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Palästinenserdorf Battir : Widerstand durch Denkmalschutz

Betroffen: Hassan Muamer engagiert sich für die Zukunft. Bild: Michal Fattal

Seit 2000 Jahren bewässern Kanäle die Terrassen von Battir. Aber wenn Israel dort seine Sperranlage wie geplant ausbauen würde, wäre das Palästinenserdorf von seinen Gärten und Terrassen abgeschnitten.

          Wasser ist überall. Es gluckert durch alte Steinrinnen ins Tal und plätschert gemächlich über die grünen Terrassen. Kinder plantschen lärmend in einer Zisterne, die von einer Quelle gespeist wird, einer von sieben, die auch im Sommer nicht versiegen. Sie machen Battir reich und einzigartig.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Es gibt hier keinen Samstag, Sonntag oder Montag. Die Wochentage heißen wie die Familien, die in Battir leben, zum Beispiel Uweina, Batma und Muamer. Da in dem palästinensischen Ort am Stadtrand von Jerusalem acht große Familien zu Hause sind, hat die Woche dort acht Tage. Einen Tag lang dürfen sie das Wasser auf die Terrassen mit ihren Feldern leiten, dann ist der nächste Clan an der Reihe.

          Anfragen werden nicht beantwortet

          „Paradiese“ nennen die Menschen in Battir die Gärten, die für ihre Auberginen berühmt sind, in denen aber auch Zucchini, Zitronen und Aprikosen gedeihen. Sogar im Winter können sie dort ernten - seit Jahrhunderten. Doch das könnte bald vorbei sein. Unten im Tal schlängelt sich die Eisenbahnlinie, die Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich gebaut wurde. Sie führt von Tel Aviv bis hinauf nach Jerusalem, dessen erste Häuser von Battir aus zu sehen sind. Seit dem Bau der Bahn hat sich wenig verändert. „Die Bewässerungskanäle gibt es seit mehr als 2000 Jahren. Hier lebten schon Römer und Kanaanäer“, sagt Hassan Muamer. Mit sorgenvollem Blick zeigt der junge Ingenieur, der einer der alteingesessenen Familien angehört, hinunter auf die Gleise. Entlang der Bahnstrecke verläuft die „Grüne Linie“, die Waffenstillstandslinie zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland aus dem Jahr 1949.

          Sprung ins Ungewisse: Israel plant den Ausbau der Mauer...

          Battir ist eines der letzten palästinensischen Dörfer, an dessen Rand die israelische Sperranlage noch nicht den Weg nach Jerusalem blockiert. Nach mehrjähriger Planung will das israelische Verteidigungsministerium diese Lücke in der Absperrung schließen, die verhindern soll, dass Terroristen nach Jerusalem gelangen. Laut den Angaben, die israelische Planer vor Gericht machten, soll eine hohe Betonmauer das Dorf vom größten Teil seiner Terrassen und Gärten trennen. Sie soll nur wenige Meter unterhalb der stattlichen Steinhäuser und der Schule verlaufen. Wo genau, sagen israelische Militärsprecher nicht. Entsprechende Anfragen werden nicht beantwortet.

          „Für die israelischen Behörden ist das so, als würde man nur einen Fingernagel schneiden. Aber wenn hier die Planierraupen anfangen zu arbeiten, sind die uralte Terrassenlandschaft und das ausgeklügelte Bewässerungssystem für immer verloren“, befürchtet Giath Nasser. Der arabische Anwalt aus Jerusalem ist für das Dorf bis vor das Oberste Gericht gezogen, wie schon für Battirs Nachbardorf Walajeh. Dort wächst trotzdem täglich die Trasse für die Sperranlage, die Walajeh am Ende ganz einschließen wird. In Battir begründen die Israelis die Mauer auch mit dem Schutz der Eisenbahnlinie. Nasser hält das für ein vorgeschobenes Argument. „Israel hat Landstraßen und eine Autobahn in den Palästinensergebieten ohne einen solchen Schutz gebaut. Dort fahren täglich Tausende Autos, auf der Bahnlinie aber nur alle paar Stunden ein Zug“, sagt der Anwalt.

          Seit mehr als 60 Jahren ist das Abkommen in Kraft

          Den Bauern von Battir wurde aus Israel schon signalisiert, dass sie weiter Zugang zu ihren Feldern haben werden. Doch sie fürchten, dass die israelischen Soldaten das Tor zu selten öffnen und sie ihre Grundstücke am Ende verlieren, die sie seit der Gründung Israels aufgrund eines Abkommens behalten und weiter bearbeiten durften. Diese einmalige Regelung verdanken sie dem Mut und der Weitsicht von Hassan Mustafa. Während die meisten Menschen aus dem Dorf während des Krieges im Frühjahr 1948 flohen, blieb er mit ein paar Männern im Dorf zurück. Nachts zündeten sie in den Häusern Kerzen an, morgens trieben sie das Vieh hinaus. Die vorrückenden Israelis glaubten, Battir sei noch bewohnt und verzichteten auf einen Angriff.

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