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Pakistan und die Islamisten Die Staatsmacht siegt nur selten

10.07.2007 ·  Die Zahl radikaler Mullahs ist in Pakistan schier unüberschaubar geworden. Mullah Fazlullah könnte der nächste Fanatiker sein, der das Land in Atem hält, wenn sich der Schlachtennebel um die Rote Moschee erst gelegt hat. Jochen Buchsteiner berichtet.

Von Jochen Buchsteiner
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Während die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt die Rote Moschee belagerten, führte ein Mullah in der benachbarten Nordwestgrenzprovinz vor, dass Siege der Staatsmacht über den pakistanischen Islamismus Ausnahmen bleiben sollen. Mit Tausenden von Anhängern belagerte er einen Polizeiposten im Swat-Gebiet, ließ sie in den Straßen randalieren und einen Journalisten als Geisel nehmen. Die Sicherheitskräfte versuchten, ihn festzunehmen, wurden aber von den Steinen der Demonstranten wie Hunde vertrieben.

Mullah Fazlullah könnte nach Meinung pakistanischer Zeitungskommentatoren der nächste Fanatiker sein, der das Land in Atem hält, wenn sich der Schlachtennebel um die Rote Moschee und deren Führung erst gelegt hat. Fazlullah ist um die 30 Jahre alt, zählt aber schon heute Tausende, vielleicht Zehntausende Anhänger. Er ist der Schwiegersohn des inhaftierten Predigers Maulana Sufi Mohamed, für dessen Freilassung er auch die Demonstration in Swat ansetzen ließ. Weil aber gleichzeitig in Islamabad der Nervenkrieg eskalierte, erklärte Fazlullah sich auch gleich mit den Belagerten in der Roten Moschee solidarisch und rief einen Heiligen Krieg aus.

Mädchen sollen nicht zur Schule dürfen

Im Vergleich zu Fazlullah sind die jüngst berühmt gewordenen Brüder Abdul Rashid Ghazi und Maulana Abdul Aziz beinahe Feingeister eines aufgeklärten Islam. (Siehe auch: Der Mord am Vater schweißte Ghazi und Aziz zusammen) Mullah Fazlullah würde nie im Fernsehen auftreten, schon weil dort auch Bilder von Frauen gezeigt werden. Seine Botschaften sendet er daher über einen eigenen Rundfunksender. Dort ruft er nicht nur zur Rache für die Opfer aus der Roten Moschee auf, sondern predigt, dass Eltern ihre Söhne von den staatlichen Schulen nehmen und auf Madrassas schicken sollen. Töchtern hingegen sollte jeder Unterricht verboten werden.

Seine wachsende Macht dokumentiert er derzeit mit dem Boykott einer Polio-Impfkampagne, die die Regierung und die Vereinten Nationen in seinem Herrschaftsgebiet begonnen haben. Sie sei in Wahrheit eine von „Zionisten und Christen“ manipulierte Aktion mit dem Ziel, die muslimische Bevölkerung zu dezimieren, verkündete er in seinem Radiosender. Seine Anhänger scheinen das zu glauben und bleiben nach Zeitungsberichten den Impfterminen fern.

Die Zahl radikaler Mullahs ist in Pakistan schier unüberschaubar geworden. Selbst wenn sie sich strafbar machen, etwa durch Unterstützung von Gewalt oder gar Terrorismus, haben die Sicherheitskräfte vielfach nicht die Macht, ihrer habhaft zu werden. Weite Teile des Landes sind der staatlichen Kontrolle entglitten. Die gegenteiligen Beteuerungen Präsident Musharrafs werden beinahe täglich widerlegt: In den sogenannten Stammesgebieten entlang der afghanischen Grenze, die traditionell einen halbautonomen Status genießen, wird pakistanisches Recht nur noch rudimentär durchgesetzt. Tatenlos sehen die Behörden dabei zu, wie Ehebrecher gesteinigt oder bartlose Männer bestraft werden. Aber auch in den Provinzhauptstädten Peshawar, Quetta und Karachi bekommen Radikale den Arm des Gesetzes nur selten zu spüren. Von Islamabad und Lahore abgesehen gelten Pakistans Städte als unkontrollierbar.

Selbst Anwälte verzweifeln

Zugute kommen den Extremisten die rechtlichen Uneindeutigkeiten, von denen das moderne Pakistan geprägt ist. Der Konflikt zwischen staatlichem und islamischem Recht ist nicht gelöst, sondern wie in vielen muslimischen Staaten festgeschrieben worden. Eine dem Text nach weltliche Verfassung beruft sich darauf, dem Geist der Scharia nicht zu widersprechen. Ein Ausdruck dieses juristischen Dilemmas ist das Nebeneinander verschiedener Gerichtsbarkeiten. Oft ist nicht einmal Anwälten klar, welche Zuständigkeiten von der religiösen und welche von der staatlichen Sphäre beansprucht werden.

