04.11.2005 · Die nächtlichen Krawalle in den Vorstädten von Paris sind nach Einschätzung von Innenminister Sarkozy „perfekt organisiert“. Sie haben sich nun über die Hauptstadt hinaus ausgeweitet. Die Polizei veröffentlichte einen Bericht über den Tod zweier Jugendlicher.
Die gewalttätigen Unruhen in den Vorstädten von Paris sind nach Einschätzung von Innenminister Nicolas Sarkozy „perfekt organisiert“. Sie seien „keineswegs spontan“, sagte Sarkozy.
Am Freitag haben sich die Ausschreitungen über die Hauptstadt hinaus ausgeweitet. In Dijon, Rouen und bei Marseille wurden Autos zerstört. In mehreren Pariser Vororten gab es in der achten Nacht in Folge Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und der Polizei. „Alles, was wir jetzt noch brauchen, ist ein Toter. Dann entgleitet uns die Kontrolle völlig“, sagte der Bürgermeister des nordöstlich von Paris gelegenen Drancy, Jean-Christophe Lagarde.
Lokalpolitiker: Lage könnte außer Kontrolle geraten
Nach Angaben der Polizei wurden in den Pariser Gebieten mindestens 150 Autos angezündet. Zudem wurden zwei Kaufhäuser, ein Busdepot und eine Schule in Brand gesteckt. Etwa 1000 Polizisten waren im Einsatz. Lokalpolitiker werfen der Regierung in Paris vor, trotz großer Worte nicht ausreichend auf die sich ausbreitende Gewalt zu reagieren. Die Lage drohe, außer Kontrolle zu geraten.
Bereits seit einer Woche liefern sich Jugendliche und Polizisten in den Trabantenstädten der Metropole Straßenschlachten. Die meisten Randalierer stammen aus afrikanischen Einwandererfamilien, sind arbeitslos und fühlen sich von der französischen Gesellschaft ausgeschlossen. Über die Zerstörungen außerhalb von Paris gab es zunächst keine genauen Informationen.
„Müssen diesen Menschen Hoffnung geben“
Zuvor hatte Ministerpräsident Dominique de Villepin den lokalen Behörden einen Notfallplan für die Vororte angekündigt, der in den kommenden Tagen vorgelegt werden soll. „Viele von uns haben ihm gesagt, daß jetzt nicht die Zeit ist, zum x-ten Mal einen Plan vorzulegen“, kritisierte Lagarde. Unterstützung bekam er von Manuel Valls, dem Bürgermeister im südlich gelegenen Evry. „Wir befürchten, daß sich das, was gerade in Seine Saint Denis passiert, weiter ausbreitet“, sagte er. „Wir müssen diesen Menschen Hoffnung geben.“
Die Unruhen begannen vor einer Woche in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois, nachdem zwei Jugendliche ums Leben kamen, die angeblich von Polizisten verfolgt wurden. Seitdem haben die Proteste eine viel tiefere Dimension bekommen: Viele junge Randalierer werfen der Regierung vor, wegen ihrer Rasse diskriminiert zu werden. Am Mittwoch hatten Randalierer an mehreren Orten mit scharfer Munition auf Polizeiautos und Sicherheitskräfte geschossen.
Polizei veröffentlicht Bericht zum Tod der Jugendlichen
Die französische Polizei legte unterdessen einen Bericht zum Tod der beiden Jugendlichen vor. Nach der Polizeidarstellung ergriffen am Abend des 27. Oktobers drei fußballspielende Jugendliche in Clichy-sous-Bois die Flucht, als die Polizei eintraf, die gerufen wurde, weil die Jugendlichen in eine Baustelle eingedrungen waren.
Der 17 Jahre alte Muttin Altun hat laut Bericht einen Tag nach dem Zwischenfall zu Protokoll gegeben, daß den drei Jugendlichen bewußt gewesen sei, daß von ihrem als Versteck gewählten, eingezäunten Transformatorenhäuschen eine große Gefahr für sie ausgeht. Er habe weiter ausgesagt, daß er während ihrer Flucht und auch in der Nähe des Transformators keine Polizisten gesehen habe. Die Jugendgruppe sei nicht verfolgt worden.
Der 15jährige Bouna und der 17jährige Benna erlitten einen tödlichen Stromschlag, Altun schwere Verbrennungen. Warum sie davonrannten, wurde in dem vom Innenministerium veröffentlichten Bericht nicht diskutiert. Es wurde aber vermerkt, daß Benna der Polizei wegen gewaltsamen Raubs bekannt gewesen sei.