Die Studenten vor der Azhar-Universität haben es eilig. Das liegt nicht nur am feuchtkalten Wetter in Gaza-Stadt. Die Vorlesungen sind vorüber, alle haben Prüfungen. Nur für ein Thema bleibt Zeit. „Hoffentlich geht es Mubarak in Ägypten bald wie Ben Ali in Tunesien. Von mir aus können bei uns hier auch Hamas und Fatah verschwinden“, schimpft Ahmed. Der Sturz des tunesischen Präsidenten fasziniert viele junge Palästinenser. Doch statt selbst gegen die herrschenden Islamisten zu demonstrieren, machen sich Ahmed und seine Freunde brav an ihre Prüfungsfragen. „Wenn wir hier anfangen zu protestieren, verhaften sie uns und foltern uns“, sagt der zwanzig Jahre alte Student, bevor er zum nächsten Test eilt.
Mehr als jeder zweite Einwohner des Gazastreifens ist jünger als er. Gut 60 000 Studenten gibt es hier, und jedes Jahr machen mehr als 5000 ihren Abschluss – die meisten, ohne auf eine Stelle hoffen zu können. Die Furcht vor den bärtigen Hamas-Polizisten, die auch an der Straßenkreuzung neben der Universität Autos und Passanten mit strengem Blick mustern, lässt sie nicht völlig verstummen. Im Internet ließ die Facebook-Generation aus Gaza-Stadt schon lange vor der tunesischen Revolution ihrer Verbitterung freien Lauf. „Gaza-Jugend bricht aus“ nennen sich die fünf Männer und drei Frauen, deren „Manifest für den Wandel“ seit bald vier Wochen auf immer mehr Computerbildschirmen erscheint. „Fick Dich, Hamas. Fick Dich, Israel. Fick Dich, Fatah. Fick Dich, UN!“ Mit diesen Worten beginnt der Text, der mehr als 18 000 Unterstützer auf den Facebook-Seiten gefunden hat. Täglich werden es mehr. Ausländische Freunde übersetzten das englische Original in mehr als zwanzig Sprachen; auch auf Chinesisch, Isländisch, Deutsch und Arabisch.
„Wir haben genug von allem hier in Gaza“
Man solle ihn Abu George nennen, bittet der junge Student, der gehetzt mit einem Kollegblock unter dem Arm von seiner letzten Prüfung in das karge Büro in einem Hochhaus im Zentrum von Gaza-Stadt kommt. Höflich und in perfektem Englisch mit leicht amerikanischem Akzent entschuldigt er sich beinah für die Anfangssätze. „Wir brauchten diese harten Worte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber wir haben einfach genug von allem hier in Gaza“, erläutert Abu George, der seinen eigentlichen Namen nicht verrät.
Mit dem großen internationalen Echo nach einem ersten Artikel in der britischen Zeitung „The Observer“ hatten sie nicht gerechnet. „Wir dachten, wir werfen verzweifelt eine Flaschenpost ins weite Meer, die vielleicht irgendwann einer findet“, sagt der Student. In den ersten Wochen tauchten sie deshalb ab – einige von ihnen waren früher schon einmal in Hamas-Gefängnissen misshandelt worden. Der große Zuspruch aus dem Ausland machte sie dann aber ein wenig mutiger. Jetzt sind sie zu konspirativen Treffen zwischen ihren Prüfungsterminen bereit. Wenn Al Dschazira, BBC oder Deutsche Welle sie interviewen, dürfen die Reporter aber nur die Stimmen der Aufsässigen aufnehmen und ihre Köpfe im Halbdunkel von hinten filmen.
