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Papst Kommunikationsstörungen im Vatikan

02.02.2009 ·  Im Vatikan weiß die rechte Hand oft nicht, was die linke tut. „Wir wurden nicht gefragt, wir wurden nicht vorab informiert“, antwortete etwa Erzbischof Zollitsch auf die Frage, ob die Deutschen über das jüngste Dekret Benedikt XVI. vorab informiert worden seien. Doch auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie liegt manches im Argen.

Von Daniel Deckers
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Am Donnerstag nahm der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz kein Blatt vor den Mund. „Wir wurden nicht gefragt, wir wurden nicht vorab informiert“, gab Erzbischof Zollitsch auf die Frage zur Antwort, ob die Deutsche oder die Französische Bischofskonferenz in das Vorhaben von Papst Benedikt XVI. eingeweiht waren, die Exkommunikation der vier Bischöfe der abtrünnigen „Priesterbruderschaft Pius X.“ aufzuheben.

Doch warum sollte es Zollitsch und seinem französischen Amtsbruder Kardinal Vingt-Trois anders gehen als Kurienkardinälen und selbst dem Direktor von Radio Vatikan und Sprecher des Papstes, dem Jesuitenpater Federico Lombardi? Am Vormittag des vergangenen Samstags, eine Stunde vor der geplanten Veröffentlichung, seien einzelne Kurienkardinäle und auch der Sprecher des Papstes über den Wortlaut des Rehabilitierungsdekretes in Kenntnis gesetzt worden, heißt es in Rom.

Bevorstehende Entscheidung lange bekannt

Dabei pfiffen die Spatzen rund um den Vatikan seit Donnerstag von den Dächern, dass die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe unmittelbar bevorstehe. Die italienische Zeitung „Il Giornale“ hatte von dem Vorhaben Wind bekommen, und die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan ließ sich schon am Donnerstagabend prophylaktisch mit einem wohlwollenden Kommentar vernehmen.

Auch in Paris machten Mutmaßungen die Runde und kamen während der turnusmäßigen Zusammenkunft der Vorsitzenden der Französischen, der Deutschen und der Schweizer Bischofskonferenz zur Sprache. Doch Genaues wusste auch in diesem Kreis niemand, obwohl die Lefebvre-Bewegung in diesen drei Ländern seit Jahrzehnten am aktivsten ist.

Doch Konsultationen dieser Art sind ungeachtet aller Sonntagsreden über die Bedeutung des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) und des auch im Recht der katholischen Kirche aus dem Jahr 1983 kodifizierten Kollegialitätsprinzips nicht nur nicht üblich, sondern finden unter Papst Benedikt XVI. so gut wie nie statt.

Informationen nur über die Medien

Als der gegenwärtige Papst Mitte der achtziger Jahre als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre im Auftrag von Papst Johannes Paul II. mit der Lefebvre-Bewegung über eine Aussöhnung verhandelte, war das Bemühen um ein Einvernehmen mit den betroffenen Ortskirchen noch unübersehbar. Mehrfach wurden die Vorsitzenden der jeweiligen Bischofskonferenzen auf Wunsch von Johannes Paul II. nach Rom gebeten, heißt es heute rückblickend.

Jetzt wurden nicht einmal die päpstlichen Botschafter rechtzeitig in Kenntnis gesetzt. Die meisten, so wird berichtet, erfuhren von dem päpstlichen Gnadenerweis aus den Medien.

Dass nicht nur in der Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Bischofskonferenzen, sondern auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie manches im Argen liegt, ist mittlerweile für viele Mitglieder und Mitarbeiter der römischen Kurie nicht mehr der Rede wert.

Eine Reihe von Pannen

Dass die „Regensburger Rede“ des Papstes im September 2006 nicht einmal von dem dazu ex officio verpflichteten Theologen des Päpstlichen Hauses vorab gegengelesen wurde, mochte angesichts des überragenden Ranges des Papstes als Theologe und Intellektueller noch durchgehen. Doch musste der Papst im September 2006 nicht zum ersten Mal missverständlichen Äußerungen im Nachhinein Interpretationen folgen lassen.

