http://www.faz.net/-gpf-74fjs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.11.2012, 15:18 Uhr

Petraeus-Affäre Der General, die Geliebte und ich

Der Skandal, der Amerika in Atem hält, begann mit der Affäre zwischen CIA-Chef Petraeus und seiner Biographin. Unser Autor arbeitete mit ihr zusammen - und kann nicht glauben, dass er nichts merkte.

von Vernon Loeb
© dapd Paula Broadwell vergangene Woche in der Küche im Haus ihres Bruders in Washington

Meine Frau behauptet, ich sei der ahnungsloseste Mensch Amerikas. Tatsächlich wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass David Petraeus und Paula Broadwell - die Frau, mit der ich 16 Monate lang an einem Buch über Petraeus’ Jahr als oberster Kommandeur des Krieges in Afghanistan gearbeitet habe - eine Affäre haben könnten. Zwar führten Broadwells attraktives Äußeres und ihr sehr guter Zugang zu Petraeus unter meinen Kollegen hin und wieder zu einem Stirnrunzeln und der Frage, wie genau die Beziehung der beiden eigentlich aussehe, aber ich nahm dergleichen nie ernst.

Ich war bestimmt auch nicht der Einzige, dem es so ging. Als Präsident Obama Petraeus nach dessen Rückkehr aus Kabul im Sommer 2011 als CIA-Direktor nominierte, war dessen ungewöhnlich enge Beziehung zu seiner Biographin kein Geheimnis. Für Broadwells Buch „All In: The Education of General David Petraeus“ hatte Amerikas berühmtester und gefeiertster General ihr ein außergewöhnlich hohes Maß an Einblick in seine Arbeit und sein Denken gewährt. Nachdem das Buch im Januar veröffentlicht worden war, hatte Broadwell nichts getan, um diesen engen Kontakt und ihre große Bewunderung für Petraeus zu verbergen; im Gegenteil beschrieb sie ihn stets auf eine Art, die sich nur als, nun ja, überschwänglich beschreiben lässt.

Als die Meldung kam, Petraeus sei wegen einer Affäre zurückgetreten, war ich deshalb völlig entgeistert. „Ist es vielleicht wegen Paula?“, fragten meine Freunde und Kollegen sofort. Ich aber sagte selbst zu diesem Zeitpunkt noch, ich wolle mir kein Urteil bilden, solange nichts eindeutig bewiesen sei - bis ein paar Stunden später dann alle Zweifel verflogen und ich plötzlich einen Platz in der ersten Zuschauerreihe bei einem Politskandal epischen Formats hatte.

- © AFP Vergrößern Für Broadwells Buch hatte Amerikas gefeiertster General ihr ein außergewöhnlich hohes Maß an Einblick in seine Arbeit und sein Denken gewährt

Angefangen hatte das alles unverfänglich. Im Juli 2010 rief mein Agent an und wollte wissen, ob ich als Ghostwriter an einem Buch über Petraeus mitarbeiten wolle, der gerade zum Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan ernannt worden war; ich war gerade erst Ghostwriter für die Memoiren eines ehemaligen CIA-Mitarbeiters gewesen. Seinen anderen Klienten, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, beschrieb mein Agent als eine Frau, die über einen einzigartigen Kontakt zu Petraeus verfüge.

Sie sei ein echtes Energiebündel - Absolventin der Militärakademie von West Point, habe nach 9/11 in der Terrorismusabwehr gearbeitet und schreibe eine Doktorarbeit am King’s College in London. Es klang nach einer einmaligen Gelegenheit. Während meiner Zeit als Pentagon-Korrespondent der „Washington Post“ hatte ich im Herbst 2003 kurze Zeit die 101st Airborne Division begleitet, die damals im Nordirak stationiert war und unter Petraeus’ Befehl stand; den General - und was er erreicht hatte - habe ich als beeindruckend und inspirierend erlebt. Mosul und der überwiegende Teil seines Sektors im Norden waren größtenteils befriedet, und Petraeus gab mir unbeschränkten Zugang zu seinem Hauptquartier und seinen Bataillonskommandeuren.

Wir gingen sogar zusammen laufen, rund um einen von Saddams ehemaligen Palästen in Mossul, wo Petraeus’ Kommandotruppe ihr Feldlager aufgeschlagen hatte. Dass ich Läufer war, machte mich für meinen Agenten zum idealen Kandidaten für den Job. Als er mich später Broadwell vorstellte, scherzte er, ich sei der einzige Ghostwriter, der es als Läufer mit Petraeus aufnehmen könne - und mit ihr, Broadwell. Beide waren passionierte, höchst konkurrenzbewusste Langstreckenläufer, und beide konnten Hunderte von Liegestützen machen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Minister in Baden-Württemberg Bonde verzichtet nach Affären-Gerüchten auf Amt

Affären-Gerüchte kosten den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Bonde sein Amt. Der Grünen-Politiker verzichtete auf einen Kabinettsposten, nachdem eine Parteifreundin über eine angebliche Liebesaffäre berichtet hatte. Mehr

02.05.2016, 11:40 Uhr | Politik
Afghanistan Tote und Verletzte bei Anschlag in Kabul

In Kabul kamen am Dienstag mehrere Menschen bei einem Selbstmordanschlag ums Leben. Der Anschlag ereignete sich vor dem Büro der nationalen Sicherheitsbehörde. Nach Angaben des afghanischen Gesundheitsministeriums wurden mehr als 200 Personen verletzt. Ein mit Sprengstoff beladenes Autos hatte das nur wenige hundert Meter vom Präsidentenpalast entfernte Gebäude angegriffen. Mehr

19.04.2016, 10:38 Uhr | Politik
Messe Hannover Acht Jahre Arbeit für Obama

Die Zahl der Aussteller aus Amerika hat sich seit 2014 fast verfünffacht. Wie die Messe Hannover jahrelang Klinken putzte und sich auf Einladungslisten mogelte, um Obama zu gewinnen. Mehr Von Reinhard Bingener

24.04.2016, 14:14 Uhr | Politik
Mehrere Tote Selbstmordanschlag in Afghanistan

Ein Selbstmordattentäter der Taliban hat nach offiziellen Angaben am Montag im Osten Afghanistans mehrere Rekruten der Armee getötet und Dutzende Menschen verletzt. Die Rekruten waren Polizeiangaben zufolge in der Provinz Nangarhar in einem Bus unterwegs. Sie sollten zur Ausbildung nach Kabul gebracht werden. Mehr

11.04.2016, 19:46 Uhr | Politik
Wie erkläre ich’s meinem Kind? Warum Politiker so oft von Freundschaft sprechen

Sie nennen einander Freunde, umarmen andere, wenn ihnen gar nicht danach ist, und kennen das Wort Parteifreund als Steigerung von Erzfeind: So oft unter Politikern das Wort Freundschaft auch fällt: Erklärungsbedürftig ist es. Mehr Von Julian Staib

29.04.2016, 15:44 Uhr | Feuilleton

Europäischer Basar

Von Reinhard Müller

In der Flüchtlingskrise geht es um einen Handel mit der Türkei. Dazu gehören dort rechtsstaatliche Bedingungen. Das ist keine Fragen von Buchstaben – da geht es um Wirklichkeit. Und die trägt in der Türkei einen autoritären Schleier. Mehr 10