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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Papst Benedikt in Mexiko Eine Reise, auf der ein Schatten liegt

 ·  An diesem Freitag besucht Papst Benedikt XVI. zum ersten Mal Mexiko, wo die Kirche mehr Vertrauen genießt als jede andere Institution. Dennoch verbindet den Papst mit der atlantisch-iberischen Welt im Gegensatz zu seinem Vorgänger wenig.

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Mexiko hatte es Papst Johannes Paul II. so sehr angetan wie kaum ein anderes Land. Was nicht nur daran lag, dass in keinem Land der Welt mehr Katholiken spanischer Zunge leben. Wie die Katholiken im heimatlichen Polen hatten auch die Glaubensbrüder in Mexiko unter Verfolgung und Repressionen durch einen der Kirche feindlich gesonnenen Staat gelitten - und sich behauptet. So waren bei seinem ersten Besuch in Januar 1979 noch alle jene Bestimmungen der Verfassung von 1917 in Kraft, die kirchlichen Einrichtungen jede Rechtspersönlichkeit verweigerten und Priestern sowie Ordensleuten elementare Bürgerrechte wie das aktive Wahlrecht vorenthielten. Zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Mexiko bestanden nicht einmal diplomatische Beziehungen. Doch schon die offizielle Einladung, mit der sich Präsident José López Portillo 1979 den Wunsch des Papstes nach einer Mexiko-Reise zu eigen machte, sprach dafür, dass die Zeit gekommen war, das Nicht-Verhältnis von Staat und Kirche zu normalisieren.

Große Teile der kirchlichen Hierarchie hatten längst mit der jahrzehntelangen Herrschaft der einst militant-antikirchlichen „Partei der institutionalisierten Revolution“ (PRI) ihren Frieden gemacht. An den politischen und sozialen Verhältnissen, die von endemischer Korruption und massiver Armut gezeichnet waren, hätten die meisten Bischöfe auch dann nichts auszusetzen gehabt, wenn sie sich zu Themen wie diesen hätten äußern dürfen. Große Teile der mexikanischen Eliten wiederum konnte der Quietismus der Kirche nur recht sein. Aus dieser Richtung brauchten sie keine Reformforderungen zu gewärtigen, zumal die zahlreichen katholischen Schulen und Universitäten zur Stabilisierung des gesellschaftlichen status quo einen wichtigen Beitrag leisteten.

Wann immer Johannes Paul II. in seinem mehr als ein Vierteljahrhundert umfassenden Pontifikats Mexiko besuchte, stets konnte er neben Verbesserungen im Verhältnis von Staat von Kirche auch einen Katholizismus besichtigen, der mit seiner tiefverwurzelten Marienfrömmigkeit und anderen farbenfrohen Formen des Volksglaubens ganz nach seinem Herzen war. Mehr noch: Während fast überall in Lateinamerika protestantische und pfingstkirchliche Gruppen wie Pilze aus dem Boden schossen, schienen die Mexikaner gegenüber diesen Strömungen lange weitgehend unempfindlich zu sein. Auch die Theologie der Befreiung, die in den siebziger und achtziger Jahren vor allem in Peru und Brasilien von sich reden gemacht hatte, fiel nicht auf fruchtbaren Boden.

Die Reise Johannes Pauls II. nach Mexiko im Januar 1979 galt vor allem dem Ziel, die nach Puebla einberufenen Vollversammlung des Rates der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen persönlich auf römischen Kurs zu bringen. Wo in Mexiko ein Bischof dennoch über die Stränge schlug und sich wie der Dominikaner Samuel Rúiz im Süden an der Seite der Indígenas für die Menschenrechte einsetzte, sorgte Rom für einen Nachfolger, der den Kurs seines Vorgängers korrigieren sollte. Diese Operation ging jedoch gründlich schief.

Ruíz designierter Nachfolger Raúl Vera López wurde bald selbst zu einem so verwegenen Menschenrechtsaktivisten, dass Papst Johannes Paul II. ihn auf Drängen einflussreicher mexikanischer Kardinäle und Politiker im Jahr 2000 von dem Süden des Landes an die Nordgrenze versetzte. Freilich gab Bischof Vera auch dort keine Ruhe. Mit seinem Einsatz für die Rechte der Indigenen und Migranten, aber auch seiner Kritik an Korruption, Gewalt und Straffreiheit, die seine mitunter einstündigen Predigten für alle zu einer Bußübung machen, ist der heute 66 Jahre alte Bischof von Saltillo innerhalb der mexikanischen Bischofskonferenz auch heute noch weitgehend isoliert.

