Home
http://www.faz.net/-gq5-74fjs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Petraeus-Affäre Der General, die Geliebte und ich

Der Skandal, der Amerika in Atem hält, begann mit der Affäre zwischen CIA-Chef Petraeus und seiner Biographin. Unser Autor arbeitete mit ihr zusammen - und kann nicht glauben, dass er nichts merkte.

© dapd Vergrößern Paula Broadwell vergangene Woche in der Küche im Haus ihres Bruders in Washington

Meine Frau behauptet, ich sei der ahnungsloseste Mensch Amerikas. Tatsächlich wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass David Petraeus und Paula Broadwell - die Frau, mit der ich 16 Monate lang an einem Buch über Petraeus’ Jahr als oberster Kommandeur des Krieges in Afghanistan gearbeitet habe - eine Affäre haben könnten. Zwar führten Broadwells attraktives Äußeres und ihr sehr guter Zugang zu Petraeus unter meinen Kollegen hin und wieder zu einem Stirnrunzeln und der Frage, wie genau die Beziehung der beiden eigentlich aussehe, aber ich nahm dergleichen nie ernst.

Ich war bestimmt auch nicht der Einzige, dem es so ging. Als Präsident Obama Petraeus nach dessen Rückkehr aus Kabul im Sommer 2011 als CIA-Direktor nominierte, war dessen ungewöhnlich enge Beziehung zu seiner Biographin kein Geheimnis. Für Broadwells Buch „All In: The Education of General David Petraeus“ hatte Amerikas berühmtester und gefeiertster General ihr ein außergewöhnlich hohes Maß an Einblick in seine Arbeit und sein Denken gewährt. Nachdem das Buch im Januar veröffentlicht worden war, hatte Broadwell nichts getan, um diesen engen Kontakt und ihre große Bewunderung für Petraeus zu verbergen; im Gegenteil beschrieb sie ihn stets auf eine Art, die sich nur als, nun ja, überschwänglich beschreiben lässt.

Als die Meldung kam, Petraeus sei wegen einer Affäre zurückgetreten, war ich deshalb völlig entgeistert. „Ist es vielleicht wegen Paula?“, fragten meine Freunde und Kollegen sofort. Ich aber sagte selbst zu diesem Zeitpunkt noch, ich wolle mir kein Urteil bilden, solange nichts eindeutig bewiesen sei - bis ein paar Stunden später dann alle Zweifel verflogen und ich plötzlich einen Platz in der ersten Zuschauerreihe bei einem Politskandal epischen Formats hatte.

- © AFP Vergrößern Für Broadwells Buch hatte Amerikas gefeiertster General ihr ein außergewöhnlich hohes Maß an Einblick in seine Arbeit und sein Denken gewährt

Angefangen hatte das alles unverfänglich. Im Juli 2010 rief mein Agent an und wollte wissen, ob ich als Ghostwriter an einem Buch über Petraeus mitarbeiten wolle, der gerade zum Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan ernannt worden war; ich war gerade erst Ghostwriter für die Memoiren eines ehemaligen CIA-Mitarbeiters gewesen. Seinen anderen Klienten, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, beschrieb mein Agent als eine Frau, die über einen einzigartigen Kontakt zu Petraeus verfüge.

Sie sei ein echtes Energiebündel - Absolventin der Militärakademie von West Point, habe nach 9/11 in der Terrorismusabwehr gearbeitet und schreibe eine Doktorarbeit am King’s College in London. Es klang nach einer einmaligen Gelegenheit. Während meiner Zeit als Pentagon-Korrespondent der „Washington Post“ hatte ich im Herbst 2003 kurze Zeit die 101st Airborne Division begleitet, die damals im Nordirak stationiert war und unter Petraeus’ Befehl stand; den General - und was er erreicht hatte - habe ich als beeindruckend und inspirierend erlebt. Mosul und der überwiegende Teil seines Sektors im Norden waren größtenteils befriedet, und Petraeus gab mir unbeschränkten Zugang zu seinem Hauptquartier und seinen Bataillonskommandeuren.

Wir gingen sogar zusammen laufen, rund um einen von Saddams ehemaligen Palästen in Mossul, wo Petraeus’ Kommandotruppe ihr Feldlager aufgeschlagen hatte. Dass ich Läufer war, machte mich für meinen Agenten zum idealen Kandidaten für den Job. Als er mich später Broadwell vorstellte, scherzte er, ich sei der einzige Ghostwriter, der es als Läufer mit Petraeus aufnehmen könne - und mit ihr, Broadwell. Beide waren passionierte, höchst konkurrenzbewusste Langstreckenläufer, und beide konnten Hunderte von Liegestützen machen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Washingtons Machtelite Nur der Tod kann sie abberufen

Der Journalist Mark Leibovich hat ein Porträt der herrschenden Klasse in Washington geschrieben: Politiker, Lobbyisten und Journalisten. Sie glauben, sie hätten Amerika in der Hand. Doch das könnte ein Trugschluss sein. Mehr Von Patrick Bahners, Washington

28.10.2014, 17:20 Uhr | Feuilleton
Steinmeier besucht Kabul

Der deutsche Außenminister dringt bei seinen Gesprächen in Kabul mit den beiden Präsidentschaftskandidaten Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah auf einen politischen Kompromiss in Afghanistan. Mehr

06.09.2014, 17:09 Uhr | Politik
Al Pacino im Gespräch Mein Ego, mein Alter Ego und ich

Die Rolle gehört immer dem, der sie am Ende spielt: Al Pacino spricht über das Schauspielen und die Schauspielerinnen, über Filmgötter und neue Talente - und erklärt, warum er nicht Sonny Scott heißen will. Mehr

21.10.2014, 07:55 Uhr | Feuilleton
Afghanistan Grausame Jagd auf Straßenhunde in Kabul

Täglich fangen und vergiften Hundefänger zahlreiche Straßenhunde in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Ihre Kadaver werfen sie auf Müllkippen vor den Toren der Stadt. Mehr

24.10.2014, 10:49 Uhr | Gesellschaft
Dieter Nuhr Ich wollte keine Werbung für Salafisten machen

Der Kabarettist Dieter Nuhr macht Witze, worüber andere lieber schweigen - über die Gefahr durch den Islamismus zum Beispiel. Warum ist er dann mit der Neuen Osnabrücker Zeitung aneinandergeraten? Mehr Von Michael Hanfeld

26.10.2014, 18:32 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.11.2012, 15:18 Uhr

Tanz um den hohlen Kürbis

Von Reinhard Bingener

Auch wenn der Reformationstag gegenüber „Halloween“ ins Hintertreffen gerät: Martin Luthers Idee einer Religion ohne Ringelpiez ist eigentlich auch heute noch einen Feiertag wert. Mehr 3 19