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Patriarch Alexij II. gestorben Bündnis von Thron und Altar

05.12.2008 ·  Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Alexij II., ist mit 79 Jahren gestorben. Der Patriarch stand seit 1990 an der Spitze von rund 150 Millionen Gläubigen - der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes leitete einen neuen Aufschwung der Orthodoxie in Russland ein.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Das Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche, Alexij II. , ist am Freitag in seiner Moskauer Residenz im Alter von 79 Jahren gestorben. Alexij II., der mit bürgerlichem Namen Aleksej Michajlowitsch Ridiger hieß und baltendeutsche Adelige zu seinen Vorfahren zählte, hatte seit Jahren mit Herzbeschwerden zu kämpfen.

Ins Amt des Patriarchen von „Moskau und der ganzen Rus“ war Alexij 1990 gewählt worden, als die Sowjetunion vor ihrem Ende stand. Zuvor hatte Alexij der Kirche als Bischof von Reval (Tallin) und Estland oder Vorsitzender des kirchlichen Außenamtes gedient.

Anknüpfen an die Zarenzeit

Der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes markierte den Anfang für einen neuen Aufschwung der Orthodoxie in Russland. Politische Führer mit Sowjetvergangenheit lernten wieder, sich rechtgläubig zu bekreuzigen und in welcher Hand man die brennende Kerze als Gläubiger in der Kirche zu halten hat.

Ähnlich wie Präsident Jelzin suchte Alexej II. nach der strikten Verurteilung der sowjetischen Vergangenheit - deren Aufarbeitung einschließlich der Rolle der damals überlebenden orthodoxen Rest-Kirche steht freilich noch immer aus - direkt an die Tradition aus der Zarenzeit anzuknüpfen. Kirche und Staat rückten wieder enger zusammen, der letzte Zar, Nikolaj II., der mit seiner Familie von den Bolschewiken erschossen worden war, wurde als Märtyrer heilig gesprochen.

Das neue Bündnis von „Thron und Altar“ war nicht allen in Russland geheuer und in der katholischen Weltkirche oder bei den Lutheranern, die ihren Platz in der Gesellschaft anders verstehen als die Orthodoxen in Russland, weckte es vielfach wegen seiner „Vormodernität“ Unverständnis. Abgesehen von bestimmten Traditionen im östlichen Christentum, wird dieses Bündnis sowie die Berufung auf vor-vergangene Zeiten durch die besondere Lage nach dem Ende der Sowjetunion verständlich.

Kirche als Identitätsstifterin

Russland suchte nach seinem Platz in der Welt und in Europa. Im Innern herrschte mentale Leere oder Konfusion, nachdem die Sowjets erst das Christentum als geistige Macht weitgehend getilgt hatten, die kommunistische Herrschaft dann aber selbst im schwarzen Loch der Geschichte verschwunden war.

Die russisch orthodoxe Kirche bot sich als Identitätsstifterin an. Der Staat ergriff die Hand, die sich ihm darbot. Unter Präsident Putin wurde eine neue Staatsideologie für Russland gezimmert, in der die Melodie der alten Sowjethymne als russische Nationalhymne und die orthodoxe Staatskirche als Bezugspunkte friedlich koexistieren.

Russland hat sich in Verträgen zum Selbstbestimmungsrecht der Staaten bekannt, die auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion entstanden. Die orthodoxe Kirche tat sich schwerer, auf ihrem Feld die neuen Realitäten anzuerkennen. Der Titel Alexijs II. bezog sich auf Moskau, aber auch auf die „gesamte Rus“, mithin das Territorium des mittelaterlichen Reiches der Ostslawen-Rus, dessen Zentrum Kiew, nicht Moskau, war.

Neue Unabhängigkeit von Moskau

Und nicht nur in der Ukraine, sondern auch in den Staaten des Baltikums, die die Zaren als neue Herrschaftsgebiete später hinzugewonnen hatten, strebten orthodoxe Christen nun nach kirchenrechtlicher Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat, neue „autokephale“ Nationalkirchen der Orthodoxen entstanden gegen Moskauer Widerstand.

Mit der katholischen Kirche kam es zu erheblichen Differenzen, weil die russisch-orthodoxe Kirche Russland als Festung begriff, als ihr „kanonisches Territorium“, auf dem sich keine andere Kirche zu tummeln, womöglich gar zu missionieren habe. Dabei wurde übersehen, dass viele Katholiken in Russland nicht zu solchen missioniert wurden. Es handelte sich vielmehr oft um Nachfahren von Einwanderern, die zu Sowjetzeiten weitgehend ohne Seelsorger und kirchliche Strukturen leben mussten, und die Rom sich nun nach dem Anbruch der Freiheit kümmern wollte.

Dass Alexij II. mit einem Teil der Führung in der katholischen Weltkirche in der Kritik am moralischen Verfall in den säkularisierten Gesellschaften des Westens übereinstimmte - das traf sogar mit Blick auf den polnischen „Erzfeind“ Johannes Paul II. zu - änderte an dieser ablehnenden Haltung gegen Rom wenig. Alexij II. lehnte bis zuletzt ein Treffen mit dem römischen Papst ab, um die Folgen der ein Jahrtausend alten Kirchenspaltung in Westen und Osten zu mildern. Einst durchaus ein Anhänger der Ökumene wandelte sich Alexij II. in einen vehementen Kritiker derselben.

Vormoderne Moralvorstellungen

Der begrenzte Pakt mit dem Staat - Alexij II. hat freilich immer auf der Trennung von Kirche und Staat bestanden und sich Einmischung verbeten - hat der orthodoxen Kirche dabei begünstigt, die Russen wieder unter ihre Fittiche zu nehmen. Auf mehr als 100 Millionen Gläubige wird die Kirche geschätzt. Wie viele davon nur orthodoxe „Feiertagschristen“ sind, ist unbekannt. Ehemals zweckentfremdete Kirchen wurden den Orthodoxen zurückgegeben, neue werden überall gebaut und unter Putin wurde die orthodoxe Kirche auch wieder Eigentümerin des Grund und Bodens, auf dem Gotteshäuser und andere kirchliche Einrichtungen stehen.

Kritiker in Russland bemängelten, dass die Kirche dem Kampf für ihre „vormodernen“ Moralvorstellungen - etwa was die Verurteilung der Homosexualität angehe - mehr Bedeutung beimesse, als dem Engagement für eine demokratische Zivilgesellschaft oder den sozialen Verpflichtungen in einer immer noch armen Gesellschaft. Alexij II. hielt es dagegen immer für ein Missverständnis, aus der Kirche eine politische Kraft machen zu wollen. Andererseits warf er mehrmals seine Autorität als Oberhaupt einer großen Glaubensgemeinschaft in die Waagschale, um in politischen Konflikten in Russland oder im Ausland, etwa auf dem Balkan, zu vermitteln.

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