Am Montag reist der Papst schon weiter nach Kuba

An diesem Freitag nun wird Papst Benedikt XVI. zum ersten Mal Mexiko besuchen - nicht im ersten oder im zweiten, sondern kurz vor Ablauf des siebten Jahr seines Pontifikats. Nicht nur seinem hohen Alter und seiner angegriffenen Gesundheit ist es geschuldet, dass er das Land nach wenigen öffentlichen Auftritten schon am Montag wieder in Richtung Kuba verlassen wird. Zum einen war ihm jene Leidenschaft immer fremd, mit der sein Vorgänger die Welt bereiste und Bäder in Mengen nahm, zum anderen verbindet den Theologen auf dem Papstthron seit je mit der atlantisch-iberischen Welt nur wenig. Dies zu ändern hatte er sich mit Beginn seines Pontifikats nicht vorgenommen.

Freilich liegt noch ein anderer Schatten als der eines kurzen Pflichtaufenthaltes auf der Reise nach Mexiko. Für Johannes Paul II. hatten der Glaubenseifer und die missionarische Kraft des mexikanischen Katholizismus einen Namen: Marcial Maciel Degollado. 1920 geboren wie er, hatte Maciel schon in den vierziger Jahren die „Legionarios de Christo“ gegründet und diese Kongregation mitsamt ihrem „Regnum Christi“ über Jahrzehnte zu einer Speerspitze der „Neuevangelisierung“ gemacht. In mehr als zwanzig Ländern der Welt unterhielten die Legionäre Schulen, Seminare und Universitäten und waren mit Geld und Einfluss so sehr zur Stelle, dass man sie halb anerkennend, halb neidisch auch „Milionarios de Christo“ nannte.

Erst am Vorabend seiner Wahl ging Benedikt gegen Maciel vor

Indes hatte sich Maciel schon früh nicht nur als „wirksamer Führer der Jugend erwiesen“ (wie ihn Johannes Paul II, einmal nennen sollte), sondern als Verführer - nicht nur von Kindern und Heranwachsenden, sondern auch von Frauen. Indes verschwanden alle Hinweise auf das Doppel- und Dreifachleben des Mannes, den seine Adepten nur „Nuestro Padre“ nannten, über Jahrzehnte in den Archiven des Vatikans. Immer hielten mächtige Kurienkardinäle ihre schützende Hand über Maciel. allen voran der Gegenspieler Ratzingers als Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinalstaatssekretär Sodano, aber auch Stanislaw Dziwisz, der engste Vertraute Papst Johannes Pauls II. So wagte es Ratzinger erst am Vorabend seiner Wahl zum Papst, gegen Maciel vorzugehen. Und erst zwei Jahre nach dem Tod des obersten Legionärs rang sich der Vatikan offiziell zu der Erkenntnis durch, dass man über Jahrzehnte einem Mann aufgesessen war, der „ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung“ geführt hatte.

Die Folgen, die dieses Eingeständnis in Mexiko hinterlassen hat, sind nicht mit jenen Erschütterungen zu vergleichen, denen die Kirche wegen sexueller Übergriffe von Geistlichen in den Vereinigten Staaten und in vielen Ländern ausgesetzt sind. Glaubt man den jüngsten Meinungsumfragen, dann genießt die Kirche in der Gesellschaft weiterhin ein höheres Ansehen als jede andere Institution - was indes eher gegen den Staat und die ihn tragenden Eliten spricht als spricht als für die Kirche.

Denn auch zwölf Jahre nach dem Ende der Herrschaft des PRI ist die mexikanische Demokratie keineswegs konsolidiert. Die je sechsjährige Präsidentschaft zweier Politiker der im katholischen Mexiko tief verwurzelten „Partei der nationalen Aktion“ (PAN), deren zweite in diesem Herbst zu Ende geht, haben dem Land nicht jenes Mindestmaß an Rechtsstaatlichkeit gebracht, das allein der allgegenwärtigen Korruption und Straflosigkeit den Nährboden entziehen könnte. Stattdessen sieht sich die Bevölkerung immer schutzloser dem Treiben untereinander verfeindeter Banden ausgesetzt, die sich um Schmuggelrouten für Rauschgift und um die besten Plätze für Schutzgelderpressung einen Kampf auf Leben und Tod liefern.

Der Erzbischof der Stadt León im Bundesstaat Guanajuato, José Martín Rábago, hat sich schon im Januar vorsorglich an die gemeinhin „narcos“ genannten Kriminellen gewandt und um einen Waffenstillstand für die Tage des Papstbesuches gebeten. Um so mehr hoffen viele Mexikaner, in deren Sprachschatz längst das Wort „narcolimosna“ (Almosen der Narcos) eingegangen ist, dass der Papst in seinen Reden über die ausufernde Gewalt einen weniger verständnisvollen Ton anschlagen wird.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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