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Palästina Laute Nächte in Ramallah

25.12.2010 ·  Das Rasseln der Ketten israelischer Panzer war der Klang von gestern - heute ist Ramallah von Baulärm erfüllt. Es herrscht Aufbruchsstimmung statt Ausgangssperre, in der Nacht dröhnen die Bässe aus den vielen neuen Clubs. Gefeiert wird zu jeder Gelegenheit, also auch an Weihnachten.

Von Hans-Christian Rößler
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Die roten Lichterketten zucken im Rhythmus der Schlager aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Licht spiegelt sich in den silbernen Christbaumkugeln auf den Plastiktannenzweigen. Schon seit Wochen ist im „Orjuwan“ Weihnachten, und das bedeutet meistens Party bis in die frühen Morgenstunden. Und je später der Abend, desto kürzer werden die Haare der Männer und die Röcke der Frauen. Ohne Reservierung kommt niemand in den angesagten Club in Ramallah. „Endlich ist es ruhig genug, um wieder Weihnachten zu feiern. Früher waren wir Palästinenser zu sehr damit beschäftigt, gegen die Israelis zu kämpfen. Später verdarb der Krieg in Gaza die Laune“, sagt Salim Sakakini. Er kommt kaum gegen den Lärm in dem Lokal an, das er vor einem Jahr zusammen mit seinem Bruder Sari und seiner Schwester Katia in der größten palästinensischen Stadt im Westjordanland aufgemacht hat.

Von dem gediegenen Interieur der „Orjuwan Lounge“ aus dunklem Holz, grob behauenem palästinensischen Kalkstein und offenem Kamin bekommen die meisten Gäste zu später Stunde nicht mehr viel mit. An der Bar haben die schwarz gekleideten Kellner mit dem Restaurant-Logo auf der Brust gut damit zu tun, die Gläser mit blauem Szenelikör aus Paris und australischem Wein zu füllen. „Wenn wir nicht an diesen Teil der Welt glauben, wie soll es dann erst der Rest der Welt tun? Wir werfen manchmal Steine, aber wir haben Stil.“ Salims jüngerer Bruder Sari schmunzelt, als er das sagt.

Vor ein paar Jahren fuhren nachts noch israelische Panzer durch das Stadtzentrum - heute herrscht Aufbruchsstimmung statt Ausgangssperre. „Snowbar“, „Café de la Vie“ oder „Allegro“ heißen die neuen Bistros und Restaurants, die in den vergangenen Monaten eröffnet worden sind. Nachts ist in Ramallah längst mehr los als im benachbarten Jerusalem. Selbst aus Jaffa und Haifa kommen mittlerweile israelische Araber. Und gefeiert wird bei jeder Gelegenheit, nicht nur an den muslimischen Festen, sondern eben auch an Weihnachten. Die Gründergeneration in Ramallah traut sich aber noch mehr zu. Nicht nur bei den Sakakini-Brüdern bekommt man Sätze zu hören, die wie die ungeduldige palästinensische Variante von Präsident Obamas „Yes, we can“ klingen: Viele wollen nicht mehr warten, bis endlich ein Friedensabkommen mit Israel geschlossen ist. Ähnlich wie Ministerpräsident Fajad, der 2011 die Voraussetzungen für einen Staat geschaffen haben will, bauen sie drauflos und verwandeln Ramallah in eine Großbaustelle.

Viel Geld kommt aus den Golf-Staaten

Am „Palestine Trade Tower“ setzen Arbeiter gerade die letzten Glasfenster ein. Im 22. Stock soll es bald ein Restaurant mit Panoramablick geben. Von dort oben ist dann alles zu sehen, auch Jerusalem und die Siedlungen. Doch das Hochhaus erhält schon Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft. Bagger haben den felsigen Boden aufgerissen. Anfang nächsten Jahres sollen dort drei neue Bürotürme entstehen. Wenn es fertig ist, wird das neue „Ersal-Zentrum“ aus dreizehn Hochhäusern mit 200000 Quadratmetern für Luxuswohnungen und Büros bestehen. 400 Millionen Dollar soll es kosten. Viel Geld kommt, wie bei anderen Projekten, aus den Golf-Staaten. Der Vertrauensvorschuss bei Emiren und Scheichs scheint groß zu sein, denn mehr als Hochglanzprospekte und Bautafeln am Straßenrand haben die Architekten bisher nicht zu bieten. Glaubt man diesen Bildern, wird die Stadt von der Dritten direkt in die Erste Welt springen. Heute fließt in den meisten Häusern nur ein oder zwei Mal pro Woche Wasser aus den Leitungen; nur die Hälfte der Wohnungen ist an die Kanalisation angeschlossen.

