Home
http://www.faz.net/-gpf-7b3jn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Papst auf Lampedusa Franziskus erschüttert über Flüchtlingsschicksale

Es ist seine erste offizielle Reise als Oberhaupt der katholischen Kirche. Papst Franziskus setzt ein Zeichen und trifft Migranten auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Zugleich kritisiert er damit die EU-Flüchtlingspolitik.

© AFP Vergrößern Papst Franziskus trifft Flüchtlinge auf Lampedusa und beklagt eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“

Papst Franziskus hat Tausender ertrunkener Flüchtlinge vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa gedacht. Mit einem Motorboot ließ sich das Oberhaupt der katholischen Kirche am Montag auf das offene Meer fahren, um dort einen Kranz für die Opfer abzuwerfen. Gemeinsam mit Bewohnern des Aufnahmelagers von Lampedusa und Inselbewohnern feierte Franziskus anschließend auf einem Fußballfeld am Hafen eine Messe.

Nach seiner Bootsfahrt war der Papst mit Flüchtlingen zusammengekommen. Unter ihnen waren mehrere Muslime. „Beten wir für all diejenigen, die heute nicht hier sind“, sagte Franziskus, als er mehreren Menschen die Hand schüttelte. Die Begegnung fand in unmittelbarer Nähe zum sogenannten Bootsfriedhof statt. Dort werden die Überreste der Wasserfahrzeuge aufbewahrt, mit denen Flüchtlinge und Migranten die Insel erreichten.

Der Papst mahnte „brüderliche Solidarität“ mit den Flüchtlingen aus Afrika und Asien an. Niemand fühle sich verantwortlich für die alltäglichen „Dramen“ während deren Überfahrt von Afrika nach Europa und das „Blut der Brüder und Schwestern“, die hierbei ums Leben kämen, sagte Franziskus.

Kritik an EU-Flüchtlingspolitik

Zugleich kritisierte Franziskus indirekt die EU-Flüchtlingspolitik sowie die politischen Führungen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Er bat Gott um Vergebung für die „Grausamkeit in der Welt, in uns und auch in jenen, die in der Anonymität Entscheidungen sozialer und wirtschaftlicher Natur treffen, die den Weg für Dramen wie dieses ebnen“. Franziskus beklagte eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

Diese mache alle zu „anonymen Verantwortlichen ohne Namen und ohne Gesicht“. Unter dem Deckmantel der Anonymität versuche jeder, die Verantwortung von sich zu weisen. Ein Christ dürfe sich aber nicht aus der Verantwortung stehlen. Gott rufe jeden von ihnen beim Namen und verlange Rechenschaft von ihm.

„Vorbild der Solidarität“

Den Bewohnern von Lampedusa sowie den freiwilligen Helfern und Sicherheitskräften dankte der Papst. Ihr Einsatz für die Flüchtlinge sei ein „Vorbild der Solidarität“. Die heutige Gesellschaft habe das Weinen verlernt, so Franziskus weiter.

Niemand beweine die toten Bootsflüchtlinge, die Mütter, die mit ihren Kindern auf den Barken über das Mittelmeer setzten. In der heutigen „Kultur des Wohlbefindens“ sei der „Sinn für brüderliche Solidarität“ abhandengekommen. Der Papst wörtlich: „Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es ist nicht unsere Sache.“

Die Menschen lebten wie in einer „Seifenblase“ und seien unempfindlich für den „Schrei der anderen“. Der Papst feierte die Messe als Bußgottesdienst. Er wolle Gott um Vergebung für die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Flüchtlinge bitten.

Empfang für Franziskus © AFP Vergrößern Empfang für Franziskus auf Lampedusa

Am Mittag fliegt Papst Franziskus nach Rom zurück. Lampedusa liegt vor der tunesischen Küste, gehört aber zu Italien. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind bei der Überquerung des Meeres Richtung Europa Schätzungen zufolge mindestens 20.000 Menschen ertrunken oder verdurstet.

Allein in diesem Jahr erreichten bereits 4.000 Flüchtlinge die Insel. Wegen der guten Wetterbedingungen wird mit weiteren Überfahrten gerechnet. Nur zwei Stunden vor der Ankunft des Papstes auf Lampedusa erreichte ein Flüchtlingsboot die Insel. Die 166 Insassen an Bord, darunter vier Frauen, waren von der nordafrikanischen Küste aufgebrochen. Nach amtlichen Angaben hielten sich 114 Flüchtlinge im Aufnahmelager von Lampedusa auf; 75 davon seien minderjährig.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET mit KNA/epd

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer Eine erwartbare Katastrophe

Das Flüchtlingsunglück im Mittelmeer kann niemanden überraschen. Italien fordert lange schon Hilfe – und bittet sogar Amerikas Präsidenten um Unterstützung bei der Stabilisierung Libyens. Doch Obama winkt ab. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

19.04.2015, 20:51 Uhr | Politik
Philippinen Hunderttausende bejubeln Papst Franziskus

Am zweiten Tag seiner einwöchigen Reise gibt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche volksnah und humorvoll. Mehr

17.01.2015, 10:01 Uhr | Politik
Schleuserbanden 2000 Euro für die Überfahrt in ein besseres Leben

Hunderttausende Migranten besteigen rostige Schiffe und zahlen Tausende Euro für die gefährliche Fahrt, viele sterben. Die Schleuser verdienen gut an der Verzweiflung der Menschen. Mehr Von Philip Plickert und Tobias Piller

21.04.2015, 07:13 Uhr | Wirtschaft
Italienische Küstenwache Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken

Nach dem Kentern eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer hat Italiens Küstenwache 144 Flüchtlinge gerettet und neun Leichen aus dem Wasser gezogen. Von rund 400 weiteren Menschen fehlt jede Spur, sie sind wohl ertrunken. Den Überlebenden zufolge sind viele von ihnen Kinder und Jugendliche. Mehr

18.04.2015, 07:46 Uhr | Politik
Tragödie im Mittelmeer Massensterben im Meer setzt EU unter Druck

Nach der bisher wohl schwersten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer beraten die EU-Außenminister über Konsequenzen. Unterdessen ist ein weiteres Schiff mit 300 Menschen an Bord in Seenot geraten. Mehr

20.04.2015, 09:16 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.07.2013, 12:37 Uhr

Deutschland braucht fähige Nachrichtendienste

Von Volker Zastrow

Die Festnahme mutmaßlicher Attentäter in Frankfurt zeigt: Die Bedrohung durch islamistische Fanatiker ist real. Sie planen, entscheiden und handeln mit nachrichtendienstlichen Methoden und Mitteln. Wir brauchen präventive Überwachung, um gegen diese Gefahr gewinnen zu können. Mehr 18 11