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Pannen bei Festnahme : Da staunt der Dschihadist

Das Innenministerium hatte schon eine Festnahme verkündet, die Polizei wartete aber am falschen Flughafen in Marseille auf die Rückkehrer aus Syrien Bild: AFP

Drei mutmaßliche islamistische Kämpfer seien festgenommen worden, verkündete das französische Innenministerium - doch die Polizei hatte am falschen Flughafen gewartet. Die Syrien-Rückkehrer kamen in Marseille ungehindert durch die Sicherheitskontrollen.

          Drei Dschihad-Reisende aus Frankreich haben sich nach einer unglaublichen Pannenserie der Behörden unbehelligt auf der Flaniermeile im Alten Hafen von Marseille amüsiert. Statt nach ihrer Rückkehr aus Syrien sofort in Polizeigewahrsam genommen zu werden, vergnügten sich die als gefährlich eingestuften Männer, unter ihnen der Schwager und ein Kindheitsfreund des Toulouse-Attentäters Mohammed Merah, auf der Canebière. Auch das Ende des Falls klingt nach einer Posse aus den Filmkomödien um die „Gendarmen von Saint-Tropez“ und nicht nach einem „entschlossenen Vorgehen gegen Syrien-Rückkehrer“, wie es Innenminister Bernard Cazeneuve stets verspricht.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die mutmaßlichen Terroristen waren überrascht, dass die Polizei bei ihrer Ankunft am Dienstag nicht schon auf sie wartete. Sie mieteten ein Auto, um nach Toulouse zu fahren. Während der Fahrt telefonierten sie mit ihren Anwälten und wurden von ihnen überzeugt, sich der Polizei zu stellen. Doch die nächste Gendarmerie in der Ortschaft Caylar war bei ihrer Ankunft geschlossen. So mussten sie am Mittwochvormittag eine gute Stunde vor der zugesperrten Wache warten, bis sie von einer von den Anwälten benachrichtigten Streife aufgegriffen wurden.

          „Unsere Mandanten wollten der Polizei gleich bei ihrer Ankunft am Flughafen Auskunft geben. Aber die Polizei war nicht da“, sagte Anwalt Pierre Le Bonjour im Radio. „Mein Mandant versteht das alles nicht. Niemand war da, um ihn am Flughafen in Empfang zu nehmen“, sagte Pierre Dunac, der Anwalt des 27 Jahre alten Imad Djebali, eines Kindheitsfreundes des Toulouse-Attentäters Mohammed Merah.

          Djebali wird seit Jahren von den französischen Geheimdiensten überwacht. 2009 war er zu vier Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden. Er hatte für die sogenannte Artigat-Verbindung Dschihadisten rekrutiert und den Kontakt in Lager im Irak vermittelt. Auch sein Kumpane, der 24 Jahre alte Islamkonvertit Gael Maurize ist den Behörden als Kopf eines Dschihadistennetzes einschlägig bekannt.

          Der dritte Mann, der 29 Jahre alte Abdelouahed Baghdali, ist mit der Schwester Mohammed Merahs, Souab Merah, verheiratet. Die ebenfalls unter Überwachung stehende Schwester hat sich nach Presseberichten mit ihren vier Kindern nach Algerien abgesetzt. Souab Merah hatte bekundet, sie sei stolz auf ihren Bruder, der für den Dschihad gestorben sei. Merah hatte im März 2012 Frankreich in Schrecken versetzt, nachdem er sieben Menschen, unter ihnen drei jüdische Kinder, in Toulouse und Montauban kaltblütig erschossen hatte.

          Ausgebildet von dem IS

          Den drei Syrien-Reisenden aus dem Großraum Toulouse war es im Februar gelungen, von den französischen Behörden unerkannt über die Türkei ins Bürgerkriegsgebiet zu gelangen. Nach Angaben ihrer Anwälte wurden sie in einem von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) geführten Lager ausgebildet. Doch schon nach einiger Zeit hielt es das Trio in dem IS-Lager nicht mehr aus. „Sie haben den Horror erlebt und wollten nur noch weg“, sagte Anwalt Christian Etelin im Radio. Der in Toulouse ansässige Anwalt Etelin verteidigte Mohammed Merah bei mehreren Strafverfahren vor Gericht. Jetzt berät er Souab Merah und will mit ihrem zwischenzeitlich in einem türkischen Übergangslager internierten Mann mehrmals telefoniert haben.

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