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Piratenküste : Lukrative Geschäfte an der somalischen Küste

Immer höhere Lösegeldforderungen: Bis zu 6 Millionen je Schiff Bild: AP

Offenbar mehr als tausend Piraten erweitern derzeit ihren Aktionsradius in der Region Puntland. Politischen Schutz erhalten sie von den mächtigen Stämmen, denen auch der somalische Präsident angehört. Die Lösegeldforderungen steigen derweil: Bis zu 6 Millionen je Schiff.

          Eine neue „Piratenküste“ ist entlang einiger der wichtigsten Schifffahrtswege des Welthandels in der somalischen Region Puntland entstanden. Piraten halten gegenwärtig mehr als ein Dutzend Schiffe und ihre gut 200 Besatzungsmitglieder fest. Zugleich erweiterte sich der Aktionsradius der Piraten durch den Einsatz schneller „Mutterschiffe“ und moderner Technologie bis tief in den Indischen Ozean hinein. Das Seegebiet, in dem sie aktiv sind, ist größer als das Mittelmeer und das Rote Meer zusammen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Entlang der somalischen Küste sind mehr als tausend Piraten im Einsatz, schätzt Mustafa Alani, Direktor des Anti-Terrorismus-Zentrums im „Gulf Research Centre“ von Dubai. Vor drei Jahren seien es erst hundert gewesen. Die Piraten unterhielten keine direkte Beziehung zu den Islamisten in Somalia, beobachtet Nicole Stracke, die für das Zentrum an einer Studie über die Piraterie vor der somalischen Küste arbeitet. Vielmehr gehe es um organisierte Kriminalität mit dem Ziel, möglichst viel Geld zu verdienen.

          Somalischer Präsident unterstützt Piraten

          Zwischen 2005 und 2006 hatten die Islamisten der Scharia-Gerichtshöfe die Kontrolle über weite Gebiete um Mogadischu erlangt und zunächst die Piraten erfolgreich bekämpft. Begonnen hatten diese ihre Aktivitäten aber schon vor einem knappen Jahrzehnt im Roten Meer, insbesondere entlang der Küste von Eritrea. Die Präsenz der amerikanischen und französischen Marine in Djibouti, die erhöhte Schlagkraft der einheimischen Marine sowie die zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen den Regierungen von Somaliland und Puntland hätten zur Folge gehabt, dass sich die Angriffe der Piraten weiter in den Süden in den Golf von Aden sowie entlang der somalischen Küste um die Piratenhochburg Eyl verlagerten, sagt Marie Bos vom Forschungszentrum in Dubai.

          Dort profitierten Piraten davon, dass es in Somalia keinen funktionierenden Staat gebe, aber Schwarzmärkte, auf denen die Piraten leicht moderne Waffen und Kommunikationsgeräte erwerben können. Solche Märkte florieren meist in Gegenden, die von unterschiedlichen Gruppen kontrolliert werden. Politischen Schutz erhalten die Piraten über die mächtigen Stämme. So gehört der Präsident der somalischen Übergangsregierung, Abdullahi Yusuf Ahmed, dem großen Stamm der Darod an, aus dem offenbar eine große Zahl der Piraten stammt. Selbst wenn der Präsident dazu in der Lage wäre, würde er nicht gegen seinen eigenen Stamm vorgehen. Denn vor der Hauptstadt Mogadischu stehen islamistische Milizen. Seinen Stamm braucht er daher als Stütze. Zudem haben die Aktivitäten der Piraten wegen der reichlichen Einnahmen bei den Stämmen bereits eine hohe Akzeptanz.

          Professionelle Infrastruktur - auch im Landesinnern

          Nicole Stracke schließt nicht aus, dass die Piraten Schutzgeld an Islamisten zahlen. „Die Piraten sind professionell und sehr gut organisiert“, sagt sie. Ehemalige Fischer seien darunter, die nach der systematischen Überfischung der Küstengewässer kein Einkommen mehr hatten und nun wegen ihrer Kenntnis des Meeres und der Strömungen bei den Piraten gefragt sind. Frühere Milizionäre, die zuletzt schlecht bezahlt wurden, können wiederum mit modernen Waffen umgehen. In einem Fall wurde nach Informationen des Zentrums ein Englischlehrer für die Lösegeldverhandlungen eingesetzt. Zu jedem Piraten auf See kommt nach Erkenntnissen des Zentrums ein weiterer, der zu Land die Logistik sicherstellt. Die somalische Küste gilt mit ihren kleinen Inseln und den langen unbewohnten Küsten als schwer zu überwachen. Zudem setzen die Piraten offenbar Fischerboote, in denen sie unerkannt bleiben, für ihre Aufklärung und als Kommunikationszentren ein.

          Einen Aufschwung hat die somalische Piraterie genommen, als Regierungen und Unternehmen begannen, Lösegelder zu zahlen. Mutmaßlich fünf der gekaperten Schiffe setzen die Piraten heute als „Mutterschiffe“ ein, mit denen sie nun auch große Tanker angreifen. Mit den Lösegeldern erwerben sie moderne Waffen, Kommunikationsgeräte und kleine Schnellboote, entweder in Somalia oder aber im benachbarten Jemen.

          Hohes Lösegeld: 6 Millionen Dollar je Schiff

          Die Piraten greifen vorzugsweise Schiffe an, die langsam sind, schwerfällig und nur eine kleine Besatzung haben, also Containerschiffe, Tanker und Massenfrachter. „Sie haben für die Piraten den Vorteil, dass sie, falls sie nicht rasch Lösegeld bekommen, das Frachtgut auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder aber wie bei Weizen unter ihrer Bevölkerung verteilen können“, sagt Nicole Stracke. Als andere bevorzugte Ziele nennt sie Fischereiboote und große Privatjachten.

          Die Verhandlungen mit den Piraten ziehen sich häufig viele Monate in die Länge, bevor Lösegeld gezahlt wird. Über das Schiff müssen sie mit der Reederei verhandeln, über die Besatzung mit mehreren Regierungen und über das Ladegut möglicherweise mit einem weiteren Land. So war das Erdöl des Supertankers Sirius Star für die Vereinigten Staaten bestimmt. Bislang sind die Geiseln, solange Aussicht auf Lösegeldzahlungen bestanden hat, gut behandelt worden. Die Lösegeldforderungen sind zuletzt kräftig gestiegen. „Sie haben sich auf 5 bis 6 Millionen Dollar je Schiff verzehnfacht“, sagt Mustafa Alani. Das Einkommen der Piraten aber auch, weil die Zahl der Entführungen weiter zunimmt.

          Quelle: F.A.Z.

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