09.05.2007 · Spannungen durch große ökonomische und soziale Ungleichheit führen in Lateinamerika zu Veränderungen. Auch die Kirchen spüren den Wandel - davon kann sich Papst Benedikt XVI. auf seiner Reise überzeugen.
Von Daniel DeckersZwei Jahre nach seiner Wahl verlässt Papst Benedikt XVI. an diesem Mittwoch zum ersten Mal die Alte Welt. Sein Blick richtet sich aber nicht auf die Neue Welt als Ganze, sondern „nur“ auf Lateinamerika - jene Region, die durch eine fünfhundertjährige gemeinsame Geschichte mit dem „katholischen“ Europa verbunden ist. An dieser historischen Last, zu der die Verbindung geworden ist, trägt Lateinamerika bis heute schwer.
Zwar sind alle Staaten von Mexiko bis Chile (wieder) demokratisch verfasst; Wirtschaft und Gesellschaft des Subkontinents werden seit Jahrhunderten von „westlich“ orientierten Eliten geprägt; und in keiner anderen Region der Welt hat die katholische Kirche mehr Mitglieder. Doch nicht starke Institutionen sind für die lateinamerikanischen Demokratien kennzeichnend, sondern klientelistische Parteistrukturen, schwache Parlamente, übermächtige Präsidenten und eine oft nur rudimentär ausgeprägte Gewaltenteilung - nirgendwo in der westlichen Hemisphäre klaffen Verfassungstheorie und -wirklichkeit so weit auseinander wie in Lateinamerika.
Ökonomische und soziale Ungleichheit
Umso krasser ist nahezu überall die ökonomische und soziale Ungleichheit; sie ist nahezu die einzige Konstante der Sozialgeschichte Lateinamerikas, wo die wirtschaftliche Macht seit Jahrhunderten in der Hand einer mehr oder minder großen Gruppe von Familienclans liegt, die in wechselnden ideologischen Masken das Geschehen in ihren Ländern kontrollieren. An diesen Verhältnissen hat die katholische Kirche lange keinen Anstoß genommen, von heftigen Kirchenverfolgungen abgesehen, die einige Länder im 19. und frühen 20. Jahrhundert erschütterten, war sie Bestandteil jener quasi-feudalen Gesellschaftsordnung, die von der späten Kolonialzeit bis in die Gegenwart hineinragt.
Doch damit dürfte es bald vorbei sein, nicht zuletzt wegen der Globalisierung. Die Öffnung der Märkte, die Durchlässigkeit der Grenzen und der Aufstieg anderer Regionen der vormaligen Dritten Welt haben die Spannungen und Widersprüche so verschärft, dass sie nicht länger zu ignorieren sind. Die Reaktionen auf die Globalisierung sind indes so verschieden wie die Ausgangslage selbst.
„Befreiungstheologen“ und Guerrilla-Priester
In Bolivien ist die alte politische Ordnung unter dem Druck der indigenen Bevölkerung zusammengebrochen; in Venezuela haben die Bürger den Rentenkapitalismus einer korrupten Parteienoligarchie durch den Rentensozialismus des Hugo Chávez ersetzt; in Argentinien setzt Präsident Kirchner auf peronistischen Staatsdirigismus, während in Chile und Brasilien „linke“ Regierungen makroökonomische Vernunft mit einer Politik des sozialen Ausgleichs verbinden wollen. Die meisten Staaten Mittelamerikas wiederum erleben einen Exodus an jungen Männern und Frauen, dessen Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft noch kaum zu ermessen sind. Prognosen über die politische und wirtschaftliche Stabilität der Region sind daher mit Ungewissheit behaftet. Sicher ist nur das: Die Transformation des Subkontinents hat gerade erst begonnen.
Von diesen Veränderungen bleibt die katholische Kirche nicht unberührt. Schon in den fünfziger Jahren verlor sie im Zuge der Etablierung christlicher Gruppen und Sekten nordamerikanischer Herkunft das Religionsmonopol. Die sechziger Jahre brachten in Gestalt des Zweiten Vatikanischen Konzils die Verbreitung der kirchlichen Soziallehre, was zu einer Polarisierung der lateinamerikanischen Kirche führte. Doch bis heute sind marxistisch inspirierte „Befreiungstheologen“ und Guerrilla-Priester allenfalls so repräsentativ für diese Kirche wie jene Bischöfe, die Militärdiktaturen den Segen gaben.
Ein spirituelles und soziales Vakuum
Gleichwohl prägen Mythen und Bilder aus den sechziger und siebziger Jahren zusammen mit der „vorrangigen Option für die Armen“ und den „Basisgemeinschaften“ noch immer die Vorstellung, die man sich in Europa von der Kirche der Neuen Welt macht. Doch diese Bilder entsprechen nicht der komplexen Wirklichkeit einer Kirche, die erst nach und nach begreift, wie gering sie auf dem Subkontinent wirklich inkulturiert ist.
In den Elendsvierteln der lateinamerikanischen Megastädte sind pfingstkirchlich oder charismatisch geprägte Gemeinschaften in ein spirituelles und soziales Vakuum eingedrungen, das die katholische Kirche zwar nicht erzeugt, aber auch nicht zu füllen vermocht hat. Oft feiert ein einheimischer „Pastor“ längst Gottesdienste, dient eine zur Kirche umfunktionierte Hütte längst als Anlaufstelle bei allen materiellen und nichtmateriellen Sorgen, ehe sich einer der noch immer seltenen, womöglich nordamerikanischen oder europäischen Priester in solche Quartiere verirrt.
Mega-Kirchen gleichen Wirtschaftsunternehmen
Ob in kleinen „Sekten“ oder Mega-Kirchen, die mit Wirtschaftsunternehmen mehr gemein haben als mit jeder noch so gut besuchten Wallfahrtskirche - es gibt Schätzungen, dass sich in Lateinamerika mittlerweile mehr Menschen den auch innerweltlichen Wohlstand verheißenden Evangelikalen zugewandt haben, als Katholiken in Europa im Zuge der Reformation protestantisch wurden. Vor Papst Benedikt und der Fünften Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats, die bis Ende Mai in Brasilien tagen wird, liegt eine gewaltige Aufgabe.
Schon Papst Johannes Paul II. hatte sie auf den Begriff gebracht: Neuevangelisierung. Wie das geht, machen die Evangelikalen den in klerikalen Strukturen gefangenen und von finanziellen Zuwendungen aus dem Ausland abhängigen Katholiken mit Erfolg vor. Doch noch repräsentiert die katholische Kirche drei Viertel der Lateinamerikaner, und noch immer verbinden viele gerade mit ihr die Hoffnung auf ein Leben in Würde.
Chancenlos
Bories Jung (bjfaz2007)
- 09.05.2007, 13:13 Uhr
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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