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Erdogan beim Papst : Ein historischer Besuch auf Augenhöhe

Erster Besuch seit 59 Jahren: Erdogan zu Besuch bei Papst Franziskus im Vatikan Bild: dpa

59 Jahre lang besuchte kein türkischer Staatschef einen Papst – das hat sich nun geändert. Papst Franziskus hat den türkischen Präsidenten Erdogan zu einem Gespräch im Vatikan empfangen.

          War der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Montag auf Staatsbesuch in Italien und hat bei der Gelegenheit auch den Vatikan besucht? Oder hat Erdogan den Papst besucht und war bei der Gelegenheit auch beim italienischen Präsidenten und Regierungschef? Das Medienecho legt nahe, dass die zweite Variante zutrifft.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Da ist zunächst die historische Dimension des Treffens zwischen Erdogan und Papst Franziskus als dem Oberhaupt des Kirchenstaats: Es war das erste Mal überhaupt seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Türkei und dem Vatikan im Jahre 1960, dass ein türkischer Staatschef in Rom vom Papst zu einer Audienz empfangen wurde. Franziskus war seinerseits bei seinem Besuch vom November 2014 von Erdogan in Ankara empfangen worden. Zwischen den beiden Besuchen gab es mancherlei diplomatische Verstimmungen.

          2015 erklärte Franziskus das Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs als Völkermord, woraufhin Ankara seinen Botschafter vom Heiligen Stuhl abzog; erst seit 2016 ist der türkische Botschafter Mehmet Paçaci wieder auf Posten im Vatikan. Nach dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 hat Erdogan seinen eisernen Griff auf die Macht verfestigt; die Einschränkung der Bürger-, Freiheits- und Menschenrechte in der Türkei hat man auch im Vatikan registriert. Schließlich betrachtet der Vatikan die jüngste Offensive der türkischen Streitkräfte gegen kurdische Milizen in Syrien mit Sorge.

          Doch von Verstimmung war bei der historischen Begegnung im Vatikan nichts zu spüren. Die Atmosphäre wurde von Beobachtern als höflich und frohgestimmt beschrieben. Statt der geplanten zwanzig Minuten dauerte das Treffen Erdogans, der von seiner Frau Emine und einer umfangreichen Ministerdelegation begleitet wurde, gut fünfzig Minuten. Schon vor seinem Eintreffen in Rom hatte Erdogan in einem Gespräch mit der liberalen italienischen Tageszeitung „La Stampa“ herausgestellt, worauf es ihm beim Treffen mit Franziskus besonders ankomme: „Meine oberste Priorität ist Jerusalem.“

          Erdogan lobte Franziskus ausdrücklich für dessen Haltung in der Jerusalem-Frage. Franziskus hatte die Entscheidung von Präsident Donald Trump zur Verlegung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem kritisiert und stattdessen auf die Wahrung des Status Quo gepocht – wie Erdogan auch. Der bezeichnete die Haltung des Papstes in der Frage als „wirklich sehr wichtig“. Franziskus habe gezeigt, „was wir gemeinsam mit ihm als dem Anführer der Christen auf der Welt bewegen können“, lobte Erdogan. Dabei sieht sich Erdogan mit dem „Anführer der Christen auf der Welt“ ganz offensichtlich auf Augenhöhe: Denn er schlüpft als eine Art informeller Kalif mehr und mehr in die Rolle des Anführers der Muslime auf der Welt.

          Treffen zweier selbsternannter Friedenskämpfer

          Kein muslimisch-arabischer Staatsmann hat sich so vehement wie Erdogan für die muslimischen Rohingya eingesetzt, die vom burmesischen Militär vertrieben wurden. In seinem Gespräch mit „La Stampa“ versichert Erdogan, für ihn bedeuteten „Religion und Glaube alles“. Und er fährt fort: „Ich kann nicht ohne sie leben. Alles, was mir der Glaube zu tun aufträgt, hat für mich Priorität, wenn ich mich zum Handeln entschließe.“ Kaum anders würde wohl auch der Papst seine Handelsmaxime beschreiben – etwa wenn er sich für verfolgte Christen in aller Welt einsetzt.

          Es ist kein Zufall, dass Erdogan in dem Zeitungsgespräch den Einsatz des Papstes für die Rohingya als „großartiges Beispiel für den richtigen Ansatz“ hervorhebt. In der gleichen Weise will er selbst seinen (militärischen) Einsatz gegen islamistische Terroristen – in Syrien und anderswo – auch als Beitrag zum Schutz der Christen im Nahen Osten vor Verfolgung durch muslimische Glaubenseiferer sehen. So trafen sich im Vatikan zwei selbsternannte Friedenskämpfer. Erdogan hat die Militäroperation im Nordwesten Syriens gegen kurdische Milizen – gegen kurdische Terroristen aus der Sicht Ankaras – „Operation Olivenzweig“ getauft. Gegen diesen „Missbrauch des christlichen Symbols für den Frieden“ durch Erdogan demonstrierten am Montag in Rom einige Kurden. Doch der Protest fiel politisch kaum ins Gewicht. Die italienische Polizei hatte die Lage dank strengster Sicherheitsvorkehrungen stets unter Kontrolle. Es wurden zwei Festnahmen nach Handgreiflichkeiten gemeldet, die Zahl der Demonstranten gab die Polizei mit 150 an.

          Auch in einem längerfristigen historischen Zusammenhang war der Besuch Erdogans von großer Bedeutung. Der amerikanische Vatikan-Beobachter John L. Allen will eine „Verschiebung der paradigmatischen Beziehung“ des Vatikans zu den anderen Weltreligionen festgestellt haben. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) habe für den Vatikan der Dialog mit dem Judentum eine maßgebliche Rolle beim interreligiösen Dialog gespielt, sagt Allen. Seit der Jahrtausendwende aber sei das Gespräch mit dem Islam in den Vordergrund gerückt, auch weil der Dialog mit der muslimischen Welt politisch bedeutsamer sei. Dass Erdogan und Franziskus in der Jerusalem-Frage die gleiche Position (gegen die amerikanische und die israelische Regierung) vertreten, untermauert diese These.

          Vor seinem Rückflug in die Türkei am Montagabend stattete Erdogan auch Staatspräsident Sergio Mattarella und Regierungschef Paolo Gentiloni Besuche ab. Dabei hob Erdogan hervor, dass die bilateralen Beziehungen zu Italien „verbessert werden“ müssten. Bestens sei das türkisch-italienische Verhältnis etwa während der Regierungszeit(en) des konservativen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gewesen, so Erdogan. Der türkische Staatschef pries Berlusconi als „lieben Freund“. Eine besonders freundliche Geste gegenüber seinen eher sozialdemokratisch orientierten Gastgebern Mattarella und Gentiloni gegenüber war das nicht.

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