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Palästina Elitär und militant

03.01.2006 ·  Anders als der Dschihad nimmt die Hamas an den Palästinenserwahlen teil. Am Dienstag begann der Wahlkampf. Den politischen Führern der Hamas im Westjordanland fällt es schwer, ihre militanten Mitglieder zu zügeln.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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Für die islamistische Hamas ist klar, daß am 25. Januar in den palästinensischen Gebieten gewählt werden muß. Während die Fatah noch in den eigenen Reihen zerstritten ist und Präsident Abbas eine Verschiebung der Wahl erwägt, begann die Hamas am Dienstag mit dem Wahlkampf. Überall wurden Plakate an die Häuserwände geklebt und die grüne Flagge des Propheten gehißt. „Islam ist die Lösung“ ist immer wieder als Motto zu lesen. Dagegen beteiligt sich der Islamische Dschihad nicht an den Wahlen.

Die im Vergleich zur Hamas kleine militante Organisation bleibt in der Fundamentalopposition. Schon zu den Parlamentswahlen 1996 war sie nicht angetreten. Eine Beteiligung komme der Anerkennung des in Oslo begonnenen Friedensprozesses gleich: „Wir aber lehnen Oslo ab und alle durch Oslo geschaffenen Vertrags- und Politikgrundlagen“, sagte schon vor Monaten Dschihad-Mitglied Chaled Batsch dieser Zeitung.

Rivalen

Hamas und Dschihad sehen sich als Rivalen, auch wenn sie sich nicht gegenseitig fürchten. Die Hamas ist eine Massenorganisation, in der nicht alle Mitglieder politisch aktiv sind. Die Mehrzahl arbeitet in sozialen Einrichtungen, in Schulen und Krankenhäusern, Kindergärten und Waisenhäusern. Nur eine kleine Gruppe kämpft bewaffnet im Untergrund - geleitet von der politischen Führung. Die Hamas im Gazastreifen unterscheidet sich von der Hamas im Westjordanland. Letztere verfolgt unter der Führung von Scheich Hassan Josef nach eigener Darstellung einen pragmatischeren Kurs. Davon unabhängig scheint zudem die Hamas im Exil aufzutreten, in der die „Falken“ die Oberhand haben.

In den Golfstaaten sucht in diesen Tagen der palästinensische Präsident Abbas daher das Gespräch mit Hamas-Generalsekretär Meschal, der in Syrien lebt. Abbas will im Unterschied zur Hamas die Wahlen verschieben. Wenn Abbas dafür Meschals Zustimmung erhält, kann Abbas darauf hoffen, daß sich Meschals Anhänger in den palästinensischen Gebieten nicht mit neuer Gewalt rächen und die lokale Hamas-Führung düpieren werden. Denn die Zustimmung für eine Verschiebung ist von den örtlichen Hamas-Politikern leichter zu erhalten als von den Führern im Exil.

„Aus persönlichen Gründen“

Unterdessen wurde bekannt, daß Scheich Hassan Josef, den Israel wie viele andere Islamisten-Führer ohne ein Verfahren in „Verwaltungshaft“ festhält, dieser Tage „aus persönlichen Gründen“ seine Kandidatur zurückzog. Was das bedeutet, ist unklar. Bekannt ist aber, daß es den politischen Führern der Hamas im Westjordanland schwerer fällt, ihre militanten Mitglieder zu zügeln. Viele Islamisten - besonders in Hebron und offenbar auch in Bethlehem - sind unabhängig und in kleinen konspirativen Zellen aktiv.

Hamas und Dschihad gingen beide Ende der siebziger Jahre aus der einst in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft hervor und etablierten sich zu Beginn der achtziger Jahre in den besetzten Gebieten. Doch der Dschihad war von vornherein extremistischer und nahm sich ein Beispiel an der iranischen Revolution. Die Hamas besteht dagegen bis heute darauf, sich allein nach den Bedürfnissen der von Israel besetzten Nation zu richten. Der Dschihad orientierte sich auch organisatorisch an Teheran und erkannte die politische Leitung durch religiöse Führer an. Das iranische Modell sollte in Palästina übernommen und die gesamte sunnitische Welt durch den Kampf des Dschihads gegen die „zionistischen Aggressoren“ vereint werden.

