15.12.2006 · Die Kämpfe in den Palästinensergebieten spitzen sich zu. Nach einem Angriff auf die Wagenkolonne von Ministerpräsident Hanija, liefert sich dessen islamistische Hamas mit der Fatah-Bewegung von Präsident Abbas Schießereien. Jörg Bremer berichtet aus Ramallah.
Von Jörg Bremer, RamallahIn Ramallah im Westjordanland und im Gazastreifen wird geschossen. Mitglieder der Garde von Präsident Abbas liefern sich Gefechte mit Kämpfern, die der Barttracht nach zur Hamas gehören. Aus dem städtischen Krankenhaus in Ramallah heißt es, 20 Hamas-Kämpfer seien verletzt worden. Später steigt die Zahl auf 30.
Der Ausbruch der Gewalt zwischen der säkularen Fatah-Bewegung und den Islamisten begann am Donnerstag abend, als in der Nähe des Grenzübergangs Rafah im Gazastreifen die Wagenkolonne von Ministerpräsident Hanija beschossen, ein Leibwächter getötet und sein Sohn verletzt wurde. Auch wenn unklar ist, wer dahinter steckt, macht die Hamas dafür die Fatah verantwortlich und nennt Abbas einen Mörder.
Abbas kündigt „entscheidenden Rede“ an
Die Lage hatte sich schon in den vergangenen Tagen zugespitzt. Es waren anscheinend Anhänger der Hamas, die zu Beginn der Woche drei Kinder eines Fatah-Offiziers vor ihrer Schule ermordeten. Daraufhin setzte zwischen den Clans die traditionelle Blutrache ein. Auf Kinder war in den bewaffneten Auseinandersetzungen bisher noch nicht gezielt worden.
In Ramallah heißt es, Abbas versuche jetzt, möglichst viel Geld im arabischen Ausland für Waffen, Munition und seine Polizeitruppen zu erhalten, denn er sehe kaum mehr eine Chance, den innerpalästinensischen Konflikt zu vermeiden. An diesem Samstag will er sich mit einer „entscheidenden Rede“ an seine Nation wenden.
„Strategische Tiefe“
Seit dem Wahlsieg der Hamas konnte sich die Fatah nicht mit ihrer Niederlage abfinden. Unterstützung fand sie dabei in den westlichen Geberstaaten und Israel, die die Hamas-Regierung boykottierten. Denn die siegreiche Hamas verhielt sich, als sei sie weiter in der Opposition und wollte weder Israel und die bestehenden Verträge anerkennen noch einen friedlichen Dialog mit dem jüdischen Staat beginnen.
So reiste Hanija vor allem nach Syrien und zuletzt nach Iran. In Teheran ließ er sich als standhafter Gegner Israels feiern und lobte, daß Iran der Hamas „strategische Tiefe“ gebe – und auch viel Geld. Von den versprochenen 250 Millionen Dollar – für den Staatshaushalt, Kulturzentren, Fahrzeuge und Infrastruktur – packte Hanija gleich einen Teil in sein Gepäck. Er wollte mit wohl 35 Millionen Dollar wegen der zugespitzten Lage vorzeitig in den Gazastreifen zurückkehren.
Die ägyptische Regierung war beunruhigt, als Hanija am Donnerstag kurz vor drei Uhr in El Arish landete, um von dort zum Rafah-Übergang zu fahren. Abbas unterrichtete Israel von Hanijas Heimkehr mit dem Geldkoffer. Wenige Minuten vor seiner Ankunft in Rafah veranlaßte der israelische Verteidigungsminister Peretz, den Übergang zu schließen. Dazu ließ er den israelischen Übergang Kerem Schalom schließen, von wo aus Israel mit den EU-Beobachtern in Rafah die Überwachung der Grenzabfertigung koordiniert. Rafah kann nur geöffnet bleiben, wenn das auch in Kerem Schalom der Fall ist.
Raketen auf Israel
Vier Stunden saß Hanija zunächst mit seinen Begleitern am Flughafen in El Arish fest, dann bis in die Nacht auf einem Steinmauer am Straßenrand vor dem Übergang. Hanijas Unterstützer im Gazastreifen sahen diese Bilder im Fernsehen und rotteten sich in Rafah zusammen. Wohl 15 Menschen sollen bei der folgenden Schießerei verletzt worden sein. Sie zerstörten die Grenzmauer, drangen auf ägyptisches Gebiet vor und verwundeten auch ägyptische Polizisten.
Auf Geheiß der Präsidentengarde von Abbas zogen sich die EU-Beobachter nach Kerem Schalom zurück. Unterdessen wurde fieberhaft verhandelt. Israel wollte zwar Hanija über die Grenze lassen, nicht aber sein Geld. Das hatte Ministerpräsident Olmert anscheinend schon vor seinem Abflug von Rom nach Tel Aviv in der Nacht zum Donnerstag deutlich gemacht. Ägyptische Beamte beschlagnahmten den Geldkoffer. Die Hamas beschoß daraufhin die südisraelische Stadt Sderot mit Raketen.
Hamas spricht von 66 Millionen Dollar
Schließlich blieben zwei Hamas-Berater mit den etwa 35 Millionen Dollar zurück, um sie in El Arish auf ein Konto der Arabischen Liga einzuzahlen. Der Betrag soll in den nächsten Tagen dem Finanzministerium in Ramallah überwiesen werden. Bei der Hamas heißt es, man habe bisher mehr als 66 Millionen Dollar in den Gazastreifen bringen können. Das sei auch nicht illegal, solange die Beträge beim Grenzübertritt deklariert würden. Israel, die Geberstaaten und auch Abbas wollen jedoch diesen Geldfluß stoppen.
Gegen 21.30 Uhr durfte Hanija in den Gazastreifen einreisen. Nur Minuten später geriet sein Konvoi unter Beschuß. Die Hamas wirft Abbas vor, er habe seinen Sicherheitsberater im Gazastreifen, Dahlan, mit der Ermordung Hanijas beauftragt.
Der frühere Sicherheitsminister Dahlan „ist der Anführer des Umsturzes“, sagte ein Hamas-Sprecher. Die Hamas wolle mit diesen Vorwürfen nur die Schuld an der Ermordung der drei Kinder verbrämen, entgegnete Dahlan. Viele Palästinenser werfen dagegen Abbas vor, er wolle das Volk verhungern lassen, halte es mit Israel und gönne Hamas nicht den Triumph, trotz des Boykotts Spenden sammeln zu können.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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