18.11.2008 · Somalische Piraten haben den ersten Supertanker gekapert. Die Größe des Schiffes und der Ort der Entführung 800 Kilometer südöstlich von Mombasa bedeuten eine neue Qualität: Jetzt ist auch die Versorgung Europas und Amerikas mit Rohöl bedroht.
Von Thomas Scheen, JohannesburgMehr als 330 Meter lang, 150 Millionen Dollar teuer und beladen mit zwei Millionen Fass Rohöl im geschätzten Wert von 100 Millionen Dollar: Der jüngste „Fang“ somalischer Piraten, der saudische Supertanker „Sirius Star“, läutet nicht nur wegen seiner Größe und seinem potentiellen Wert eine neue Qualität in der Geschichte der Piraterie am Horn von Afrika ein.
Es ist vor allem der Ort, an dem das nahezu nagelneue Schiff mit seinen 25 Besatzungsmitgliedern aus Polen, Großbritannien, Kroatien, Saudi-Arabien und den Philippinen gekapert wurde, der aufhorchen lässt: mehr als 800 Kilometer südöstlich der kenianischen Hafenstadt Mombasa und damit mitten im Indischen Ozean. Von dort aus bis zur mutmaßlichen Basis der Piraten in Harardere oder Eyl in der autonomen somalischen Region Puntland sind es mehr als 2000 Kilometer.
„Taktisch wirklich sehr gut“
Selbst der Generalstabschef der amerikanischen Armee, Michael Mullen, zeigte sich beeindruckt: Die Piraten, sagte der Admiral, seien „taktisch wirklich sehr gut“. Die somalischen Piraten bedrohen nunmehr einen der wichtigsten Schiffswege für die Versorgung Europas und Amerikas mit Rohöl: die Route um das Kap der guten Hoffnung.
Dass die Piraten zu solch spektakulären Überfällen in der Lage sind, zeigten die versuchten Überfälle auf französische und spanische Thunfischfänger Anfang September nahe den Seychellen. Der französische Trawler „Le Drennec“ war dabei 750 Kilometer von der Festlandküste entfernt mit Panzerfäusten beschossen worden und nur knapp entkommen.
EU-Streitmacht wird nichts ausrichten können
So weit vor der Küste hatten Piraten bislang noch nie operiert und die Angriffe auf die Fischtrawler als auch auf den saudischen Supertanker zeugen sowohl von einer technischen als auch der logistischen Aufrüstung der Piraten, gegen die die geplante EU-Streitmacht mit ihren sieben Schiffen nichts ausrichten wird - zumal ihr Einsatzgebiet der Golf von Aden weit nördlich sein wird.
Für Angriffe auf hoher See sind die Piraten auf hochseetaugliche und relativ schnelle „Mutterschiffe“ als Stützpunkt für ihre Angriffsboote angewiesen sowie auf leistungsfähige Radaranlagen und satellitengestützte Kommunikationsmittel. So etwas kostet sehr viel Geld, doch das scheint das geringste Problem zu sein.
Entführung des Supertankes der 92. registrierte Angriff in diesem Jahr
Die Entführung der „Sirius Star“ war der 92. registrierte Angriff durch somalische Piraten in diesem Jahr. Dabei brachten sie 36 Schiffe in ihre Gewalt, von denen 22 gegen Lösegeldzahlungen zwischen 800.000 und zwei Millionen Dollar wieder freigelassen wurden. Neben dem Supertanker mit seinen 25 Mann Besatzung befinden sich nach wie vor 14 Schiffe mit zusammen 286 Besatzungsmitgliedern in den Händen von Piraten.
Nach Schätzungen des britischen politischen Stiftung „Chatham House“ haben die Piraten an der Küste Puntlands im vergangenen Jahr die Summe von mindestens 30 Millionen Dollar eingenommen und damit 50 Prozent mehr, als der Haushalt der autonomen Region Puntland insgesamt beträgt. Reisende, die sich unlängst an der „Piratenküste“ von Eyl umtun konnten, berichten von zahlreichen Hausneubauten und teuren Fahrzeugen in den Straßen.
Piraterie ist in Somalia mittlerweile regelrechte Industrie
Die Piraterie hat sich inzwischen zu einer regelrechten Industrie entwickelt, die nicht nur ehemalige Fischer und Soldaten beschäftigt, sondern auch immer mehr so genannte „Gunmen“ - freischaffende Gangster - aus Mogadischu anlockt.
Die hohen Summen, die bei diesem Geschäft im Spiel sind, erklären die auffällige Untätigkeit der puntländischen Behörden. Zahlreiche Würdenträger machen schon lange gemeinsame Sache mit den Piraten aus Eyl. Als der puntländische Präsident Adde Musa auf den plötzlichen Reichtum der Piraten angesprochen wurde und den Einfluss, den man mit soviel Geld kaufen kann, meinte er: „Das ist wohl wahr“.
Gemeinsame Sache mit den Behörden?
Mittlerweile gibt es sogar Hinweise darauf, dass Geschäftsleute aus den Arabischen Emiraten die Piraterie als Geschäftszweig entdeckt haben und in die Ausrüstung der Seeräuber investieren. Das würde erklären, warum diese nicht nur in der Lage sind, immer weiter vor der Küste zuzuschlagen, sondern dank eigener Aufklärung auch immer wertvollere Schiffe unter ihre Kontrolle bringen.
Am Dienstag war die unter liberianischer Flagge fahrenden „Sirius Star“ nach Angaben der 5. amerikanischen Flotte bereits auf dem Weg nach Somalia. Somalische Stellen meldeten, der Supertanker sei vor dem Hafen von Harardere 300 Kilometer nördlich von Mogadischu vor Anker gegangen. Weiter die Küste hinauf liegt irgendwo der ukrainische Frachter „Faina“ mit seinen 33 russischen Kampfpanzern an Bord.
Für die Ende September gekaperte „Faina“ wollten die Piraten ursprünglich 22 Millionen Dollar. Angeblich sollen sie ihre Forderung auf acht Millionen Dollar reduziert haben. Die „Sirius Star“, die nahezu ein Viertel der täglichen Rohölfördermenge Saudi-Arabiens an Bord hat, wird mit Sicherheit sehr viel mehr Geld bringen.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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