Viele Dschihad-Führer im Exil

Der Dschihad aber blieb eine kleine Gruppe von wohl nicht mehr als 400 konspirativ kämpfenden Islamisten. Sie ging zwar nach der Gründung der palästinensischen Autonomiebehörde 1994 immer wieder einmal Aktionsbündnisse mit Fatah-Terroristen oder der Hamas ein, aber sie legte Wert darauf, ein kleiner elitärer Kreis zu bleiben. Der Dschihad wurde nie sozial aktiv. Die Gruppe konnte aber auch nur selten offen tätig werden, denn schon vor dem spektakulären Anschlag 1995 auf die Bushaltestelle in Beit Lid erfuhr die Welt vom Dschihad nur etwas durch seinen blutigen Terror. Das hat sich nicht geändert. An die jüngste Waffenruhe, die von den meisten Gruppen im März einseitig erklärt worden war, fühlte sich der Dschihad nicht gebunden.

Für den Abschuß der meisten Kassem-Raketen aus dem Gazastreifen auf israelisches Gebiet und wohl für alle Selbstmordanschläge des vergangenen Jahres in Israel ist der Dschihad verantwortlich. Die israelische Armee ging in den vergangenen Monaten vor allem gegen den Dschihad im nördlichen Westjordanland vor und tötete politische und militärische Führer, wie zuletzt am Dienstag. Doch viele Dschihad-Führer sind im Exil und sorgen von Beirut, Teheran, Damaskus oder Khartum aus dafür, daß der Terror weitergeht.

„Islamistische Antwort“

Es ist schwer, Dschihad-Politiker zu sprechen, weil sie es kaum wagen, ihre Verstecke zu verlassen. In letzter Zeit sind sie jedoch häufiger zum Gespräch mit westlichen Journalisten bereit, um deutlich zu machen, daß nicht die Hamas, sondern der Dschihad die „islamistische Antwort“ auf die korrupte palästinensische Führung darstellt. Der Dschihad stellt die Fatah allerdings nicht als Feind dar: „Wir sind Brüder auf verschiedenen Wegen. Wir haben unseren Einfluß auf die Politik und wollen den Widerstand als Teil der politischen Vision und Strategie“, sagt Batsch. Das sieht Hamas-Sprecher Zahar in Gaza anders. Für ihn ist der Widerstand nur ein Mittel der Politik.

Der Dschihad findet sich auch nicht mit einer Teilung der arabischen Gebiete ab. „Uns gehört ganz Palästina; es verbietet sich, kleine Teile davon abzugeben, aber wir werden einen Staat der palästinensischen Autonomie nicht bekämpfen“, sagt der Dschihad-Sprecher. Zahar formuliert das anders: „Wir wollen den vollständigen Abzug aus Gazastreifen und Westjordanland und unseren Teil von Jerusalem.“ Dabei wird deutlich, daß sich die Hamas in großen Teilen mit den Grenzen von 1967 abgefunden hat. Sie unterstützte zudem die Politik der Autonomiebehörde mit Blick auf die Waffenruhe seit März. Zahar spricht von „Koordination mit der Autonomiebehörde. Wir wollen schließlich eine nationale Hochzeit und nicht eine Katastrophe.“

„Eine soziale Kraft der gesamten Nation“

Anfang der Woche aber endete die im März vereinbarte Waffenruhe. Der Dschihad sieht sich bestätigt, weil die Waffenruhe nichts gebracht habe. Die Hamas ist anderer Ansicht. Zum einen glaubt Zahar nicht daran, daß Israel wirklich an demokratischen Wahlen interessiert ist. Es würde sonst nicht den Wahlkampf der Hamas durch Verhaftungen ihrer Kandidaten stören und schon gar nicht daran denken, wegen der Hamas-Beteiligung Wahlen in Ost-Jerusalem zu verbieten. Auch habe die Regierung von Präsident Abbas versprochen, sie werde Israel zu einer großzügigen Freilassung von Gefangenen bewegen können. Das sei unterblieben. Zudem setze Israel seinen Kampf gegen die Bevölkerung mit Straßensperren und dem Bau von Siedlungen fort.

Einerseits habe die Gewalt dazu geführt, daß Israel den Gazastreifen verließ. Andererseits sei Hamas eine soziale Kraft der gesamten Nation und wolle den bewaffneten Kampf nur dann wiederaufnehmen, wenn das allgemein gewünscht wird. Im Nachbarland Libanon zeigt jedoch das Beispiel der schiitischen Hizbullah, wie schwierig der Weg vom bewaffneten Kampf zu einer politischen Kraft ist, die im Parlament vertreten ist.

Quelle: F.A.Z., 04.01.2006, Nr. 3 / Seite 4
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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