Auf Ewigkeit in Angst
Von solcher vorsichtiger Zurückhaltung ist ihr Internetmanifest weit entfernt. „Wir, die Jugend von Gaza, haben Israel, die Hamas, die Besetzung, die Menschenrechtsverletzungen und die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft so satt“, schreiben sie und ziehen über die „religiöse Scheiße“ der bärtigen Islamisten genauso her wie über die israelische Armee. Während des letzten Krieges hätten die Soldaten mit ihren Bombardements den Menschen in Gaza „auf Ewigkeit Angst eingejagt“. Die acht Studenten fühlen sich in einem Albtraum gefangen, der einfach nicht aufhört. „Ich bin 24 Jahre alt und habe noch nie den Gazastreifen verlassen. Die Israelis lassen uns nicht einmal unsere Freunde und Verwandten im Westjordanland besuchen. Das ist ein Verbrechen“, beklagt sich Abu Aoun, der Abu George zu dem Treffen begleitet.
Trotz ihrer Fantasienamen, die an die Kampfnamen alter Fatah-Kader erinnern, wirken sie nicht wie Revolutionäre, die entschlossen sind, bis zum Letzten zu gehen. Sie würden gerne an den Schulen über ihre Ideen sprechen, Bibliotheken aufmachen, und einer von ihnen könnte vielleicht einmal für das Parlament kandidieren, sinniert Abu George. Die Mitglieder der Gruppe verstehen sich eher als eine überparteiliche Friedensbewegung und träumen von einem normalen Leben, in dem sie machen können, was sie wollen. „Hier können wir weder denken, noch anziehen, was wir möchten. Die Älteren sagen uns, was wir tun und lassen sollen, obwohl sie keine Ahnung von unserem Leben haben“, sagt Abu George und meint damit die Väter, Imame und die wenigen Chefs, die bereit sind, ihnen Arbeit zu geben. Für ihn ist das Manifest ein Aufruf an seine Altersgenossen, sich selbst zu befreien und wirklich unabhängig zu werden. Doch diese Zeilen haben viele in Gaza nicht so aufmerksam gelesen wie den Anfang.
Der virtuelle Ausbruch
Selbst auf den Facebook-Seiten unterstellten ihnen einige, heimliche „Zionisten“ zu sein, weil sie zuerst die Hamas und dann Israel kritisierten. In Gaza gerieten sie damit über Nacht zwischen die Fronten. „Niemals“ hätten sie damit andeuten wollen, dass die Hamas schlimmer als Israel sei, stellten sie mittlerweile im Internet klar – und schrieben die ersten Zeilen um: Nun steht Israel am Anfang, während sie Hamas und Fatah vorwerfen, dass sie weiterhin miteinander streiten, anstatt miteinander zu kämpfen.
„Die jungen Leute sprechen für 70 Prozent der Menschen im Gazastreifen. In der Vergangenheit haben sich zwar ein paar Kommentatoren ähnlich deutlich geäußert, und es gab Fernsehbilder prügelnder Hamas-Mitglieder. Aber zum ersten Mal hat sich jetzt eine Gruppe mutiger junger Leute zu Wort gemeldet“, sagt Mcheimar Abu Sada. Er lehrt an der Azhar-Universität Politikwissenschaften. Jeden Tag trifft er in seinen Seminaren viele der frustrierten jungen Palästinenser. Der Professor erwartet jedoch nicht, dass die Hamas mit zu harter Hand gegen die Autoren durchgreift. „Die Hamas will nicht zusätzliches Öl ins Feuer gießen und ihnen damit zu noch größerer Prominenz verhelfen“, vermutet Abu Sada. Dazu trägt bei, dass die internationale Bekanntheit der Gruppe die Autoren schützt, denen diese Aufmerksamkeit sichtlich wohl tut: Virtuell gelang ihnen der Ausbruch, und sie haben auf einmal überall auf der Welt „Freunde“.