Die Islamisierung der vergangenen Jahrzehnte, die nicht zuletzt von der Politik geschürt wurde, hat die traditionellen Freiräume religiöser Einrichtungen weiter ausgedehnt. Moscheen und Koranschulen unterliegen nur sehr bedingt staatlicher Aufsicht. Die von früheren Regierungen betriebene Instrumentalisierung religiöser Einrichtungen zu Rekrutierungsorten für Dschihadis hat vielen Klerikern zu dem Selbstverständnis verholfen, die politischen Entwicklungen im Land aktiv mitbestimmen zu dürfen. Wer im Einsatz gegen sowjetische Soldaten in Afghanistan und gegen die indische Provinzregierung in Kaschmir gebraucht und sogar vom Staat hofiert wurde, sieht sich auch berechtigt, gegen „Ungläubige“ im eigenen Land vorzugehen.

In der institutionellen Politik spielte der organisierte Islamismus lange Zeit keine sichtbare Rolle. Zwar besorgten auch in den bürgerlichen Parteien und vor allem im Militär viele das Geschäft der Mullahs, aber als eigenständige Kraft meldeten diese sich erst vor knapp fünf Jahren zu Wort, als die neugegründete Allianz „Muttahida Majilis Amal“ (MMA) bei der Parlamentswahl den traditionellen Anteil religiöser Parteien fast verzehnfachte. Mit etwa zwanzig Prozent der Sitze bilden sie seither im Nationalparlament die drittgrößte Fraktion, stellen in der Nordwestgrenzprovinz den Ministerpräsidenten und regieren in Belutschistan an der Seite von Musharrafs neuer Muslimliga.

Semantische Gratwanderungen

Die Grenzen zwischen der Fünf-Parteien-Allianz und einschlägigen Dschihadi-Organisationen sowie radikalen Predigern wie den Gebrüdern Ghazi/Aziz oder Mullah Fazlullah verlaufen fließend. Führende MMA-Mitglieder wie Fazlur Rehman oder Mullah Abdul Ghafur Haidery verteidigen die Terroristen von Al Qaida öffentlich als „Freiheitskämpfer“, wenngleich sie semantisch darauf achten, sich selbst keiner den Terrorismus unterstützenden Umtriebe schuldig zu machen. Während der Belagerung der Roten Moschee rückten sie von den Anführern ab und versuchten, die Belagerten sogar mit einer eigenen Delegation zum Einlenken zu bewegen. Ein Regionalfürst der MMA organisierte allerdings zur gleichen Zeit Solidaritätsveranstaltungen für die radikalen Koranschüler in Karachi.

Geschlossen wirkt das islamistische Lager nur in Zeiten gemeinsamer Missionen. Protestaktionen gegen die „Besatzungstruppen“ in Afghanistan oder, wie jetzt, gegen ein gewaltsames Einschreiten in der Moschee-Krise lassen jedoch immer nur zeitweise in Vergessenheit geraten, dass sich innerhalb des religiösen Spektrums ein beachtliches Gewaltpotential aufgeladen hat. Etwa zwanzig Prozent der 160 Millionen Muslime – Pakistan ist nach Indonesien die größte islamische Nation der Welt – bekennen sich zum schiitischen Glauben. Zwischen Anhängern der beiden Konfessionen ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen bis hin zu schweren Bombenanschlägen gekommen.

Bei den Moderaten wächst die Abscheu

Auch das sunnitische Lager selbst neigt zu Sektierertum, oft bekämpfen sunnitische Gruppen einander. Fachleute schätzen, dass bei inner-muslimischen Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahren erheblich mehr Menschen getötet wurden als im Kampf zwischen islamischen Extremisten und „weltlichen“ Kräften.

Bei so viel – oft medial inszenierter – Gewalt geraten oft die religiös moderaten Mehrheiten Pakistans aus dem Blick. Auf dem Land halten viele Menschen an liberalen, sufistischen Traditionen fest und folgen nicht den Rufen fanatischer Mullahs. Auch die urbanen bürgerlichen Schichten, die wichtige Institutionen im Land tragen, blicken mit wachsender Abscheu auf die selbsternannten islamischen Revolutionäre – und die viel zu großzügige Staatsmacht.

Die Kritik an Musharraf, die am vergangenen Wochenende beim Treffen der Exil-Oppositionspolitiker in London formuliert wurde, findet in den bürgerlichen Kreisen der pakistanischen Metropolen durchaus ein Echo.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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