http://www.faz.net/-gpf-9dcw4

Missbrauch in Pennsylvania : Ein Drehbuch der Verdunkelung

Mitschuldig? Donald Wuerl, Erzbischof von Washington (l.), mit dem Papst. Bild: AFP

Wieder wird die katholische Kirche in Amerika von ihrer Vergangenheit eingeholt. Diesmal stehen die Diözesen Pennsylvanias am Pranger. Und wieder wollen die Verantwortlichen von nichts gewusst haben.

          Der Bericht des großen Geschworenengerichts von Pennsylvania verzichtet auf jede juristische Abstraktion. Er richtet sich an die Öffentlichkeit und kommt gleich zur Sache: „Wir, die Mitglieder der Grand Jury, möchten, dass sie dies erfahren“, beginnen die Autoren. Es habe schon andere Berichte über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche gegeben, noch nie aber in einem solchen Ausmaß.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Geschworenen waren mit der Aufgabe betraut worden, sexuellen Missbrauch an Kindern in sechs Diözesen des Bundesstaates zu untersuchen. Der Untersuchungszeitraum umfasste siebzig Jahre, einzelne Fälle gehen bis ins Jahr 1947 zurück. 25 Prozent der Bevölkerung Pennsylvanias sind Katholiken, ein für amerikanische Verhältnisse sehr hoher Anteil. Für ihren Bericht befragten die Geschworenen Dutzende Zeugen, sie sicherten eine halbe Million Akten der Amtskirche und sahen diese ein. Daraus ergaben sich „glaubhafte Anschuldigungen“ gegen 300 Priester. Mehr als tausend Opfer von Kindesmissbrauch seien ermittelt worden – allein auf der Grundlage der beschlagnahmten Akten. „Wir glauben, die echte Zahl geht in die Tausende.“

          Sadomasochistische Triebe

          Der gut 1300 Seiten umfassende Bericht, den Josh Shapiro, der Justizminister Pennsylvanias, und Mitglieder der Jury im Beisein zahlreicher Opfer am Dienstag vorstellten, behandelt nicht nur die individuellen Missbrauchsfälle, sondern deckt auch die systematischen Vertuschungen durch die Kirche auf. 15 Jahre, nachdem der Bostoner Missbrauchsskandal die katholische Kirche Amerikas erschüttert hat, müssen Erzbischöfe und Bischöfe wieder erklären, wie die Verbrechen durch die Kirche verschleiert werden konnten. Die Fälle umfassen unter anderem die Vergewaltigung eines jungen Mädchens nach ihrer Mandeloperation im Krankenhaus durch einen Priester. Auch lebten pädokriminelle Geistliche ihre sadomasochistischen Triebe an Minderjährigen aus.

          Ein Priester, der ein Mädchen geschwängert und später die Abtreibung organisiert hatte, durfte im Amt bleiben. Während die Geschworenen befanden, dass einige der beschuldigten Priester von der Kirche diskret versetzt wurden, sei nie gegen jene Kräfte in der Kirche vorgegangen worden, welche die Täter geschützt hätten. „Priester vergewaltigten kleine Jungen und Mädchen. Und jene Gottesmänner, welche für die Priester verantwortlich waren, sind nicht nur untätig gewesen, sie haben alles verschleiert – jahrzehntelang“, heißt es im Bericht. Es habe ein regelrechtes Drehbuch zur Verheimlichung der Taten gegeben.

          Der Bericht über den Missbrauchsskandal in sechs von acht Diözesen trifft die katholische Kirche der Vereinigten Staaten, kurz nachdem der Vatikan Kardinal Theodore McCarrick ebenfalls wegen Missbrauchsvorwürfen suspendiert hatte. Er war bis zu seinem Rücktritt aus Altersgründen im Jahr 2006 Erzbischof der Hauptstadtdiözese Washington. McCarrick war unter den Gläubigen in Amerika unter dem Namen „Uncle Ted“ bekannt. Es war das erste Mal, dass ein Kardinal – im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen abtreten musste. Davor hatten schon Philadelphia und Altoona-Johnstown eigene Untersuchungen vorgelegt.

          Im Fokus der Vorwürfe des jüngsten Skandals steht nunmehr McCarricks Nachfolger in der Diözese Washington, Donald Wuerl, der zuvor 18 Jahre lang Bischof in Pittsburgh war, der Industriemetropole Pennsylvanias. Das Geschworenengericht kommt mit Blick auf Wuerl zu einer gemischten Bilanz. Wohl habe er mitunter dafür gesorgt, dass übergriffige Priester ihre Pfarreien hätten verlassen müssen. In anderen Fällen habe er indes eine Rückkehr der Beschuldigten in ihre Gemeinden ermöglicht.