In Janet Michaels Büro im zweiten Stock des Rathauses geht es zu wie im Taubenschlag. Architekten mit Plänen und Ingenieure mit Bauanträgen geben sich die Klinke in die Hand. An ihrer Mädchenschule hat die frühere Rektorin immer alles genau gewusst. Als Bürgermeisterin von Ramallah fällt es ihr manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Mehrere Wohnviertel seien in Planung, dazu ein Stadtteil für Diplomaten und einer für die Vereinten Nationen. Aber die Frage, wie viele Leute denn in Ramallah und in den Nachbarstädten El Bireh und Beitunia leben, kann die resolute Kommunalpolitikerin nur mit Schätzungen beantworten: Vor kurzer Zeit habe man Passanten auf den Hauptstraßen gezählt, diese Zahlen dann hochgerechnet, und so sei man auf 120 000 Einwohner gekommen. „Aus ganz Palästina ziehen die Leute hierher“, sagt die palästinensische Christin. Nur Christen wie sie sind weniger geworden: Früher stellten sie in Ramallah die Mehrheit, heute nur noch ein Fünftel der Bevölkerung. Viele von ihnen sind nach Nordamerika ausgewandert. Gut 30 000 ehemalige Einwohner leben dort. „Aber Ramallah ist eine liberale und offene Stadt geblieben, in der die Muslime auch Weihnachten mitfeiern“, sagt Janet Michael.

Bescheiden ist Frau Michael nicht, wenn sie an die Zukunft denkt. Sie kann sich vorstellen, dass ihre Stadt eines Tages einmal der jordanischen Hauptstadt Amman gleicht - gäbe es nicht die israelische Besatzung, Sperrmauer und Siedlungen, die dem Wachstum der Stadt Grenzen setzten. „Jerusalem bleibt natürlich auf ewig unsere Hauptstadt“, beeilt sie sich klarzustellen. Denn nicht alle Palästinenser sind begeistert darüber, dass sich selbst die Regierung in Ramallah häuslich niederlässt, überall neue Ministerien baut und auch die PLO dort ein modernes Hauptquartier bezogen hat: Wer sich in dem Provisorium auf Dauer einrichte, gebe damit den Anspruch auf den arabischen Ostteil des von Israel annektierten Jerusalem auf, lautet der Vorwurf. Bürgermeisterin Michael kann sich eine pragmatische Aufgabenteilung vorstellen - wie zwischen Bonn und Berlin oder Istanbul und Ankara.

Die erste palästinensische Stadt, mit flächenddeckenden Straßennamen und Hausnummern

Doch bis Ramallah Amman, Bonn oder Istanbul gleicht, ist der Weg noch weit, und zunächst führt er erst einmal durch die Niederungen der Kommunalpolitik. Die Stadtverwaltung hat sich, zum Beispiel, mit den neuen Parkscheinautomaten nicht beliebt gemacht, die sie vor kurzem aufstellte - selbst wenn man dort statt mit israelischen Schekelmünzen mit Kreditkarte bezahlen kann. Mehr Zustimmung fand eine andere kleine Revolution. Ramallah ist die erste palästinensische Stadt, die flächendeckend mit Straßennamen und Hausnummern versehen ist. Wegen des Baubooms waren selbst Taxifahrer oft überfordert, auf Anhieb die gewünschte Adresse zu finden. Jetzt stehen überall blaue Schilder, die auf Arabisch und Englisch sogar erläutern, wessen Namen die Straße trägt. Es gibt eine Beethovenstraße und eine, die nach Yahya Ayyash benannt ist, einem Bombenbauer der islamistischen Hamas. Der vom israelischen Geheimdienst getötete Ayyash „soll für eine Serie von Bombenanschlägen verantwortlich gewesen sein“, heißt es auf dem Schild im neuen Regierungsviertel, nicht weit vom Amtssitz des Ministerpräsidenten entfernt. „Für uns sind Palästinenser, die für ihr Land gekämpft haben, keine Terroristen“, rechtfertigt Bürgermeisterin Michael die Entscheidung.

