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Pakistan Wer löst den Mordfall Benazir Bhutto?

 ·  Einige Tage nach dem Mord an der Oppositionsführerin Bhutto sind Ursache und Umstände ihres Todes längst nicht geklärt. Die Regierung setzt nach eigenen Angaben „hochqualifizierte Ermittler“ ein - doch viele Pakistaner misstrauen der Staatsführung.

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Dem Kopf mit der markanten Nase fehlt der Rumpf. Zehn Millionen Rupien sind der Regierung der pakistanischen Provinz Punjab Hinweise darauf wert, wer der Mann ist, den ein zweites Foto lebend zeigt. Auf Filmaufnahmen war zu sehen, wie er am Donnerstag in Rawalpindi drei Schüsse auf Benazir Bhutto abfeuert. Kurz darauf zündete neben dem Wagen der pakistanischen Oppositionsführerin ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz; der Kopf des Schützen wurde durch die Explosion abgetrennt und viele Meter weit weg geschleudert.

Das ist die offizielle Version. Sardar Shaukat Hayat Khan glaubt nichts davon. „Das ist alles inszeniert. Sie haben viele Köpfe zur Verfügung“, erregt sich der Mann im schwarzen Anzug und macht aus seinem Misstrauen gegenüber der Regierung keinen Hehl. Der Anwalt kandidiert bei den Parlamentswahlen in der Garnisonsstadt Rawalpindi und hatte während der letzten Wahlkampfveranstaltung der Vorsitzenden der Pakistanischen Volkspartei (PPP) neben ihr auf der Tribüne gesessen.

Am Dienstag hat er sich wie für eine Beerdigung gekleidet und nimmt in dem kleinen Park im Zentrum von Rawalpindi die Beileidsbekundungen der Menschen entgegen, die in kleinen Gruppen zu dem Ort pilgern, an dem die Frau umgekommen ist, für die viele bei den bevorstehenden Wahlen stimmen wollten.

„Musharraf hat sie getötet“

Umgeben von flackernden Öllampen haben einige ihrer Anhänger vor einem großen Plakat mit der lächelnden Politikerin einen kleinen Altar errichtet. Sie haben rote und gelbe Rosenblätter ausgestreut und Räucherkerzen angezündet. Manche bleiben stehen und beten mit nach oben geöffneten Händen. Benazir Bhutto ist für viele zu einer Märtyrerin geworden.

Ursache und Umstände ihres Todes sind auch einige Tage danach noch längst nicht geklärt. Es waren besonders die ersten Stellungnahmen der Regierung, die nicht nur in der Volkspartei wütende Reaktionen hervorriefen und die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Regierung noch zunehmen ließen: Alles, was man bisher wisse, spreche dafür, dass die Wucht des Aufpralls ihres Kopfes auf einen Metallhebel im Autodach ihr die tödlichen Verletzungen beigefügt hätte und nicht Kugeln oder Metallsplitter aus dem Sprengsatz, hatte ein Ministeriumssprecher mitgeteilt.

Also letztlich nur ein tragischer Unfall, fragten sich manche und sahen dahinter eher das Bemühen, Verantwortung zu verschleiern und unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Denn bis zuletzt hatten Benazir Bhutto und ihre Partei darüber geklagt, dass sie von den staatlichen Sicherheitskräften nicht ausreichend geschützt werde. Aufgebrachte Demonstranten gingen nach dem Attentat noch weiter und riefen „Präsident Musharraf hat sie getötet.“

Warum sprach Bhuttos Vertraute von zwei blutenden Wunden?

Sardar Shaukat Hayat Khan hat auch Zweifel an der Darstellung der Regierung. Das gilt besonders für deren Behauptung, Al Qaida stecke dahinter, weil auch ein Selbstmordattentäter beteiligt gewesen sei. „Das Innenministerium lügt. Die Explosion nach den Schüssen war kein Selbstmordanschlag, sondern diente nur zur Ablenkung“, ist sich der Anwalt sicher. Schließlich habe er den Anschlag aus der Nähe miterlebt. Nach den drei Schüssen sei eine Granate explodiert oder ein ähnlicher Sprengsatz aus der Ferne gezündet worden, vermutet er und zeigt in die Richtung der Straßenkreuzung vor dem Backsteintor des Parks. Dort hatte Benazir Bhutto noch einmal ihren Anhängern vom Sonnendach ihres gepanzerten Fahrzeugs zugewinkt, bevor die ersten Schüsse fielen.

