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Pakistans Geheimdienst Im Dienste der Staatsfeinde

15.05.2009 ·  Der Verdacht, dass der pakistanische Geheimdienst ISI Staatsfeinde unterstütze, die er zu bekämpfen vorgibt, ist weit verbreitet - in Pakistan ebenso wie in Afghanistan. Jochen Buchsteiner hat mit einem ISI-Agenten gesprochen.

Von Jochen Buchsteiner, Islamabad
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Der Mann, der aus dem Dunkel tritt, will rasch wieder dahin zurück. Kein Namen, keine Personenbeschreibung, nur Zitate. Das ist die Abmachung.

Aber lohnt sich das überhaupt? Hat ein ranghoher Offizier des pakistanischen „Inter-Services Intelligence“ (ISI) etwas zu sagen - außer, dass er „eine Unterstützung der Taliban durch amtierende ISI-Mitarbeiter definitiv ausschließt?“

Unterstützung für Staatsfeinde

Desinformation gehört zum Kerngeschäft der Geheimdienste, weshalb Gespräche mit diesen Organisationen begrenzten Wert haben. Andererseits können sie einen Einblick in das Selbstverständnis des Dienstes verschaffen - oder auch nur in seine Vorstellungen, wie er von außen gesehen werden will.

Im Falle des berüchtigten ISI ist dies von Interesse, denn um kaum einen Geheimdienst ranken sich mehr Gerüchte. Weit verbreitet ist der Verdacht, dass der ISI Staatsfeinde, die er zu bekämpfen vorgibt, heimlich unterstützt - in Pakistan, aber auch im benachbarten Afghanistan.

Und tatsächlich, abwegig erscheint dem Repräsentanten die Nachfrage nicht: Für „pensionierte Mitarbeiter“ jedenfalls will sich der ISI-Mann nicht verbürgen. Wenn die sich in ihrem Ruhestand den Taliban zuwendeten. „Was können wir tun?“, fragt er.

Mehr als 10.000 Taliban in Pakistan

Beim ISI gibt man sich überhaupt überraschend verständnisvoll. „Ich verstehe die Zweifel im Westen, ob wir es ernst meinen“, sagt der Offizier und gesteht sogar ein, „dass sie zu einem gewissen Grade gerechtfertigt sind.“ Mit Blick auf die Militäroffensive in der Region Malakand im Nordwesten verlangt er aber einen neuen Blick auf die Armee. „Diesmal ist es anders. Zum ersten Mal haben wir politische und in einem gewissen Ausmaß auch öffentliche Unterstützung“, sagte der Mann.

Die Taliban sind nach seinen Worten zu einer „schweren Bedrohung“ für Pakistan geworden. Inzwischen garantierten sie selbst das Überleben der Terrororganisation Al Qaida. Einen politischen Umsturz fürchtet er aber nicht. „Die Taliban können Probleme schaffen, aber sie können nicht die Macht an sich reißen.“ Die Zahl derer, die in Pakistan die radikalen Islamisten unterstützen, schätzt der ISI auf ein Prozent der Bevölkerung, also auf etwa 1,7 Millionen Pakistaner. Ihre Stärke sieht er bei 10.000 bis 15.000 Mann.

Dass die Armee bislang erfolgreich zu operieren scheint und die Taliban in kleinere Gebiete des Swat-Distrikts zurückgedrängt hat, bedeute noch keinen Sieg. Als „schlechtes Zeichen“ wertet der ISI, dass Baitullah Mehsud, der in den Stammesgebieten die „Dachorganisation“ der Taliban anführt, bislang nicht in Erscheinung getreten ist. Ob die Zurückhaltung des Kommandeurs womöglich eine „Ruhe vor dem Sturm“ bedeute, könne sein Dienst nicht beurteilen. Die ISI sei „nicht so nah an Mehsud dran, wie wir es gerne wären“.

Zweifel an der Rolle Amerikas

Das Überwachungsloch, insinuiert der ISI-Mann, sei entstanden, weil Indien und die Vereinigten Staaten hinter Mehsud stünden. Amerika - so lautet eine Theorie, der er Sympathie entgegenbringe - habe ein Interesse, Pakistan zu destabilisieren und schließlich zu besetzen, um von dort China und Russland besser eindämmen zu können.

Zweimal hätten die Amerikaner ISI-Informationen nicht genutzt, um des Taliban-Kommandeurs habhaft zu werden, behauptet er. Zudem habe Mehsuds Cousin nach seiner Entlassung aus Guantánamo gezielt Chinesen in Pakistan getötet - offenbar mit dem Ziel, das pakistanisch-chinesische Verhältnis zu schwächen. Zweifel an der Rolle der Vereinigten Staaten würde aber auch deren Verweigerung hervorrufen, die pakistanische Armee mit Präzisionswaffen und anderer Kriegstechnik auszurüsten.

Die Drohnen, mit denen Amerika regelmäßig Ziele in den Stammesgebieten bombardiert, seien „nicht der einzige Weg, aber der beste, um diese Leute anzugreifen“, sagt der ISI-Mitarbeiter. Statt die Armee in den Stand zu versetzen, gegen die Feinde im Inneren vorzugehen, verfolge Washington Pakistans Schwächung: „Sie wollen unsere Nuklearwaffen:“

Bedrohung aus Indien

Glaubt man dem ISI-Mann führt sein Dienst auch im Nachbarland nichts Böses im Schilde. „Unser Hauptinteresse ist ein stabiles Afghanistan“, versichert er. Die Schwierigkeiten des Kriegslandes lägen nicht in Pakistan, sondern „zu 95 Prozent“ in Afghanistan - wo man das völlig anders sieht. Beruhigen könne sich die Lage dort nur, wenn alle Volksgruppen in der Regierung vertreten seien, sagt der ISI-Mitarbeiter. Eine fünfzigprozentige Repräsentanz der Paschtunen könne er aber in Kabul nicht erkennen.

Lieber als über die Taliban spricht der ISI-Mann über die Bedrohung aus Indien. „Sehr knapp“ sei die Region an einem Krieg vorbeigegangen, nachdem Bombay im November von (vermutlich aus Pakistan gesteuerten) Terroristen angegriffen worden war. Nach wie vor betrachtet der pakistanische Geheimdienst den großen Nachbarn als feindselig. „Sehen Sie sich ihre Armeestruktur an - sie ist rein anti-pakistanisch“, sagt er.

Hätte Indien Luftangriffe auf Pakistan geflogen, was selbst nach indischen Medienberichten erwogen worden sein soll, „wäre daraus ein umfassender Krieg geworden“, sagt der ISI-Mann. Wenig Mühe gibt er sich, die atomare Gefahr herunterzuspielen. Dass sich Pakistan die Option eines nuklearen Erstschlages weiterhin offenhält, untermauert er mit einer Wirtshaus-Allegorie: „Wenn Sie schwach sind und grün und blau geschlagen wurden, und Sie haben die Möglichkeit, dem anderen eine blutige Nase zu verpassen, dann tun Sie es!“

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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