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Aktualisiert: 12.04.2015, 17:51 Uhr

Vatikan Papst: Vertreibung von Armeniern war Völkermord

Franziskus bezeichnet die Massaker an den Armeniern als ersten Genozid des 20. Jahrhunderts und stellte sie in eine Reihe mit dem Holocaust und Stalins Verbrechen in der Ukraine. Die Reaktion aus Ankara ist schroff: Der Papst schüre Hass und Feindschaft.

© AFP Die Kardinäle unter Papst Franziskus betrachten die Ernennung des homosexuellen Diplomaten Laurent Stefanini zum französischen Botschafter beim Heiligen Stuhl angeblich als Provokation.

Papst Franziskus hat den Mord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im osmanischen Reich im Jahr 1915 als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet und ihn in eine Reihe mit den späteren Völkermorden des Nationalsozialismus und des Stalinismus gestellt. Die Menschheit habe im vergangenen Jahrhundert „drei große, unerhörte Tragödien“ erlebt, zunächst jene, die als „der erste Genozid des 20. Jahrhunderts“ angesehen werde und die das armenische Volk traf, sagte der Papst zur Begrüßung des armenischen Staatspräsidenten Sersch Sargsjan vor Beginn einer im armenischen Ritus gefeierten Messe im Petersdom. Unter den Gästen waren auch die Oberhäupter der armenisch-apostolischen und der armenisch-katholischen Kirche, die Patriarchen Karekin II. und Nerses Bedros XIX.

Kritik an „kollektiver Gleichgültigkeit“

Schon Papst Johannes Paul II. hatte 2001 in einer gemeinsamen Erklärung mit Karekin II. bekundet: „Die Ermordung von eineinhalb Millionen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird.“

Nach Worten Franziskus' ist das Gedenken an die Verbrechen eine unabdingbare Pflicht. „Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen“, sagte der Papst auch mit Blick auf die Weigerung der Türkei, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen.

Franziskus sagte zudem, dass die Welt bis heute aus Tragödien wie dieser kaum Lehren gezogen habe. Sie erlebe durch „schuldhaftes Schweigen“ neue Genozide, mahnte der Papst unter Bezug auf die „Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien“.

Auch heute erlebe die Menschheit „eine Art Genozid“, so Franziskus weiter. Dieser werde durch die „allgemeine und kollektive Gleichgültigkeit verursacht“.

Ankara: Der Papst schürt Hass und Feindschaft

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu teilte über Twitter mit, die Erklärung des Papstes sei „weit von Geschichte und Recht entfernt“ und nicht hinnehmbar. „Religiöse Ämter sind nicht der Ort, mit haltlosen Vorwürfen Feindschaft und Hass zu schüren“, fügte der AKP-Politiker hinzu. Die Äußerung des Papstes werde nicht ohne Folgen bleiben. Der Botschafter des Vatikans in der Türkei wurde in das Außenministerium einbestellt.

Von russischen Medien wurde aufmerksam wahrgenommen, dass der Papst den Stalinismus in eine Reihe mit dem Völkermord an den Armeniern und dem Nationalsozialismus stellte. Die russische Regierung bemüht sich seit Jahren um eine Relativierung der Verbrechen Stalins.

Bereits drei Monate nach seinem Amtsantritt, Anfang Juni 2013, hatte Franziskus die Vertreibung der Armenier in einem privaten Gespräch, das später publik wurde, als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut inakzeptabel“. Der Papst äußerte sich damals gegenüber Nachfahren von Opfern der Vertreibung am Rande einer Privataudienz für Nerses Bedros XIX. im Vatikan. Schon als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Vertreibung als Völkermord betrachtet.

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Papst Franziskus erhob am Sonntag während des Gottesdienstes zudem den armenischen Mönch und Heiligen Gregor von Narek zum „Doktor der Universalkirche“. Der Mystiker und Schriftsteller wurde 950 im armenischen Andzevatsik geboren und starb um 1005 in einem Kloster in Narek. Beide Orte liegen heute in der Türkei. Das Kloster und das Grab Nareks wurden in den Jahren 1915 und 1916 im Zuge der Massaker an den Armeniern zerstört.

Als Kirchenlehrer verehrt die katholische Kirche Heilige, die eine herausragende Bedeutung für die Glaubenslehre haben. Mit der Erhebung Nareks gibt es nun 36 Kirchenlehrer. Aus dem deutschen Sprachraum kommen Hildegard von Bingen (1098-1179), Albertus Magnus (um 1200-1280) sowie der Jesuit Petrus Canisius (1521-1597).

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