Auf den Straßen von Ramallah und El Bireh geht es sonst eher unpolitisch zu. Große Porträts des Palästinenserführers Arafat sucht man vergebens. Auch von seinem Nachfolger Mahmud Abbas ist nicht viel zu sehen. Zwei palästinensische Mobilfunkgesellschaften haben in diesen Tagen die meisten Plakatflächen gebucht und liefern sich ein Duell um neue Kunden. Daneben probiert es das neue „Gold-Rock-Cafe“ auf die sanfte Tour und wirbt mit dem Slogan „Love all - serve all“.

Sam Bahour hält dem italienischen Bistro „Pronto“ neben dem Rathaus die Treue, auch wenn es durch das „Café de la Paix“ auf der anderen Straßenseite Konkurrenz bekommen hat. Den in Ohio geborenen palästinensischen Geschäftsmann und Wirtschaftsberater beeindruckt jedoch nicht, was um ihn herum lärmend entsteht. „Neue Cafés, Restaurants und Luxus-Hotels sind keine solide Grundlage für einen neuen Staat. Es gibt wirtschaftliche Aktivität, aber keine wirkliche Entwicklung“, äußert sich Bahour skeptisch und nippt an seinem Capuccino. Israel kontrolliere weiterhin alles: Land, Luft, Wasser und Grenzen - „uns überlässt man die Krümel, damit wir überleben können. Das ist Fünf-Sterne-Besatzung. Wo auf der Welt ist es eine Schlagzeile wert, wenn ein neues Einkaufszentrum öffnet“?, ärgert sich der Palästinenser. Hilfsgelder aus dem Ausland und die Heerscharen der Entwicklungshelfer steckten hinter dem jüngsten Aufschwung, sagt Bahour und empfiehlt einen Blick in die Berichte der Weltbank: Mehr als drei Milliarden Dollar internationaler Hilfsgelder erhielten die Palästinenser - rund 800 Dollar waren das für jeden Bewohner der Autonomiegebiete. Das meiste davon ging an die Autonomieregierung. Produziert wird dagegen kaum etwas. Selbst die erfolgreichen Restaurantbesitzer und Hoteliers erwirtschaften laut Weltbank nur 1,5 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Eine Mischung aus Experimentierfeld und Oase

Kein Wunder, dass die wohlhabenden Ausländer in Ramallah äußerst beliebt sind. An leerstehenden Bürogebäuden hängen Schilder auf Englisch „Zu vermieten - nur für Nichtregierungsorganisationen“. In den Hotels reichen Seminarräume und Festsäle für die vielen Tagungen oder Empfänge, die ausländische Geber und diplomatische Vertretungen dort veranstalten wollen. Auch in der „Orjuwan“- Lounge kann man sich auf die „Internationals“ als Stammgäste verlassen - und dazu natürlich auf die einheimischen Palästinenser, die bei den Ausländern gut genug verdienen, um sich zum Beispiel dort ein „Risotto Makhlube“ zu leisten. Das Reisgericht und dazu eine Flasche palästinensisches Taybeh-Bier kosten umgerechnet fast so viel, wie ein Palästinenser am Tag verdient.

