 von Staatschef Kim Il-sung ins Leben gerufen wurde und die seither nur zwei Vorsitzende hatte: den „großen Führer“ Kim Il-sung und seinen Sohn, den „geliebten Führer“ Kim Jong-il.
Die „Demokratische Volksrepublik Korea“ - so nennt sich Nordkorea offiziell - entfalte ihre ganze Tätigkeit unter der Führung der Partei der Arbeit Koreas, heißt es in der Verfassung von 1972. Anfangs noch stark geprägt von Einflüssen Chinas und der Sowjetunion, formte Kim Il-sung die Partei mehr und mehr nach eigenen Vorstellungen und stellte sie auf einen neuen ideologischen Sockel: „Juche“, die Autarkie Nordkoreas in Wirtschaft, Politik und Militär, wurde oberstes Ziel.
Tränen für Kim Il-sung
Dieser ideologische Überbau sollte dem Leninismus überlegen sein und ging einher mit einer zunehmenden Abschottung von der Außenwelt. Kim Il-sung schuf sich seine eigene Weltordnung im vermeintlichen Arbeiterparadies. Das Fundament bildete die Partei zusammen mit dem Regierungsapparat und dem Militär. An der Spitze stand bis zu seinem Tod und eigentlich noch darüber hinaus der „große Führer“ und jetzt „ewige Präsident“.
Das Land ist von Zigtausenden Kim-Il-sung-Statuen übersät, sein Porträt gehört zur Grundausstattung öffentlicher Räume und privater Wohnungen. Sein Leichnam ist in einem gewaltigen Mausoleum aufgebahrt, in dem er unter Glas im schwarzen Anzug liegt und bei dessen Anblick nordkoreanische Bürger noch heute in Tränen ausbrechen. Die Verehrung des Staatsgründers und seiner Familie sowie die Juche-Ideologie gleichen in Nordkorea einer Religion, deren Kultstätten überall zu finden sind.
In den vergangenen Jahren hat die Partei, an deren Spitze seit 1997 Kim Jong-il steht, der auch Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission ist, ebenso wie das Politbüro nach Einschätzung von Beobachtern an Bedeutung verloren. Letztlich konzentriert sich die effektive Macht im Staat auf Kim Jong-il, der angeblich alle wichtigen Entscheidungen trifft und ohne den in dieser Diktatur nichts läuft. Der Personenkult um den Vater ging, wenn auch in schwächerem Ausmaß, auf den Sohn über.
Wer zieht wirklich die Fäden?
Die Strukturen des Staatsapparats sind nur scheinbar klar. Tatsächlich fällt es schwer, jenseits von Kim Jong-il Personen zu identifizieren, die in Nordkorea an der politischen Entscheidungsfindung teilhaben oder sie beeinflussen können. Manche Nordkoreakenner in Seoul oder Tokio analysieren Bilder des staatlichen Fernsehens oder der Parteizeitung, um von den dort wiedergegebenen Konstellationen Hierarchien abzulesen. Dabei ist ihr Kriterium relativ einfach: Je näher eine Person zu Kim Jong-il steht, desto mehr Einfluß und Gunst wird ihr zugestanden.
Es ist kaum zu beurteilen, ob Kim Jong-il allein alle Fäden in der Hand hält oder unter dem Einfluß des Militärs oder einer anderen Gruppe steht. Die meisten Beobachter sehen den Machthaber Kim eingebunden in das System seines Vaters, das er mit den Jahren jedoch durch eigene Gefolgsleute erneuern konnte. Dabei soll Kim nicht zimperlich vorgegangen sein, wenn es darum ging, Rivalen oder Kritiker aus dem Weg zu räumen - selbst wenn diese aus der eigenen Familie stammten.
Ganz entscheidend stützt Kim Jong-il seine Macht auf das Militär, das unter ihm selbst in miserablen Wirtschaftsjahren bevorzugt wurde. Zugleich setzte er auf einen flächendeckenden Überwachungsapparat, gestützt durch ein straffes ideologisches Fundament und den Herrschaftsanspruch als Sohn des Staatsgründers - der großen Sonne, in deren Licht die kleinere Sonne regiert. Nordkorea schuf die einzige Erbdynastie im Kommunismus. Mit Repressionen und Kontrolle, zusammengehalten durch Angst und Denunziation, wird die bitterarme Bevölkerung in Loyalität und auf Linie gehalten, jeglicher mögliche Widerstand im Keim erstickt. Flüchtlinge berichten über große Straflager, öffentliche Exekutionen und Sippenhaft.
