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Patient Ostsee Eines der schmutzigsten Meere der Welt

 ·  Die Ostsee erlebt eine Blüte, allerdings nicht nur im positiven Sinne. Sie ist die Kloake unter den Meeren. Geredet wird darüber viel. Getan wird wenig. Jetzt will eine Stiftung der Politik vormachen, wie das geht. Ausgerechnet der Russe Putin könnte unversehens zum Star der Umweltkonferenz avancieren.

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Blaualgen sind sehr nützliche Lebewesen. Sie haben vor Jahrmillionen die Atmosphäre mitgeschaffen. Das hat ihnen weltweit viel Lob eingebracht. Seit einigen Jahren aber ist ihr Ansehen drastisch gesunken. Das liegt unter anderem an ihrem Aussehen. Treten sie vereinzelt auf, geht es noch. Dann hängen die Blaualgen, die strenggenommen keine Algen sind, sondern Bakterien, genauer: Cyanobakterien, an kleinen Stäbchen aneinander, die in den Augen ihrer Verehrer glitzern wie Lamettastreifen. Treten sie aber im Rudel auf, wird es ekelhaft. Dann hängen die Stäbchen schleimbeutelhaft aneinander, dümpeln stinkend an der Wasseroberfläche und verbinden sich zu einer gelbgrünbraunen Pampe, die sich wie Eiter ausbreitet.

Das nennt man Algenblüte. Neuerdings heißt sie auch Algenpest, je nachdem, ob und wo sich die heilsame Blaualge in einen giftigen Brei verwandelt. „Wenn Sie kniehoch im Wasser stehen und ihre Füße nicht mehr sehen, sollten Sie nicht baden!“ So lauten Anweisungen vom Ufer eines Tümpels, in dem der Schleim der Blaualge definitiv zur Pest geworden ist. Sieht man seine Füße noch, sollte man trotzdem nach dem Baden gründlich baden - mit sauberem Wasser, um Hautreizungen zu vermeiden. Badeverbote gehören deshalb hier zum Alltag einer jeden Saison; wer sie missachtet, muss mit Übelkeit, Durchfall und Erbrechen rechnen. Der Tümpel ist nicht irgendeiner. Es ist die Ostsee. Einige Millionen Touristen suchen hier im Sommer ihre Füße.

„Sehr viel geredet, sehr wenig getan“, sagt der Außenminister Finnlands, Alexander Stubb, über die Ostseepolitik, die mit der Blaualge eines gemeinsam hat: Sie glitzert wie winziges Lametta im Fahrwasser der Küstenstaaten. Doch dass eine der reichsten Gegenden der Welt an einem der schmutzigsten Meere der Welt liegt, empfanden sie bislang nicht als übelriechenden Kontrast. Schließlich schlug die Algenblüte nicht jedes Jahr und nicht überall so zu, dass von einer Dauerpest gesprochen werden könnte. Mal ist es schlimmer, mal nicht so schlimm. Ist es jetzt, Ende Januar, Anfang Februar windstill, kann es noch einmal gutgehen, ist es stürmisch, wird vom Boden der Ostsee besonders viel Nahrung aufgewirbelt, die das Plankton zum Leben und zum Wuchern braucht: Phosphor. Der Stoff wird aus der Landwirtschaft ins Meer gespült und wirkt dort so wie an Land, als Wachstumsdünger. Überschuss an Phosphor erzeugt Überschuss an Blaualgen. So wird aus schönem Lametta der hässliche Schleimteppich.

Der Kreislauf der Pest ist damit noch nicht zu Ende. Stirbt der Schleim ab, sinkt er zum Meeresgrund. Den Sauerstoff, den er einst produzierte, braucht er jetzt, um zu faulen. So entstehen „Todeszonen“, in denen es kein Leben mehr gibt. Todeszonen sind in Brackgewässern, wie die Ostsee eines ist, nichts Ungewöhnliches. Mittlerweile aber sollen zwanzig Prozent des Meeresbodens tot sein.

Das ist eine von vielen Zahlen, die zum „Baltic Sea Action Plan“ der Helsinki-Kommission führte. Die Kommission wacht im Auftrag der Umweltministerien seit 1974 über die Ostseeumwelt, seit 1992 im Auftrag aller Anrainer, allerdings in der Rolle des Ratgebers, nicht des Polizisten. Der Plan ist das Meisterstück der Kommission. Vor gut zwei Jahren wurde er in Krakau von den Umweltministern der Ostseestaaten unterzeichnet, seit vergangenem Jahr ist er Teil der sogenannten Ostseestrategie der Europäischen Union. Der Plan sieht vor, bis zum Jahr 2021 für eine saubere, sichere Ostsee zu sorgen. Doch auch für ihn gilt, was Stubb sagt: Viel wurde über ihn geredet, wenig getan.