Auf dem vertrockneten Rasen des kleinen Parks von Rawalpindi sind noch weitere Versionen der tragischen Geschichte zu hören. Ein Augenzeuge erzählt davon, dass Bhuttos Fahrzeug durch eine Menschenmenge von der Polizeieskorte getrennt worden sei. Vor einem „bodenlosen Whirlpool von Verschwörungstheorien“ warnte am Dienstag schon die pakistanische Tageszeitung „The Nation“, sollte nicht endlich mit seriösen Ermittlungen begonnen werden - am besten mit ausländischer Unterstützung, um offene Fragen zu beantworten: Warum sprach Bhuttos Vertraute Sherry Rehman, die den Leichnam später auch wusch, von zwei stark blutenden Wunden am Kopf? Wo sind die Kugeln geblieben, wenn sie sich nicht dort befanden? Und weshalb wurde der Tatort so rasch mit dem Feuerwehrschlauch gesäubert?

Innenminister: „Wir brauchen keine ausländische Unterstützung“

Spätestens seit solche Nachfragen auch mit Nachdruck aus London und Washington kommen, gibt sich die Regierung in Islamabad nicht mehr so einsilbig wie in den ersten Tagen nach dem Attentat. „Ein Team hochqualifizierter Ermittler ist schon an der Arbeit. Aus der Sicht meines Ministeriums brauchen wir hierfür keine ausländische Unterstützung“, sagte der pakistanische Innenminister Hamid Nawaz Khan am Dienstag in Islamabad der F.A.Z. Man werde sich aber nicht scheuen, um Hilfe zu bitten, wenn es doch nötig sein sollte.

Der Minister machte jedoch deutlich, dass das wohl eher der Fall sein könnte, wenn die Regierung es für nötig halte, dadurch die Glaubwürdigkeit der Nachforschungen zu erhöhen. Zuvor hatte Präsident Musharraf nicht mehr ausgeschlossen, internationale Fachleute hinzuzuziehen. Das verlangt Benazir Bhuttos Ehemann Ali Zardari. Der stellvertretende PPP-Vorsitzende fordert eine Untersuchung unter Leitung der Vereinten Nationen wie im Mordfall des ermordeten ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri.

Regierungssprecher: „Wir wissen, dass in Amerika Wahlkampf ist“

Innenminister Hamid Nawaz Khan gesteht zu, dass die Ermittlungen erst in einem frühen Stadium seien. Zudem habe Benazir Bhuttos Ehemann vor der Bestattung keine Obduktion erlaubt, um die Todesursache genau zu klären. Von Versäumnissen der Sicherheitskräfte könne aber keine Rede sein. Die Politikerin war nach seiner Meinung am Veranstaltungsort in Rawalpindi sehr gut geschützt: „Der Selbstmordattentäter ist nicht dorthin gelangt. Wäre sie im gepanzerten Auto geblieben, wäre sie sicherer als zu Hause gewesen.“ Daran, dass es ein Selbstmordattentäter war, hat der Minister keinen Zweifel - und deshalb auch nicht daran, dass Al Qaida hinter der Tat stecke. Dazu sei nur dieses Terrornetz in der Lage, wie es das schon zuvor in Pakistan bewiesen habe. Daran ändert für ihn auch das Dementi eines Al-Qaida-Sprechers nicht: „Wer kann dessen Echtheit nachweisen?“

In Islamabad schmerzt besonders, dass trotz aller Bemühungen die Kritik aus Amerika anhält, als dessen Verbündeter im internationalen Anti-Terror-Kampf man sich begreift. Die „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hatte schon erwogen, weitere Hilfe für Pakistan von dessen Bereitschaft abhängig zu machen, eine internationale Untersuchung zu beginnen. Hillary Clinton bezweifelte, ob Ermittlungen „glaubwürdig“ sein könnten, wenn sie die Pakistaner alleine führen.

Als dann noch die amerikanische Zeitung „Newsday“ ein Gespräch mit ihr unter der Überschrift „Pakistanische Soldaten könnten Bhutto getötet haben“ veröffentlichte, war im pakistanischen Außenministerium jedoch eine Grenze überschritten; nicht nur dort liegen die Nerven offenbar blank. Sie sei in der Überschrift zwar falsch zusammengefasst worden, aber auch solche Fehler könnten nicht unwidersprochen bleiben, sagte Ministeriumssprecher Mohammed Sadiq der F.A.Z. und fügte in für Diplomaten ungewöhnlichen Worten hinzu: „Wir wissen, dass in Amerika Wahlkampf ist. Aber solche lächerlichen, absurden und bösen Anschuldigungen, die unser Land destabilisieren können, müssen wir entschieden zurückweisen.“

Quelle: F.A.Z., 02.01.2008, Nr. 1 / Seite 3
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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