Home
http://www.faz.net/-gq5-oiru
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Paris-Washington Ende der Eiszeit?

 ·  Der amerikanische Präsident Bush und sein französischer Kollege Chirac kommen sich näher: Der Weg von Paris nach Washington - oder umgekehrt - führt dieser Tage über Port-au-Prince.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Weg von Paris nach Washington - oder umgekehrt - führt dieser Tage über Port-au-Prince. Kaum war der haitianische Präsident Aristide aus dem Präsidentenpalast geeilt und in einem amerikanischen Zivilflugzeug in Richtung Zentralafrikanischer Republik abgeflogen, klingelte im Elysee-Palast das Telefon. Zum ersten Mal seit fast drei Monaten sprachen die Präsidenten Bush und Chirac wieder miteinander, und es war Bush, der Chirac seinen Dank für die "ausgezeichnete französisch-amerikanische Zusammenarbeit in Haiti" aussprach. Chirac, der sich danach ebenfalls "hoch erfreut über die Qualität der Zusammenarbeit" zeigte, wird es mit Genugtuung vernommen haben.

Denn es war Chiracs Außenminister de Villepin, der lange vor dem zögerlichen Powell in Washington das Urteil der Geschichte über Aristide gefällt hatte. Dieser habe seine Legitimität als demokratisch gewählter Präsident schon lange verspielt gehabt, weil er in der langen Tradition der Diktatoren des Landes die Institutionen des Landes als Geisel genommen habe, seine politischen Gegner mit bewaffneten Schlägertrupps und Mordbrennern habe verfolgen und "beseitigen" lassen und sich zudem dank krimineller Machenschaften schamlos bereichert habe. Es dauerte zwei, drei Wochen, ehe auch das State Department und das Weiße Haus den einstigen Schützling Washingtons fallenließen und diesen mit der sanften Gewalt des Arguments, man könne im Falle eines weiteren Vormarsches der Rebellen auf die Hauptstadt dessen Sicherheit nicht garantieren, zur Aufgabe seines Amtes drängten.

Ad-hoc-Versöhnug mit Paris

Ob mit der Gemeinschaftsaktion in Haiti schon das Ende der Eiszeit in den amerikanisch-französischen Beziehungen verkündet werden kann, bleibt trotzdem zweifelhaft. Denn die Ad-hoc-Versöhnug mit Paris in Sachen Haiti hat viel mit amerikanischer Innen-, ja Parteipolitik zu tun und wenig mit einer veränderten sicherheitspolitischen Großwetterlage, die von Paris und Washington nach wie vor signifikant unterschiedlich bewertet wird - und zwar nicht nur mit Blick auf den Irak. Viele außenpolitisch erfahrene Politiker der Republikaner hatten schon 1994 die Invasion Clintons auf Haiti kritisiert und - wie etwa Henry Kissinger - Aristide als "Geisteskranken" bezeichnet. Mit der zunächst zögerlich, dann aber recht robust betriebenen Ablösung Aristides durch eine republikanisch geführte Regierung wird in Washington auch eine parteipolitische Rechnung beglichen. Reflexartig haben deshalb schwarze Abgeordnete der Demokraten den Vorwurf erhoben, Aristide sei Opfer eines vom Auslandsgeheimdienst CIA und rechten Verschwörern eingefädelten Staatsstreichs geworden. Wichtiger noch aber dürfte das Motiv gewesen sein, daß andauernde Gefechte der Rebellen mit der Polizei und vor allem mit Aristides bewaffneten Banden ein Flüchtlingsdrama im karibischen "Hinterhof" Amerikas verursacht hätten, das sich kein Präsident in einem Wahljahr wünschen kann.

Daß Bush im Wahlkampf ist, beeinflußt jedenfalls auch seine Bündnispolitik. Ein gutgelauntes tete-a-tete mit Kanzler Schröder im Weißen Haus, eine Annäherung an Chirac helfen den Vorwurf der oppositionellen Demokraten entkräften, der Präsident habe mit seinem Unilateralismus die Beziehungen zu den europäischen Partnern nachhaltig beschädigt. Die im Zorn über den Streit wegen des Irak-Kriegs von Sicherheitsberaterin Rice ausgegebene Parole "Rußland vergeben, Deutschland ignorieren, Frankreich bestrafen!" gilt schon lange nicht mehr. Obwohl es in Washington offiziell heißt, Bush habe sich noch nicht entschieden, ob er am 6. Juni an den Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag von "D-Day", des Beginns der Landung der Alliierten in der Normandie, teilnehmen wird, gilt seine Reise nach Frankreich als sicher. Denn sie bringt, wie die Zusammenarbeit mit Paris im Fall Haiti, hohen symbolischen Gewinn bei geringen substantiellen Zugeständnissen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

Jüngste Beiträge

Hollandes Hand

Von Günther Nonnenmacher

Die Bundesregierung sollte sich klar darüber sein, was genau es bedeutet, wenn sie zur Krisenbewältigung „mehr Europa“ fordert. Mehr 31 33