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Reaktion auf Kritik : Papst Franziskus: „KZ-Vergleich war kein Versprecher“

Papst Franziskus Mitte April 2016 bei einem Besuch in einem Flüchtlingslager nahe Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos Bild: AFP

In einer Predigt hatte Papst Franziskus die Zustände in Flüchtlingszentren mit Konzentrationslagern verglichen und dafür Kritik geerntet. Er hält an seinem Vergleich fest. Er gelte jedoch nicht überall.

          Papst Franziskus hält am Vergleich von europäischen Flüchtlingscamps mit Konzentrationslagern fest. „Das war kein lapsus linguae (Versprecher)“, antwortete er auf eine Frage dieser Zeitung auf dem Rückflug von Kairo nach Rom am späten Samstag zu seiner Kritik an der „viel zu großen Masse an Menschen“ in dem Flüchtlingslager, das er vor einem Jahr auf der griechischen Insel Lesbos besucht hatte. In Deutschland war dieser Vergleich von einigen als typisches Beispiel für die fahrlässige Sprache des Papstes kritisiert worden. Auch das American Jewish Committee wies den Vergleich zurück, während das Internationale Auschwitz Komitee ihn für legitim ansah.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          „Sie müssen alles lesen, was ich gesagt habe“, meinte Papst Franziskus auf die Frage. Generell habe er vor wenigen Tagen aus Anlass des Gedenkens an die vielen Märtyrer der neusten Zeit in der Bartholomäus-Basilika in Rom die Offenheit der Italiener und Griechen gewürdigt. In Deutschland habe er „stets die Fähigkeit zur Integration bewundert“.

          Während seiner Studienzeit in Frankfurt habe er gesehen, wie dort viele Türken völlig normal ihrem Leben nachgingen. Aber meine Aussage „war kein lapsus linguae. Es gibt diese großen Flüchtlingslager, und das sind wirkliche Konzentrationslager. Die gibt es wohl in Italien, auch andernorts, gewiss nicht in Deutschland.“ Man solle sich nur vor Augen führen, „was unbescholtene Leute fühlen, die in Lagern eingesperrt sind und nichts tun können. Dergleichen gab es auch in Nordeuropa, als Menschen über das Meer nach England wollten.“

          Er habe einmal schmunzeln müssen, sagte der Papst weiter, als er von einem Abgesandten aus der Diözese Agrigent auf Sizilien gehört habe, dass die Stadtväter dort zu den Leuten im Lager gegangen seien und gesagt hätten: „Das tut euch bestimmt nicht gut im Lager, ihr wollt gewiss raus. Wir aber können das Lager nicht öffnen. Aber ihr könnt doch ein Loch hinten in den Zaun machen und raus: aber stellt bitte keine dummen Sachen an.“ Und so sei es auch geschehen und Schlechtes sei nicht passiert, sagte der Papst. „Allein die Tatsache, eingesperrt zu sein und nichts machen zu können. Das ist Lager.“

          Warnung vor Eskalation der Nordkorea-Krise

          Im Weiteren warnte der Papst auf der Pressekonferenz im Flugzeug vor einer Eskalation in der Nordkorea-Krise. Wenn es zu einem Krieg käme, könne dieser einen Teil der Menschheit auslöschen, meinte Franziskus. „Ich rufe (die Verantwortlichen) dazu auf, die Probleme auf diplomatischem Weg zu lösen. Es gibt doch so viele Vermittler in der Welt, und so viele Länder – zum Beispiel Norwegen –, die immer zur Hilfe bereit sind. Der richtige Weg sind Verhandlungen, eine diplomatische Lösung, denn es geht um die Zukunft der Menschheit.“

          Mit Blick auf die politische Krise in Venezuela sprach sich Franziskus für Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition aus: "Wir müssen alles versuchen, was wir für Venezuela tun können." Es gebe Bemühungen, einen im vergangenen Jahr vom Vatikan unterstützten und später gescheiterten Dialog wieder aufzunehmen. Es müsse aber klare Bedingungen geben. Venezuela wird seit Wochen von blutigen Protesten erschüttert. 32 Menschen starben bisher, rund 500 wurden verletzt.

          Hass und Extremismus verurteilt

          Bei seinem 27 Stunden währenden Besuch in Kairo hatte Franziskus zusammen mit dem Großscheich der islamischen Al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb, alle Formen von religiösem Hass und Extremismus verurteilt. Bei einer internationalen Friedenskonferenz forderte er von der Politik und den Religionsführern mehr Einsatz für Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit. Bei einem Treffen mit Staatspräsident al-Sisi hob der Papst die zentrale Rolle Ägyptens im Kampf gegen Extremismus und Gewalt im Nahen Osten hervor.

          Ein wichtiger Teil der Ägyptenreise galt der Solidarität und Anteilnahme an dem Geschick der koptischen Minderheit, zu der 10 Prozent der Ägypter gehören. Erst an Palmsonntag waren bei zwei Anschlägen mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen. So besuchte der Papst den koptischen Patriarchen Tawadros I. und unterzeichnete mit ihm eine ökumenische Erklärung. Darin wird das Leiden verfolgter Christen aller Konfessionen als „Zeichen und Werkzeug der Einheit“ bezeichnet.

          Quelle: FAZ.NET

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