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Spanien in der Krise : Patrioten auf Madrids Straßen

„Ich finde Liebe besser als Nationalismus“, sagt eine junge Spanierin und protestiert für einen Dialog mit Katalonien. Bild: Oliver Mayer

Beim „patriotischen Marsch“ demonstrieren in Madrid Zehntausende gegen eine Unabhängigkeit Kataloniens, sogar mit Symbolen der Franco-Diktatur. Doch eine junge Spanierin setzt weiter auf den Dialog – und auf Liebe.

          Die Fahne mit dem großen roten Herz hängt am Sonntag an ihrem Balkon in der Calle de Hortaleza im Norden Madrids und sieht etwas einsam aus zwischen den vielen spanischen Flaggen, die in ganz Madrid in den Fenstern hängen. „Ich finde Liebe besser als Nationalismus“, sagt die junge Produktmanagerin.

          Livia Gerster

          Redakteurin im Ressort Politik der F.A.Z.

          Mit dieser Botschaft ist sie am Samstag auf die Madrider Demonstration für einen Dialog mit Katalonien gegangen und hat die Herzfahne unbeirrt lächelnd einem Meer von spanischen Fahnen entgegen geschwenkt – obwohl die Zehntausenden Demonstranten, die am Samstag ebenfalls durch Madrid zogen, um gegen die katalanischen Separatisten zu demonstrieren, klar in der Überzahl waren. „Es lebe Spanien, es lebe der König“, schrien die Zehntausenden. Und Susana López-Urrutia hauchte: „Hablemos“, lasst uns reden.

          Als sich ein Teil der Demonstration „für die Einheit Spaniens“ von der Plaza de Colón in Richtung der weißen Dialogkundgebung vor dem Rathaus bewegte, musste die Polizei mit ihren Männern und Wagen eine Mauer zwischen den Demonstrationen bilden. Die Teilnehmer des „patriotischen Marsches“ demonstrierten am Samstag in Madrid gegen eine Abspaltung Kataloniens, während die Demonstranten unter dem Motto „Hablemos“ in der Hauptstadt, in Barcelona und zahlreichen anderen Städten Spaniens für eine Lösung durch Gespräche und die kulturelle und sprachliche Vielfalt Spaniens warben.

          Die Rechten bekommen Auftrieb

          Wie die anderen Dialogbefürworter kam Susana López-Urrutia ganz in weiß gekleidet, nur die Lippen und das Herz auf der weißen Fahne sind rot. Sie lächelte viel und wippte im Takt zum Rhythmus des Trommelzugs, doch wenn die „Ich bin Spanier“-Chöre der Patrioten die Trommeln übertönten, verdunkelte sich ihre Miene.

          „Ich habe wirklich Angst, dass die Rechten in Spanien wieder stark werden“, sagt López-Urrutia. Die vielen spanischen Fahnen, die seit dem katalanischen Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober in Madrid in Fenstern, auf Balkonen und an Autos zu sehen sind, bereiten ihr Unwohlsein.

          Sogar die Franco-Hymne „Cara al Sol“ sei bei einer Demonstration am vergangenen Wochenende erklungen, sagt sie. Youtube-Videos zeigten Spanier in die alten spanischen Fahnen der Diktatur gehüllt, den Arm zum faschistischen Gruß erhoben. Auch am Samstag sah man vereinzelt die Fahne mit dem schwarzen Adler der Diktatur General Francos zwischen den üblichen Nationalfahnen aufblitzen.

          Die junge Frau aus Madrid ist überzeugt, dass die Katalanen Spanier bleiben wollen würden, wenn man sie ernsthaft entscheiden ließe, „aber so vergraulen wir sie natürlich“. Sie meint damit die Härte der Regierung Rajoy, die gegen das Referendum vorgegangen ist. „Lasst sie doch ein legales Referendum machen“, schlägt López-Urrutia vor. Denn die Mehrheit, ist sie sicher, würde für den Verbleib in Spanien votieren. Zwar stimmten am 1. Oktober laut den katalanischen Behörden rund 90 Prozent für eine Abspaltung Kataloniens, die große Mehrheit der Katalanen aber nahm gar nicht an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 42,3 Prozent.

          „Ist das vielleicht ein unterdrücktes Volk?“

          „Wir sind stolz auf unsere Polizei“, riefen die Patrioten am Samstag, während die Polizisten, die unter ihren Uniformen schwitzend dafür sorgen mussten, dass es nur bei verbalen Auseinandersetzungen blieb, beiden Demonstrantengruppen gleichermaßen grimmig entgegenblickten.

          Die Polizisten hätten in Katalonien ja nur ihren Job gemacht, sagt eine ältere Spanierin unter ihrer großen Gucci-Sonnenbrille. Sie ist mit ihren Kindern und Enkelkindern auf die patriotische Demonstration gekommen und nennt nur ihren Vornamen, Rita. Schließlich sei das Referendum illegal gewesen. Wer sich im Rahmen der Verfassung bewege, mit dem könne auch verhandelt werden, sagt die ehemalige Mitarbeiterin der Fluggesellschaft British Airways. Aber so sei der Regierung nichts Anderes übriggeblieben, als geltendes Recht mit Gewalt durchzusetzen.

          Die ganze Helden-Folklore der Separatisten, die sich als unbeugsame Widerstandskämpfer gegen eine faschistische Zentralregierung inszenierten, „nervt mich zu Tode“, sagt sie. „Ich habe in der Diktatur gelebt. Ich weiß, wie es ist, wenn Minderheiten unterdrückt werden. Aber schauen Sie sich doch in Katalonien um: Ist das vielleicht ein unterdrücktes Volk?“, schreit sie gegen den Lärm der Demonstration an.

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