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Parlamentswahl in der Türkei : „Erdogan begünstigt Gewalt gegen Frauen“

  • Aktualisiert am

Emine Ülker Tarhan Bild: Marcus Kaufhold

Die türkische Oppositionspolitikerin Emine Ülker Tarhan über die steigende Zahl von Gewalttaten gegen Frauen, verhaftete Journalisten und verbotene Bücher in der Türkei.

          Frau Tarhan, unlängst kritisierten Sie den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan und seine im Islam verwurzelte Regierungspartei AKP, weil „religiöse Führer“ in diesem Lande die Ansicht verbreiteten, Frauen seien an ihrer Vergewaltigung selbst schuld, wenn sie aufreizende Kleidung trügen. Das einzige Zitat, das wir hierzu fanden, stammt von einem Theologieprofessor von der Selçuk-Universität in Konya. Welche „religiösen Führer“ meinten Sie?

          Ich habe von einem Religionsgelehrten gesprochen, nicht von mehreren. Außerdem habe ich das nicht mit der AKP in Verbindung gebracht.

          Das ist aber die Verbindung, die Sie vermittelt haben.

          Ich hätte auch den AKP-Politiker zitieren können, der Frauen ohne Kopftuch mit leerstehenden Wohnungen verglichen hat. Solche Aussagen ergeben ein Bild davon, wie sich die AKP die Rolle der Frau in der Türkei vorstellt. Der Ministerpräsident hat türkische Richter aufgefordert, Islamgelehrte um Rat zu fragen, bevor sie ein Urteil fällen. Einer dieser Gelehrten sagt, eine Frau mit zu tiefem Dekolletee habe es verdient, vergewaltigt zu werden. Und solche Leute sollen die Richter um Rat fragen?

          Aber es ist doch nicht dasselbe, ob ein verrückter Professor etwas sagt oder ob eine Regierung Vergewaltigungen billigt.

          Es geht nicht darum, wie viele Religionsgelehrte so etwas sagen, sondern um die Geisteshaltung. Es ist dieselbe Haltung, die von Frauen verlangt, mindestens drei Kinder zu gebären, wie es der Ministerpräsident fordert. Ein anderer Politiker verglich flirtende Frauen mit Huren. Diese Einstellung ist der Grund für die steigende Zahl von Gewalttaten gegen Frauen.

          Gewalt gegen Frauen ist ein ernstes Problem in der Türkei. Aber wurden hierzulande in den vergangenen acht Jahren wirklich „1400 Prozent mehr Frauen getötet“, wie Sie behaupten? Woher stammen solche Zahlen?

          Das sind nicht meine Erkenntnisse. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass es diesen Anstieg laut Medienberichten gab. Es stand in der Zeitung.

          In welcher?

          Ich weiß es nicht mehr genau. Aber es steht doch außer Frage, dass wir jeden Tag Gewalt gegen Frauen erleben. Man muss nur die Nachrichten verfolgen. Frauen werden auf offener Straße ermordet in diesem Land. Eine junge Frau wurde lebendig begraben. Während die Frauenquote in den Verwaltungsgerichten bis vor einem Jahr noch bei 36 Prozent lag, sind es inzwischen weniger als zwei Prozent.

          Dass Frauen vor allem in Südostanatolien Schreckliches widerfährt, bestreitet niemand. Aber erst seit der Regierungszeit der AKP wird Vergewaltigung rechtlich nicht mehr als Angriff auf die Ehre des Mannes definiert, sondern auf die Rechte der Frau.

          Es stimmt, dass im Zuge der EU-Annäherung der Türkei wichtige Gesetzesänderungen verabschiedet wurden. Aber es kommt auf die Geisteshaltung an. Wenn der Ministerpräsident sagt, Männer und Frauen seien von Natur aus verschieden, begünstigt er Gewalt gegen Frauen. Man kann die Verfassung ändern und neue Gesetze erlassen, aber um Gewalt zu verhindern, muss man die Gleichberechtigung verinnerlichen, nicht nur davon reden.

          Auch Vergewaltigung in der Ehe wurde von der AKP zum Straftatbestand erhoben, erstmals in der Geschichte der Türkei.

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