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Papst vor Lampedusa Wo ist dein Bruder?

Der Papst erinnert vor Lampedusa an die Tausenden Menschen, die in Europa ein besseres Leben suchten und im Mittelmeer ertranken. Sündig wie Kain seien wir alle, predigt Franziskus.

© Getty Images Vergrößern Papst Franziskus besucht die Insel Lampedusa

Niemand fühle sich verantwortlich für die Ertrunkenen und die Verdursteten. Dabei rufe Gott jeden: „Wo ist dein Bruder?“

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Im violetten Messgewand der Buße spricht Papst Franziskus den vielen tausend Menschen ins Gewissen, die sich am Montagmorgen auf dem Sportfeld der Insel Lampedusa zu einem Gottesdienst für die Opfer versammelt haben: Etwa 20000 Flüchtlinge kamen in den vergangenen dreißig Jahren auf dem Meer bei dem Versuch um, in Europa ein Leben zu suchen, das besser sein sollte als das in ihrer afrikanischen Heimat. Allein im Jahr 2011 wurden 2352 Tote gezählt. Zehntausende Flüchtlinge konnten sich nur mit Not auf Lampedusa retten, die kleine, karge Felseninsel zwischen Afrika und Europa; in der ersten Hälfte dieses Jahres waren es schon fast 4400. Die vorerst letzten 166 kamen genau zwei Stunden vor dem Papst auf der Insel an, sie waren in Libyen in See gestochen. Einige von ihnen gaben Franziskus vor der Messe die Hand, und er hörte sich ihre Bitten an: „Sie sind vielleicht der Einzige, der uns helfen kann.“

Karte / Italien / Insel Lampedusa © F.A.Z. Vergrößern Die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa

Diesen Flüchtlingen widmet Franziskus, der sich selbst gern als Sohn italienischer Einwanderer in Argentinien beschreibt, seine erste Reise seit seinem Amtsantritt im März. „Spontan und diskret“ sollte sie sein - aber zumindest in Italien erregt sie die Herzen und wird direkt im Fernsehen übertragen. Im März hatte der junge Inselpastor Don Stefano Nastasi dem Papst zur Wahl gratuliert und ihn eingeladen, weil die Gemeinde „die Aufnahme und Anteilnahme zu ihrem Zeichen der christlichen Botschaft gemacht“ habe. Lampedusa sei zum „Wallfahrtsort der Schöpfung“ geworden. Dass der Papst nun wirklich und so schnell gekommen sei, kann Don Stefano noch immer kaum fassen. Der Dank des Papstes beschämt ihn. Bescheiden und ohne Aufwand solle die Pastoralvisite vonstattengehen, hatte Franziskus ihn und die im Februar gewählte neue Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini von der linksbürgerlichen Demokratischen Partei, gebeten.

Diskreter Besuch des Papstes

Wer immer in der Vergangenheit über Flüchtlingsschicksale auf der gerade einmal 20 Quadratkilometer großen Insel berichtete, besuchte gewiss auch Giusi Nicolini in ihrem Büro, das nicht weit von Don Stefanos Kirche San Gerlando an der Hauptstraße von Lampedusa liegt. Denn sie ist nicht nur seit Jahren eine der wichtigen Sprecherinnen der Insel bei Umweltfragen, ihr liegen nicht nur die Meeresschildkröten am Herzen, sondern besonders auch das Los der Flüchtlinge. Nicolini führt seit Jahren das Totenbuch der Opfer. „Wie groß soll der Friedhof auf meiner Insel noch werden?“, hatte sie erst kürzlich in einem offenen Brief an die EU gefragt, als 21 Leichname von der Küstenwache aus dem Meer geborgen und auf die Insel gebracht worden waren.

Aber diskret ist der Besuch des Papstes insofern, als dass Franziskus ohne Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone und den Hof der Kurie gekommen ist. Der Papst lehnte auch das Angebot von Innenminister Angelino Alfano ab, ihn zu begleiten. Er weiß wohl, dass jener Politiker der Bewegung „Volk der Freiheit“ von Silvio Berlusconi einst zusammen mit dem damaligen Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord einst das - mittlerweile wiederaufgehobene - Dekret unterschrieb, wonach Flüchtlinge noch auf offener See und ohne Prüfung ihrer Dokumente zurückzuschicken seien. Zugleich hatten Alfano und Maroni damals wegen der humanitären Katastrophe nach EU-Hilfen gerufen, und Berlusconi selbst kaufte sich in einer pseudosolidarischen Geste ein Haus auf Lampedusa, in dem er bisher, so sagen es die Leute auf der Insel, nicht eine Nacht verbracht hat. Maroni hatte zunächst sogar das moderne Auffanglager für Flüchtlinge geschlossen halten wollen, als gerade zwischen dem 9. und 11. Februar 2011 mehr als tausend Menschen aus Tunesien ankamen. Für sie öffneten sich in jenen Wintertagen darum zuerst die Kirche San Gerlando und das Gemeindezentrum von Pastor Nastasi; und als das nicht reichte, wurden Zelte auf dem Sportplatz errichtet, auf dem jetzt der Papst die Messe feiert.

Anonyme Verantwortliche

Gott habe Kain nach seinem Bruder Abel gefragt, sagt Franziskus. „Doch der orientierungslose Mensch, der seinen Platz in der Schöpfung nicht mehr kennt, sondern sich als übermächtig empfindet“, zerstöre die Harmonie zwischen sich und Gott. Kain antworte darum unwirsch, dass er doch nicht seines Bruders Hüter sei, und habe doch zugleich dessen Blut an den Händen. So sündig und ohne Orientierung, sagt der Papst, seien „wir alle, auch ich, weil wir die Welt, in der wir leben, nicht schützen und bewahren“.

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Vor der Messe hatte der Papst in einem Boot der Küstenwache auf dem Meer einen Blumenstrauß in den päpstlichen Farben Weiß und Gelb in die im Sonnenlicht blitzenden Fluten geworfen, um an die Toten zu erinnern. Dann fuhr er, wieder an Land, nicht mit dem offiziellen „Papamobil“, sondern im alten offenen Fiat von Nastasis Jugendfreund Don Giuseppe Calandra, dem Sekretär des Bischofs von Agrigent, zum Sportplatz, wo ein gedeckter Tisch auf einer der Flüchtlingsbarken als Altar dient und wo ein Kreuz steht, das aus dem Holz von mehreren gekenterten Booten gefertigt wurde.

Franziskus beklagt die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, die alle zu „anonymen Verantwortlichen ohne Namen und Gesicht“ mache. Unter dem Deckmantel der Anonymität versuche jeder, die Verantwortung von sich zu weisen. Die Welt habe darüber das Weinen verlernt; niemand beklage die toten Flüchtlinge, sagt der Papst und scheint selbst zu schluchzen. Aber Franziskus hat auch Hoffnung; denn für ihn sind die Bürger der Insel ein „Vorbild der Solidarität“. Er bedankt sich „für die Zärtlichkeit, für den Mut, jene aufzunehmen, die nichts anderes wollen, als ein bisschen besser zu leben. Ihr seid ein Leuchtturm für diese Welt“, ruft er den Bewohnern von Lampedusa zu - und wünscht den muslimischen Flüchtlingen trotz allem einen süßen Ramadan.

Quelle: F.A.Z.

 
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