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Palästina Abbas im Abseits

02.02.2009 ·  Die Hamas hat durch den Krieg im Gazastreifen an Statur gewonnen - im Westjordanland, das bislang von Präsident Abbas dominiert wurde, aber auch in Staaten wie der Türkei. Die Möglichkeiten für Abbas, im Bruderkrieg mit den Islamisten Boden gut zu machen, sind gering.

Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
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Zornesröte stand Mahmud Abbas im Gesicht. „Sie müssen die PLO als die einzige, legitime Vertreterin der Palästinenser anerkennen“, verlangte der Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation in Kairo. Sein Wutausbruch galt der Hamas, die dem palästinensischen Präsidenten seit Wochen nur noch Platz für eine politische Nebenrolle lässt und schon damit gedroht hatte, eine eigene PLO zu gründen.

Überstürzt war Abbas am Wochenende in die ägyptische Hauptstadt gereist - wegen „überraschender Entwicklungen in den Gesprächen mit der Hamas“. Seitdem wartet er zusammen mit den ägyptischen Vermittlern ungeduldig darauf, dass eine Delegation der Islamisten eintrifft, die eine Waffenruhe für den Gazastreifen im Gepäck haben soll. Auf ein Jahr sei sie befristet und beteilige die Autonomiebehörde von Abbas an den Grenzkontrollen in Rafah, berichteten arabische Fernsehsender.

Meschal zu Gesprächen in Teheran

Aber bevor nun in Kairo über die Einzelheiten verhandelt werden soll, nahm sich Hamas-Politbürochef Khaled Meschal zwei Tage Zeit, um erst nach Teheran zu reisen. Er traf dort Staatspräsident Ahmadineschad und das geistliche Oberhaupt Chamenei und dankte ihnen für die „wichtige Rolle, die Teheran beim Sieg der Hamas in Gaza gespielt hat“. Mit großzügiger finanzieller Hilfe für den Wiederaufbau des Gazastreifens will sich angeblich Teheran erkenntlich zeigen.

„Der größte Erfolg der Hamas durch den Gaza-Krieg war, dass sie dadurch in der arabischen und islamischen Welt politisch an Statur gewann und beliebt wurde“, beobachtet der palästinensische Politikwissenschaftler und Meinungsforscher Khalil Shikaki. Das beginne im Westjordanland, das eigentlich die Fatah von Präsident Abbas dominiert, und reiche bis in Staaten wie die Türkei, wo Ministerpräsident Erdogan mit Sympathiebekundungen für die Islamisten in Gaza sein bisher gutes Verhältnis zu Israel gefährdet.

Intensiv bemühen sich Meschal und andere Hamas-Führer die neue Unterstützung in internationale Anerkennung zu verwandeln: Sie wollen als Gesprächspartner ebenso anerkannt werden wie Abbas und dessen Autonomiebehörde. Denn letztere können sich nicht über mangelnde Hilfe und Aufmerksamkeit im Ausland beklagen. Bisher war das einer der wichtigsten innenpolitischen Trümpfe in der Hand von Abbas im Werben im Machtkampf mit der international geächteten und boykottierten Hamas.

Blair plädiert für Einbindung der Hamas

Aufmerksam registrierte man in den Palästinensergebieten daher, dass sich am Wochenende der ehemalige britische Premierminister Blair dafür einsetzte, die Hamas unter bestimmten Bedingungen in Friedensgespräche einzubeziehen; Blair ist Sondergesandter des „Nahost-Quartetts“, dem Amerika, Russland, die EU und die UN angehören.

Den Gazastreifen hat die Hamas weiterhin im Griff. Daran konnten auch die gezielten israelischen Angriffe auf Sicherheitskräfte und führende Vertreter ihres militärischen Arms wenig ändern, wie palästinensische Beobachter übereinstimmend feststellen. Die Beseitigung der Kriegsschäden könnte aber zu einer Bewährungsprobe werden, die darüber entscheidet, ob die Hamas weiter so beliebt bleibt oder ob es Abbas' Fatah gelingt, wieder stärker in Gaza Fuß zu fassen.

„Die wichtigste Frage ist: Wer kann mehr liefern? Wenn es nur Bargeld und Schecks sein werden, dann werden die Hamas und Iran davon profitieren. Wenn es aber Abbas gelingt, auch Zement dorthin zu bringen, sähe es anders aus. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass die Israelis dabei mit ihm zusammenarbeiten werden“, erwartet Meinungsforscher Shikaki, der gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung regelmäßig die palästinensische Bevölkerung befragt.

Die Vereinten Nationen als Mittler

Bisher lässt Israel kein Baumaterial nach Gaza, das dort für die Tausenden zerstörten Häuser dringend benötigt wird. Die ersten Schecks hat die Hamas dagegen schon in Gaza verteilt. Für den Fall, dass Israel beim Wiederaufbau den Palästinensern nicht entgegenkommt, haben Hamas-Sprecher auch schon eine Lösung parat: Ausländische Hilfe könnte über die Vereinten Nationen nach Gaza kommen.

Dort sind die UNRWA, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für die palästinensischen Flüchtlinge, sowie das UN-Entwicklungsprogramm UNDP, das sich in Gaza für den Rest der 1,5 Millionen Einwohner kümmert, schon seit langem präsent.

Politikwissenschaftler: „Abbas' Zeit ist vorüber“

Begrenzt sind daher die Möglichkeiten für den palästinensischen Präsidenten im Bruderkrieg mit der Hamas schnell wieder verlorenen Boden gut zu machen. „Abbas Zeit ist vorüber. Er ist besessen von dem Wunsch, sich an der Hamas zu rächen. Das hat ihn blind für alles andere werden lassen“, sagt Zakaria al Qaq, der Vizepräsident der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem und nimmt damit Bezug auf die gewaltsame Machtergreifung der Hamas in Gaza vor zwei Jahren.

Viele Palästinenser hätten Abbas übel genommen, dass er sich erst 48 Stunden nach dem Beginn der israelischen Militäroffensive in Gaza an die Öffentlichkeit wandte und das dann nicht im palästinensischen Ramallah, sondern in Kairo - wie auch jetzt am Wochenende wieder. Und dabei zeigte er sich wenig sensibel: Auf einen Bericht über seinen Zornesausbruch über die Hamas folgten in den arabischen Fernsehnachrichten Bilder der jüngsten Luftangriffe auf Gaza, mit denen Israel auf den anhaltenden Raketenbeschuss reagierte. „Viele Palästinenser hätten sich gewünscht, dass Abbas einmal auf die israelische Militäraktion ähnlich wütend reagiert hätte, wie jetzt auf die Hamas“, sagt Zakaria al Qaq.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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