Die Implementierung müsste schneller in Gang kommen, um das Ziel zu erreichen. Zwar ist in den vergangenen Jahren schon einiges getan worden, um die Schwemme von Phosphor und Stickstoff ins Meer zu drosseln. Doch allein Polen, die größte Phosphorschleuder an der Ostsee, müsste seine Blaualgendroge um mehr als achttausend Tonnen jährlich reduzieren. Auch die baltischen Staaten haben sich bemüht, nicht genug aber, um das Sterben in der Ostsee aufzuhalten. Die Gründe für die Zögerlichkeit liegen auf der Hand. Die Landwirtschaft ist in diesen Ländern nach den Umbrüchen der neunziger Jahre noch immer gebeutelt genug, und in einem Land wie Finnland, wo eine ehemalige Bauernpartei die Regierung führt, heißt es aus dem Büro des Ministerpräsidenten: Warum sollte sich gerade diese Regierung mit den Landwirten anlegen?

Russland verkörpert Fluch und Segen der Ostsee

Eine unberechenbare Größe ganz anderer Art ist nach wie vor Russland. Der Streit mit Schweden über verklappten Atom- und Chemiewaffenmüll vor Gotland (siehe Schweden verlangt Auskunft) zeigt, was Russland aus gutem Grund alles zugetraut wird. Und er gibt den Skeptikern Auftrieb, die fragen: Welche böse Überraschung könnte etwa durch den Bau der Ostseepipeline noch zutage gefördert werden? „Wir bekommen nicht so viele Daten, wie wir uns das wünschen“, heißt es in der Kommission über die Mitarbeit Russlands, das mit den fünf Millionen Einwohnern Sankt Petersburgs das größte Ballungszentrum an der Ostsee stellt, mit seinen Ölterminals die Häfen mit den höchsten Umweltrisiken und mit Königsberg (Kaliningrad) einen Flecken Erde, von dem es nicht nur wenige Umweltdaten gibt, sondern überhaupt keine. Russland verkörpert Fluch und Segen der Ostsee: Der Handel wächst in immer größere Dimensionen, allerdings auf immer engerem Raum. Der Tankerverkehr gilt deshalb als der gefährlichste überhaupt auf der Welt. 150 Millionen Tonnen Rohöl werden jährlich von Russland und den baltischen Staaten her über die Ostsee verschifft, bis 2015 wird in Prognosen eine Steigerung um vierzig Prozent angenommen. Die Zahl der Öltransporte, die sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht hat, dürfte in den kommenden Jahren demnach weiter drastisch steigen. Eine Havarie mit einem dieser Tanker, und die Ostsee würde sich auf absehbare Zeit in eine einzige Todeszone verwandeln.

Doch auch in Russland kann es ganz schnell gehen. Vor zehn Jahren leitete Sankt Petersburg seine Abwässer noch ungeklärt in die Ostsee. Der Finnische Meerbusen war deshalb in Gefahr, sich vollends in eine Kloake zu verwandeln. Jetzt ist absehbar, dass sämtliche Abwässer der Metropole gereinigt werden - mit Hilfe der Europäischen Investitionsbank sind mehrere Kläranlagen gebaut worden. Wladimir Putin persönlich, damals noch Präsident, weihte die Petersburger Reinigung ein. Sie wird auch von der Helsinki-Kommission gerne als Vorzeigeprojekt einer handlungsfreudigen Zusammenarbeit genannt.

Putin könnte deshalb an diesem Mittwoch unversehens zum Star einer eigentümlichen Umweltkonferenz in Helsinki werden. Eingeladen hat eine Stiftung, die sich in Anlehnung an den Umweltplan der Helsinki-Kommission „Baltic Sea Action Group“ nennt. Sinn der Konferenz seien nicht schöne Reden und wichtige Erklärungen, sagt Saara Kankaanrinta, Generalsekretärin der Stiftung. Jeder wisse an der Ostsee schließlich, was zu tun sei. „Aber wir tun nichts.“ Wobei sie mit „wir“ eigentlich die anderen, die Politiker, meint.

Die Gründung der Stiftung vor gut zwei Jahren brachte eine seltene Allianz zustande: Industrie, Umweltschutz und - ohne sie geht es dann doch nicht - Politik auf Regierungsebene. Im Unterschied zu vielen anderen Konstruktionen hanseatischer Runden entlang der Ostseeküsten - und davon gibt es fast so viele wie Blaualgen - hat diese Form der Zusammenarbeit einen unschätzbaren Wert, nämlich den Willen, Geld einzutreiben. Das soll in Helsinki geschehen. Zweck der Veranstaltung ist die Vermittlung von Verpflichtungen und verbindlichen Projekten - aus der Industrie, aus der Politik. Schon vor Beginn der Konferenz konnte die Stiftung Erfolge vorzeigen: Die Schiffe in der Ostsee sollen kostenlos mit einem modernen Navigations- und Informationssystem ausgerüstet werden.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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