„Das Militär zuerst“
Kim Jong-il gab eine klare Devise vor: „Das Militär zuerst“. Das ist das Vehikel, mit dem das Regime das eigene Überleben zu sichern sucht, sich nach Außen wie Innen schützt. Dieser „Songun-Politik“ hat sich alles unterzuordnen: „Der Schutz der revolutionären Führung um jeden Preis ist der höchste Patriotismus und die erste Priorität unseres Militärs und des Volkes“, hieß es nach einem Bericht der Parteizeitung Rodong Sinmun. Begründet wird das mit der vermeintlichen Gefahr einer Invasion durch ausländische Mächte oder jüngst sogar mit einem drohenden Atomkrieg, ausgelöst durch die Vereinigten Staaten. Dies wiederum dient als Rechtfertigung für ein eigenes Nuklearwaffendepot.
Spätestens seit der Kubakrise von 1962, die aus Kim Il-sungs Sicht die Unzuverlässigkeit sowjetischer Sicherheitsgarantien demonstrierte, begann sich Nordkorea für Atomwaffen zu interessieren - zur Abschreckung der Vereinigten Staaten und damit als ultimative Überlebensgarantie des Regimes. Aber auch konventionell ist das Land nicht zu unterschätzen, unterhält es doch die nach Schätzungen fünfgrößte Streitkraft der Welt mit etwa 1,2 Millionen Soldaten unter Waffen. Angeblich verschlingt die riesige Armee etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts des relativ kleinen Landes.
Eine Folge ist die eklatante Unterversorgung der Bevölkerung. Es mangelt an Nahrungsmitteln und einfachsten Verbrauchsgütern. Straßen und Eisenbahnverbindungen sind in desolatem Zustand, die Gesundheitsversorgung ist miserabel. Seit den neunziger Jahren bröckelt das Regime an den Rändern; Hungersnöte und Naturkatastrophen haben diesen Prozeß noch beschleunigt. Inzwischen gelingt es mehr und mehr Bürgern, meist auf der Suche nach Arbeit und Nahrung, ins nahe China zu fliehen. Die Grenze wird ein wenig durchlässiger - auch für Informationen aus der Welt draußen.
Zeichen der Schwäche?
Um den wirtschaftlichen Niedergang zu mildern, gab es im Inneren Nordkoreas in den vergangenen Jahren zaghafte Liberalisierungen in kleinsten, für das extrem vorsichtige Regime aber schon gewaltigen Dosen. Dazu gehörten die Zulassung kleinerer Märkte, auf denen Bauern ihre Erzeugnisse selbst verkaufen durften, und eine Abkehr von Einheitspreisen. Wer diese wirtschaftlichen Versuche initiierte und wer sie inzwischen zum Teil rückgängig machte, ist bislang nicht klar auszumachen. Das Rationierungssystem von Lebensmitteln ist jedenfalls wieder eingeführt.
Derweil wurden westliche Hilfsorganisationen hinauskomplimentiert. Das Regime in Pjöngjang steckt in der Klemme: Es will seine Isolation und Abgrenzung bewahren, doch eine wirtschaftliche Erholung scheint nur durch Handel oder ausländische Hilfe möglich. Jede Öffnung aber ist für Pjöngjang ein Überlebensrisiko. Zweifellos ist es das oberste Ziel der herrschenden Kaste, den eigenen Machtverlust zu verhindern und das System für die nahe Zukunft zu sichern - notfalls auch durch Erpressung von Hilfsleistungen oder Abschreckung mit Atomwaffen.
Es könnte ein Zeichen der Schwäche sein, daß nach Außen noch kein potentieller Nachfolger Kim Jong-ils in Erscheinung trat, obwohl der Diktator nun schon 64 Jahre zählt und selbst über viele Jahre vorbereitet wurde. Bislang gibt es nicht mehr als Gerüchte, wonach viele einen der drei Söhne als Erben sehen. Andere bezweifeln, daß es überhaupt ein Mitglied der Familie sein muß. Zu Spekulationen gibt das Regime jedenfalls reichlich Anlaß. Dabei muß die Vorführung der eigenen nuklearen Fähigkeiten kein Beleg innerer Stärke sein.
ex Cathedra
rio ghert (orant)
- 10.10.2006, 23:54 Uhr