          Wuerl, der schon im Fall McCarrick hervorhob, dass er von den Vorwürfen nichts gewusst habe, verteidigte nun sein Verhalten während seiner Zeit als Bischof von Pittsburgh. Er nehme zur Kenntnis, dass sein Handeln in dem Bericht zum Teil kritisiert werde. Er wolle aber bekräftigen, dass er gewissenhaft gehandelt habe, mit Anteilnahme für die Opfer. Er habe sich zudem bemüht, dafür zu sorgen, dass Missbrauch nicht mehr stattfinden könne. Er hoffe inständig, dass eine gerechte Beurteilung seines Handelns in der Vergangenheit und in der Gegenwart und sein andauernder Einsatz, Kinder zu schützen, jene Eindrücke zerstreuten, die in dem Bericht wiedergegeben würden. Auf der Website der Erzdiözese Washington wurde ein Bericht veröffentlicht, in dem Bemühungen Wuerls geschildert werden, Kinder zu schützen.

          Vertreter katholischer Laienorganisationen äußerten sich hingegen kritisch. Kardinal Wuerl sei nach alldem nicht der Richtige, über den nächsten Papst mitzubestimmen. Die Bischöfe Pennsylvanias riefen zu Gebeten für die Opfer und die Kirche auf. Auch versprachen sie künftig größere Offenheit. Mehrere Bischöfe, auch der Nachfolger Wuerls in Pittsburgh, David A. Zubik, wiesen aber den Vorwurf zurück, die Kirche habe Missbrauch verheimlicht. „Es gab keine Verschleierung“, sagte Zubik nach der Veröffentlichung des Berichts.

          Eigentlich ist es die Aufgabe von Grand Jurys, darüber zu befinden, ob die Staatsanwaltschaft in komplexen Fällen Anklage erhebt. Dieser Bericht wird indes aufgrund der Verjährungsfristen mutmaßlich nicht zu einer umfassenden Strafverfolgung oder zivilrechtlichen Verfahren führen. Bisher wurden nur zwei Verfahren aufgenommen. Bemühungen des Gesetzgebers von Pennsylvania, die Verjährungsfrist in Fällen von Kindesmissbrauch zu verlängern, sind in der jüngeren Vergangenheit gescheitert. Das lag auch an der Bischofskonferenz des Staates. Sie hat sich immer wieder dafür eingesetzt, dass es nicht zu einer Gesetzesänderung kommt.

          Weitere Themen

          „Wir haben Vertrauen verloren“

          Nahles’ Brief im Wortlaut : „Wir haben Vertrauen verloren“

          Im Streit über die Versetzung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles eine überraschende Wende vollzogen. Wir dokumentieren ihr Schreiben an Merkel und Seehofer im Wortlaut.

          May demonstriert Härte nach EU-Gipfel Video-Seite öffnen

          Salzburg : May demonstriert Härte nach EU-Gipfel

          Ihre überraschend anberaumte Rede erfolgte nach einem Sturm der Entrüstung in der britischen Presse. Die Zeitungen „Guardian“ und „The Times“ hatten von einer Demütigung beim informellen EU-Gipfel in Österreich geschrieben.

          Was nun, Frau Nahles?

          Aufruhr in der SPD : Was nun, Frau Nahles?

          Nach der Maaßen-Entscheidung kocht die SPD-Basis vor Wut. Der Druck auf Andrea Nahles wird immer größer. Mit der Forderung nach neuen Verhandlungen versucht die SPD-Chefin einen Befreiungsschlag.

          Topmeldungen

          Innenminister Horst Seehofer und SPD-Chefin Andrea Nahles driften immer weiter auseinander.

          Kommentar zur SPD : Morsche Knochen, bloße Nerven

          Im Fall Maaßen steht die Regierungskoalition am Rande des Nervenzusammenbruchs – vier Sätzen eines Beamten halber. In der SPD lodert die Sehnsucht nach der Opposition. Doch es steht mehr auf dem Spiel als ihr Seelenheil.

          Hausse geht weiter : Wall Street ignoriert Warnsignale

          Am amerikanischen Aktienmarkt geht die Hausse weiter. Die Anleger setzen auf die robuste Konjunktur. Der Handelskonflikt mit China perlt an ihnen ab.

          Diesel-Nachrüstungen : Merkel trifft sich am Sonntag mit Autobossen

          Der Streit um Diesel-Nachrüstungen nähert sich offenbar seinem Ende: Am Sonntag will sich die Kanzlerin mit den Konzernchefs der Autoindustrie treffen. Eine Lösung soll in der kommenden Woche stehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.