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Papst Johannes Paul II Kein Wort über den Irak

12.05.2004 ·  Weil die Kardinäle genug redeten, konnte der Papst schweigen. Als Johannes Paul II im Vatikan Bischöfe aus den Vereinigten Staaten empfing, ging er nicht auf den Irak ein. Das wird beim Besuch von Bush anders sein.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Papst Johannes Paul II. hielt sich zurück. Als er vor einer Woche im Vatikan Bischöfe aus den Vereinigten Staaten, aus den Kirchenprovinzen der Erzbistümer Detroit und Cincinnati, empfing, ging er in seiner Ansprache mit keinem Wort auf den Irak ein. Auf das Thema also, das seine Besucher - zu ihrem regelmäßigen Rechenschaftsbericht ("ad limina") in Rom - am meisten beschwerte und - nach dem Bekanntwerden der Folterungen irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten - am tiefsten verstörte. Hätte das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht triumphierend darauf verweisen könne, er habe von Anfang an diesen Krieg abgelehnt?

Der Papst hätte sagen können, daß die römische Zentrale der Christenheit im südlichen Europa seit Jahrhunderten Erfahrungen mit Arabern und Muslimen habe; daher könne sie die militärische Straf- oder Erziehungsaktion einer westlichen Macht im muslimisch-arabischen Orient nicht sehr förderlich für den Weltfrieden finden. Mit dieser Anklage wäre Johannes Paul II. in voller Übereinstimmung mit der traditionellen Skepsis seiner päpstlichen Vorgänger gegen den „merikanismus" gewesen, gegen den hemdsärmligen Weg zum machbaren Menschenglück und zum geordneten Weltparadies. Und hätte wiedergegeben, was viele Kurienkardinäle im Vatikan in den vergangenen Wochen gar nicht mehr so insgeheim über das Thema denken.

Gegenkräfte von empfindlicher Störkraft

Der Irak sei weit von einer friedlichen Ordnung entfernt und die amerikanische Ehre, die Bemühungen um eine gerechte Demokratie und Sicherheit in Anstand hätten für lange Zeit Schaden genommen. Selbst die löblichen Anstrengungen im Kampf gegen den auch religiös motivierten Terrorismus seien ins Gegenteil verkehrt mit einer zunehmenden Bedrohung durch Terroranschläge und empfindlichen Störungen im Leben vornehmlich der westlichen Gesellschaften.

Der entschiedene Aufruf des amerikanischen Präsidenten zum "totalen Krieg" gegen den internationalen Terrorismus habe, wie im Vatikan erwartet, Gegenkräfte von empfindlicher Störkraft wachgerufen oder bestärkt. So äußerten sich in den vergangenen Wochen Staatssekretär Sodano, der Präsident des Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Martino, der päpstliche Generalvikar (Stellvertreter für Rom) Ruini oder der vatikanische "Außenminister", Erzbischof Lajolo. Gegenüber der Zeitung "La Repubblica" sagte er zudem am Mittwoch, die Mißhandlung irakischer Gefangener bedeute für Amerika einen "schwereren Schlag" als die Terroranschläge vom 11. September 2001. Es ist nicht erinnerlich, daß Kurienkardinäle je in der Öffentlichkeit über ein "weltliches", politisches Thema so gesprächig waren wie über den Irak. Weil die Kardinäle genug redeten, konnte der Papst schweigen.

Illusion eines schnellen "gerechten" Krieges

So fand sich in der päpstlichen Ansprache an die amerikanischen Bischöfe nichts von Rechthaberei und Schuldzuweisung. Johannes Paul II. legte vielmehr dar, wie schön die Einheit der Kirche sei und wie gut, wenn Bischöfe und Priester eine verständnisvolle geistliche Beziehung hätten.

Vor allem jedoch kann sich der Papst seine An- und Einsichten für den Präsidenten selbst aufheben, wenn dieser ihn am 4. Juni im Vatikan aufsucht. Dabei fürchtet Johannes Paul II. am allerwenigsten, daß Bush ihn für seine Politik, für bessere Aussichten im Wahlkampf gegen den demokratischen (katholischen) Konkurrenten Kerry vereinnahmen könnte. Im Vatikan hofft man, daß Bush inzwischen von der Illusion eines schnellen "gerechten" Krieges geheilt sei. Vor einem Jahr schien es nach einigen Wochen so, als sei die amerikanische Mission im Irak erfolgreich abgeschlossen. Die christlichen Kritiker und die Amerika-freundliche Partei im Vatikan konnten darauf hinweisen, daß die traditionellen moraltheologischen Bedingungen für einen "gerechten" Krieg mit der raschen Beseitigung eines blutrünstigen Diktators unter der größtmöglichen Schonung der Bevölkerung erfüllt seien. Aber dann stellte sich heraus, daß aus der geglückten Besetzung des Iraks noch kein friedliches Glück für das irakische Volk wurde.

Der amerikanische Botschafter am Vatikan, Nicholson, war so kühn, zwischen Bush und Johannes Paul II. eine heilige Allianz im Kampf gegen den Terrorismus zu schmieden, sogar mit Berufung auf die Kirchenlehrer Augustinus und Thomas von Aquin. Das erscheint im Vatikan moraltheologisch und politisch falsch. Denn der Papst hat überhaupt nicht im Sinn, Bushs "totalem Krieg" gegen den Terrorismus mit seiner moralischen Autorität beizuspringen. Abwehr, Sicherheitsmaßnahmen, Vorsorge, Kontrollen gegen den Terroristen - natürlich; aber kein "totaler Krieg" mit dem Ziel, den Feind auszurotten. Statt dessen sucht der Papst die Terroristen und "totalen Krieger" davon zu überzeugen, daß sie nicht ihrem Gott dienen, sondern ihren Gott als Vater aller Menschen - der Muslime, Christen und Juden - vor aller Welt diskreditieren, ins Unrecht setzen. Als Sprecher der katholischen Christenheit wird Johannes Paul II. den amerikanischen Präsidenten ins Gebet nehmen.

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