Über das Risotto spricht Salim Sakakini besonders gerne, denn es steht geschmacklich für das, worum es ihm in seinem Restaurant geht. „Wir versuchen hier die Fusion italienischer und palästinensischer Küche: Reis und Parmesan wie in Italien, dazu Auberginen und Blumenkohl wie beim traditionellen palästinensischen Makhlube.“ Für die drei Sakakini-Geschwister ist ihr Lokal eine Mischung aus Experimentierfeld und Oase. Bisher haben sie mit dem alten Steinhaus nur Schulden gemacht, die sie gar nicht nötig haben: Salim besitzt eine eigene Werbeagentur, Sari hatte zuvor eine gutbezahlte Stelle in Qatar. Im Moment macht ihnen die Gegenwart viel Spaß, doch die Zukunft haben sie dabei nicht ganz aus dem Blick verloren. Salim und Sari wissen, wie schnell sich im Nahen Osten alles ändern kann. Sie selbst sind das beste Beispiel dafür: Die erfolgreichen Geschäftsleute zogen als Schuljungen nach dem Unterricht los, um israelische Soldaten mit Steinen zu bewerfen. „Wir kennen das Auf und Ab. In zwei, drei Jahren haben wir aber eine Marke aufgebaut, die auch in anderen Ländern Erfolg haben kann. Wer es hier unter israelischer Besatzung schafft, der schafft es überall“, sagt Sari voller Hoffnung.

Ein Symbol dafür, dass es in Palästina vorangeht

Unter dem Hagel der Steine und Granaten der zweiten Intifada waren zunächst auch die ersten Pläne für das neue Mövenpick-Hotel untergegangen. Anfang November wurde es dann, keine fünf Minuten vom Lokal der Sakakinis entfernt, endlich eröffnet. Der wuchtige Bau, der einer Festung gleicht, ist das erste Fünf-Sterne-Hotel in der Stadt. Für viele Palästinenser ist es aber auch ein steinerner Beweis dafür, dass sie vielleicht doch eines Tages einen eigenen Staat haben werden. Präsident Abbas kam selbst zur Eröffnung. Er wird künftig öfter dort vorbeischauen, denn im fünften Stock stehen in dem Hotel gleich zwei Präsidenten-Suiten für Staatsbesucher bereit, die bisher lieber in Jerusalem übernachteten. Dazu bietet das Hotel neben der ersten Zigarren-Bar der Stadt auch das erste italienische Restaurant in Ramallah mit einem leibhaftigen Koch aus Italien. „Für meine palästinensischen Mitarbeiter ist das hier nicht irgendein Job. Das Hotel ist für sie ein Symbol dafür, dass es in Palästina vorangeht. Sie sind stolz und mit großem Ernst bei der Sache. So etwas habe ich in anderen arabischen Ländern nicht erlebt, in denen ich vorher gearbeitet habe“, berichtet Frank Funke, der aus Bremen stammende Küchenchef.

Die zum größten Teil palästinensischen Eigentümer trauen den 250 Angestellten viel zu. In wenigen Jahren wollen sie die vierzig Millionen Dollar zurückverdienen, die sie dort investiert haben, obwohl es ein Ausnahmehotel bleiben wird. Fast alles muss auf dem Umweg über Israel importiert werden, das sämtliche Einfuhren in die Palästinensergebiete kontrolliert - bis hin zum Speiseeis. Bis heute haben die israelischen Behörden nicht die nötigen Genehmigungen für die Einfuhr des nach der Hotelkette benannten Eises erteilt. Für die Kinder, die mit ihren Eltern zum Adventsbrunch gekommen sind, ist das nicht so schlimm. Sie sind gespannt auf Santa Claus, der zum ersten Mal vorbeischauen soll.

Gut zehn Minuten sind es mit dem Auto vom behaglich warmen Hotel nach Qalandija. Im Nieselregen klopfen dort ein paar frierende Jungen an die beschlagenen Scheiben der Autos, die am wichtigsten Übergang nach Jerusalem warten. Der Winterwind pfeift über den Wachturm und die hohe Betonmauer. Die Geschäfte gehen schlecht. Niemand will sich die Windschutzscheibe waschen lassen oder chinesisches Billigspielzeug kaufen. Mit dem Geld unterstützen die Jungen ihre Familien im Flüchtlingslager, dessen Häuser, dicht an dicht stehend, bis an das wichtigste Tor Ramallahs zur Außenwelt reichen. Mehr als 10 000 Flüchtlinge leben in Qalandija. Die ersten kamen 1949, jeder fünfte hat keine Arbeit. Spätestens an der hohen Betonmauer am Stadtrand platzt der Traum von der Boomstadt Ramallah wie eine der Seifenblasen, die dort ein Mädchen aufsteigen lässt.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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