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Pakistans Nuklearfachmann Keine neuen Entwicklungen mehr?

25.06.2008 ·  Jahre war es ruhig gewesen um den „Vater der islamischen Bombe“. Nun bringen neue Ereignisse Qadir Khan in die Schlagzeilen und erinnern daran, dass seine Machenschaften nicht ansatzweise ausgeleuchtet sind. Aber Islamabad meint, die Akte sei geschlossen.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
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Vor dem Haus des pensionierten Nuklearwissenschaftlers Abdul Qadir Khan versammelten sich unlängst einige Dutzend Islamisten, unter ihnen frühere Abgeordnete, und gratulierten ihm zum „Zehnjährigen“. Am 28. Mai 1998 hatte Pakistan seinen ersten erfolgreichen Atomwaffentest absolviert. Dass Khan, der bis heute als „Vater der islamischen Bombe“ verehrt wird, wenige Jahre später wegen Schmuggels von Nuklearmaterialien in Hausarrest gesperrt wurde, halten viele im Land für ungerecht. Die Demonstranten vor seinem Haus in Islamabad forderten sogar, Khan solle Präsident Musharraf im obersten Staatsamt ablösen.

Vier Jahre lang war es vergleichsweise ruhig gewesen um den pakistanischen Nuklearfachmann und seinen Proliferationsring. Aber seit einigen Wochen bringen Khan neue Ereignisse, Indizien und Spekulationen in die Schlagzeilen und erinnern daran, dass seine Machenschaften und ihre Hintergründe noch nicht einmal ansatzweise ausgeleuchtet sind.

Operettenhafte Inszenierung

Zwei Tage nach dem kleinen Aufmarsch gab Khan, der bald 73 Jahre alt wird, ein erstes längeres Interview. Sein Geständnis aus dem Januar 2004, Baupläne und Material ohne Wissen der Regierung nach Nordkorea, Libyen und Iran geschmuggelt zu haben, sei „erzwungen“ gewesen, sagte er dem pakistanischen Nachrichtensender Dawn TV. Die Überraschung war gering, denn dies hatten schon damals die meisten Beobachter vermutet.

Allzu operettenhaft erschien die Inszenierung, die Präsident Musharraf der Weltgemeinschaft vor viereinhalb Jahren zum Besten gegeben hatte. Nachdem die Beweise für den Handel mit nuklearen Geheimnissen aus Pakistan nicht mehr zu dementieren waren, hatte sich sich Musharraf zunächst bestürzt gezeigt, um kurz darauf seinen Chef-Nuklearwissenschaftler mit einem reumütigen Geständnis im Fernsehen zu präsentieren. Einen Tag später wurde Qadir Khan, der alle Schuld auf sich genommen hatte, „begnadigt“.

„Warum sollten wir das tun?“

In Hausarrest musste Khan trotzdem, angeblich zu seiner eigenen Sicherheit und um die staatlichen „Ermittlungen“ in Ruhe vorantreiben zu können. Heute vertritt die Regierung offiziell den Standpunkt, die dunklen Geschäfte ihres Chef-Nuklearwissenschaftlers aufgeklärt zu haben. Den beharrlich vorgetragenen Bitten Washingtons sowie der Internationalen Atomenergiebehörde, Qadir Khan befragen zu dürfen, wurde nicht nachgegeben.

Khan selbst sieht ebenfalls keinen Grund, sich internationalen Nachforschungen zu stellen. „Warum sollten wir das tun?“, fragte er in dem Interview. „Wir sind ein unabhängiges Land, wir haben das Völkerrecht nicht verletzt.“ Khan, der sich einen „freien Mann ohne Verpflichtungen“ nannte, verwies auf den Umstand, dass Pakistan nicht den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NPT) unterzeichnet habe und ihn folglich auch nicht gebrochen haben könne. In einem anderen Interview verglich er die klandestinen nuklearen Handelsbeziehungen Pakistans mit denen der anerkannten Atommächte. Man habe nichts anderes getan, als die „gleiche Strategie“ zu verfolgen, sagte er der Zeitung „The News“.

Khans Schmuggler-Netz

In der vergangenen Woche wurde dann eine Studie des früheren UN-Waffeninspekteurs David Albright bekannt, in der Khans Schmuggler-Netz vorgeworfen wird, nicht nur mit Komponenten gehandelt zu haben, sondern mit digitalen Bauanleitungen für kleine Nuklearsprengköpfe, wie sie angeblich in Pakistans Atomarsenalen liegen.

Ermittler sollen die Blaupausen auf den Computern Schweizer Mittelsmänner gefunden haben, die Verbindungen zu Khans Netz unterhalten. Die Fachleute sind sich offenbar nicht einig, ob die digitalen Bauanleitungen eine neue Qualität für den nuklearen Schwarzmarkt bedeuten. Aber schon der Hinweis darauf, dass das Produkt „ideal“ sei, um etwa Trägersysteme zu bestücken, wie sie Iran besitzt, sicherte der Studie Aufmerksamkeit. Flankiert wurde die Debatte mit Gerüchten, auch das syrische Nuklearprogramm habe möglicherweise vom pakistanischen Netz profitiert.

Ein „Sack voller Lügen“

Abermals trat Khan vor die Presse, nannte die Studie einen „Sack voller Lügen“ und warf den Vereinigten Staaten eine Kampagne gegen Pakistan vor. Die neue Regierung in Islamabad sprang ihm zur Seite und dementierte am vergangenen Freitag, dass irgendwo außerhalb Pakistans nukleare Blaupausen des Landes zirkulierten.

Ein Sprecher des Außenministeriums bezweifelte den Wahrheitsgehalt der Affäre und fragte, warum die Schweizer Behörden die Beweisstücke gelöscht hätten, anstatt sie der pakistanischen Regierung zu präsentieren. Im Übrigen seien in den vergangenen Jahren alle relevanten Informationen mit der Atomenergiebehörde in Wien geteilt worden, womit die Akte Khan aus pakistanischer Sicht „geschlossen“ sei. Es gebe „keine neuen Entwicklungen mehr in diesem Zusammenhang“.

Abneigung gegenüber Präsident Musharraf

Ähnlich klingt dies in Kuala Lumpur, wo die Regierung am Montag bekanntgab, den srilankischen Geschäftsmann Syed Abud Tahir aus der Haft entlassen zu haben. Tahir hatte im Auftrag Khans Zentrifugen für Libyen anfertigen lassen - pikanterweise in einer Fabrik, die dem Sohn des malaysischen Premierministers Abdullah Badawi gehört. Inzwischen bedeute Tahir keine Gefahr mehr für die nationale Sicherheit, sagte Innenminister Hamid Albar und versicherte, dass man alles Wissenswerte von ihm erfahren habe. Albar kündigte allerdings an, dass Tahir einstweilen nur eingeschränkte Bewegungsfreiheit genieße.

Qadir Khans Hausarrest wurde inzwischen weitgehend aufgehoben. Zu verdanken hat er das vermutlich den neuen Mächtigen in Pakistan, Asif Ali Zardari und Nawaz Sharif. Sie teilen mit Khan ihre Abneigung gegenüber Präsident Musharraf und eine geringe Meinung über die Vereinigten Staaten. Weitere Gemeinsamkeiten berühren die Vergangenheit. Unter Zardaris ermordeter Ehefrau Benazir Bhutto hatte Khan seine Forschungen vorangetrieben und unter Premierminister Nawaz Sharif mit dem Atomwaffentest den krönenden Abschluss gefeiert.

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