So war es schon nach seiner Rede in Auschwitz im Frühjahr 2006 (damals war von einem deutschen Volk die Rede, das von Hitler und einer Gruppe Verbrecher gleichsam als Geisel genommen worden war), und so war es im Mai 2007 nach seiner Rede im brasilianischen Marienwallfahrtsort Aparecida (“Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur“). In beiden Fällen trat der Papst nachträglich dem Vorwurf der Geschichtsklitterung entgegen.

Ob niemand im Vatikan es wagt, den Papst in heiklen kirchenpolitischen Fragen zu beraten, ob der Papst nicht den Rat seiner Mitarbeiter sucht oder im Einzelfall nicht auf sie hört, bleibt unklar.

Die Rechte weiß nicht, was die Linke tut

Für alle Welt sichtbar erweckte vor allem die Art und Weise der Rehabilitation des „alten Ritus“ im Juli 2007 den Eindruck, dass im Vatikan mitunter die Rechte nicht weiß, was die Linke tut. Denn dass mit der Liturgie des Jahres 1962 auch eine „Karfreitagsfürbitte“ für die Juden reaktiviert wurde, die mit den Aussagen des II. Vatikanischen Konzils nicht kompatibel war, wurde im Vatikan wohl erst nachträglich bedacht.

Rechtzeitig vor dem Beginn der Fastenzeit 2008 verfasste Benedikt eigenhändig eine neue Version, die seinen theologischen Überzeugungen Rechnung trug. Doch als die neue Version per Dekret des (für Fragen der Liturgie gänzlich unzuständigen) Staatssekretariats in die Welt kam, fehlte es nicht nur an einer theologischen Erläuterung. Wieder einmal waren selbst ranghohe Kurienmitglieder vorab nicht hinreichend informiert worden und konnten dem anschwellenden Unmut über angeblichen päpstlichen Antisemitismus zunächst nichts entgegensetzen.

Es bedurfte eines Artikels des für den Dialog mit dem Judentum zuständigen Kardinals Walter Kasper, der in dieser Zeitung sowie im „Osservatore Romano“ erschien, um dem päpstlichen Voluntarismus eine offiziöse, auch für die meisten Repräsentanten des Judentums akzeptable Deutung nachzuschieben.

Wogen der Empörung

Jetzt ist Papst Benedikt abermals höchstpersönlich der Missdeutung seines Gnadenerweises gegenüber den vier abtrünnigen Bischöfen entgegengetreten. Am Mittwoch verlas er nach der Generalaudienz eine Erklärung, um alle Zweifel an dem aufrichtigen Willen zur Fortsetzung des Dialogs mit dem Judentum zu zerstreuen. Doch bis dahin waren die Wogen der Empörung längst über dem Vatikan zusammengeschlagen.

Denn dort hatte man anscheinend nicht wahrgenommen oder nicht hinreichend bedacht, dass sich einer der vier, der von den Anglikanern zur Pius-Bruderschaft konvertierte Richard Williamson, in den vergangenen Jahren wiederholt mit Äußerungen über den Holocaust hervorgetan hatte, die den millionenfachen Massenmord an den Juden als Geschichtsfälschung erscheinen ließen. Ob man in Rom davon hätte wissen können oder müssen, steht dahin. „Man hätte es voraussehen sollen“, sagte Erzbischof Zollitsch salomonisch.

Immerhin hatte die Zeitschrift „Der Spiegel“ am Montag vergangener Woche ausführlich über die inkriminierten Äußerungen berichtet, die Bischof Williamson im November vergangenen Jahres gegenüber einem schwedischen Fernsehsender gemacht hatte. Dass dieser Vorgang von der Apostolischen Nuntiatur in Berlin nach Rom weitergeleitet wurde, wie es eigentlich ihre Aufgabe ist, muss als unwahrscheinlich gelten. Die Nuntiatur hat den „Spiegel“ nicht abonniert. Allerdings gab es am Freitag vergangener Woche mit Blick auf Bischof Williamson eindeutige Warnungen aus den Reihen der Deutschen Bischofskonferenz. Doch die fanden wie so manches und manche aus Deutschland im Vatikan kein Gehör.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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