Keine Kompromisse mit der Hamas
Tatsächlich war es die Hamas und nicht Israel, die sie im vergangenen November veranlasste, das Manifest zu verfassen. Schweigend hatten sie im Sommer noch mit angesehen, wie Sicherheitskräfte Frauen verboten, in der Öffentlichkeit Wasserpfeife zu rauchen, und von jungen Paaren auf einmal den Nachweis verlangten, dass sie wenigstens verlobt sind. Vor gut zwei Monaten schlossen die Behörden dann das Scharek-Jugendzentrum, einen der letzten Treffpunkte für säkulare Jugendliche. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagt Abu George. Man habe „pornographische Bilder“ auf Dienstcomputern gefunden und die Buchhaltung sei undurchsichtig, lautete die offizielle Begründung. Zuvor hatte man Scharek vorgehalten, die Organisation tue nicht genug, um die „Moral des Widerstands“ unter den Jugendlichen zu stärken. In Wirklichkeit geht es den herrschenden Islamisten jedoch um etwas anderes. „Sie wollen alleine die junge Generation nach ihren islamischen Vorstellungen prägen“, sagt ein Scharek-Mitarbeiter. Dabei ist es der Hamas ein Dorn im Auge, dass die Organisation für die UN und deutsche Geldgeber Sommerlager mit mehr als 2000 Jugendlichen veranstaltete. Insgesamt kümmert sich Scharek nach eigenen Angaben um mehr als 60 000 junge Palästinenser. Jetzt sind die Türen des Hauptquartiers in Gaza-Stadt versiegelt. Auch eine Klage hatte vor Gericht keinen Erfolg. Doch auf Kompromisse, die es der Hamas erlauben würden, einen Fuß in die Türe zu bekommen, wollen sich die Scharek-Mitarbeiter nicht einlassen.
Keine Zeit für Politik
Ayman Meghames hat auf einmal viel Zeit zum Lernen. Er sitzt im Café „Denise“, nippt an seinem frisch gebrühten Kaffee und bereitet sich auf seine nächste Prüfung in islamischer Geschichte vor. Eigentlich ist der Palästinenser mit dem schwarzen Wollschall Rapper und sollte für Scharek ein „Zentrum für soziale Kunst“ aufbauen. Mit eigener Rap-Musik, Breakdance und Graffiti sollten dort junge Leute aus Gaza ihren Ängsten und Hoffnungen Ausdruck verleihen können. Stattdessen sitzt der Musiker vor den verspiegelten Wänden neben der Auslage voller Torten und pendelt in Gedanken zwischen Tunesien und Gaza. Er hat selbst einige Jahre in Tunis gelebt. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mit Ben Ali so schnell gehen würde. In Gaza würde die Regierung Demonstranten einfach zusammenschießen“, sagt er. Die meisten Menschen seien hier viel zu sehr damit beschäftigt, Tag für Tag zu überleben.
Ayman und seine drei Musikerfreunde von „P.R“, den „Palestinian Rapperz“, wollen mehr vom Leben. Seit 2003 gibt es die Gruppe schon, von der nur noch zwei Mitglieder im Gazastreifen leben. Einer wohnt in Ägypten, ein anderer in Texas. Obwohl in Gaza täglich die Stromversorgung zusammenbricht, gibt ihnen das Internet die Freiheit, den von israelischen Soldaten schwer bewachten Grenzzaun zu überwinden. Der neuste Song der „Rapperz“, den sie erst im Januar ins Internet stellten, klingt wie die Musik zum Facebook-Jugendmanifest. Hart im Rhythmus, begleitet von den weichen Akkorden eines elektronischen Klaviers, heißt der Refrain: „Ich habe genug. Ich stehe zu mir selbst, habe keine Angst und warte darauf, dass jemand meine Stimme hört.“
Dank Internet
Günter Busse (guenter.b)
- 24.01.2011, 18:45 Uhr
Dank der freien Presse
maximilian boss (max67)
- 25.01.2011, 17:33 Uhr
Tunis, Kairo, Gaza -- das rassistische Kolonialregime Israel vor dem Ende
Lüko Willms (l.willms)
- 26.01.2011, 19:53 Uhr
