31.08.2010 · In Pakistans Wirtschaftsmetropole liefern sich die Parteien einen blutigen Krieg. Die Opfer sind meist Lokalpolitiker, doch geht es nicht nur um politischen Einfluss, sondern auch um Land. Die Regierung versucht vergeblich, das Morden zu stoppen.
Von Christoph Ehrhardt, KarachiAn der Einfahrt stehen Posten. Der am Schlagbaum, der kleinere, trägt ein Hemd mit Leopardenmuster. Ein finsterer Blick streift Auto und Insassen, dann greift er zu einem Stab, an dem ein Spiegel befestigt ist, um unter dem Fahrzeug nach dem Rechten zu sehen. Der andere, ein dürrer langer Kerl, der seine Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt, möchte gern, dass man sieht, wie er mit seiner Hand über den Abzug seiner Kalaschnikow streift.
Ein kurzes Telefongespräch im Wachhäuschen beendet die Darbietung. Der Schlagbaum hebt sich. Dahinter erstrecken sich mehrere Straßenzüge, die ein mit Betonbarrieren gesichertes und von Bewaffneten bewachtes Sperrgebiet sind. In ihrer Mitte befindet sich die Zentrale der in Karachi herrschenden Partei Muttahida Quami Movement (MQM). In den Häusern ringsum im Stadtteil Aziz Abad in Karachi wohnen nur Parteimitglieder, viele von ihnen sind Funktionäre. Sie achten aufmerksam darauf, unter sich zu bleiben.
Auswuchs eines erbitterten Machtkampfes
Seit Wochen wird die pakistanische Hafenmetropole von einer Welle gezielter Morde erschüttert. Meistens sitzen die Attentäter auf einem Motorrad, eröffnen das Feuer und rasen davon; meistens sind Lokalpolitiker die Opfer. Nachdem am 2. August der hohe MQM-Funkionär Raza Haider niedergeschossen worden war, kam es zu schweren Unruhen. Restaurants, Geschäfte und Autos wurden in Brand gesteckt, Dutzende Menschen wurden getötet. Seit Januar sind es mehr als 200 Todesopfer.
Die Gewalt ist Auswuchs eines erbitterten Machtkampfes, in dessen Zentrum auf der einen Seite die MQM steht, welche vor allem die Muhadschir, die Nachkommen muslimischer Einwanderer aus Indien, repräsentiert. Sie beherrscht Karachi seit vielen Jahren, und sie verteidigt ihre Machtfülle mit allen Mitteln gegen einen immer selbstbewusster auftretenden Rivalen: die Awami National Party (ANP), deren Klientel die stetig wachsende paschtunische Bevölkerung in der Stadt ist. Es geht dabei nicht nur um politischen Einfluss. Es geht auch um Land, das knapp ist in der Stadt, und das kriminelle Parteimitglieder auf beiden Seiten, Regierungsmitarbeiter und Geschäftemacher an sich reißen wollen, von denen in Karachi nur als „Land-Mafia“ gesprochen wird. In den Außenbezirken Karachis markieren in manchen Gegenden Parteiflaggen, in wessen Hand sich die Straßen befinden.
Khawaja Izhar ul Hassan ist ein hoher MQM-Kader. Er ist zugleich einer der vielen Berater des Chefministers der Provinz, er ist ein jovialer, aber misstrauischer Gesprächspartner. Er präsentiert eine straff organisierte Partei – die eine Beschwerdestelle eingerichtet habe, in der die Bürger Karachis ihre Sorgen loswerden könnten, die effizient Hilfe für die Flutopfer sammle. Hinter vorgehaltener Hand hört man von vielen, die nicht zur MQM gehören, die Spuren vieler dunkler Machenschaften führten in den schmucklosen Bau in Aziz Abad, wo die Fäden zusammenlaufen, die die MQM-Führung wie ein riesiges Netz über die Stadt gesponnen hat.
„Die Stadt ist in Gefahr“
Khawaja Izhar ul Hassan spricht, wenn es um die Gewalt in der Stadt geht, zuerst einmal von Zusammenstößen zwischen Religionsgruppen, Bandenkriminalität, Stammeskämpfen, den Taliban. Auf Nachfrage sagt er widerwillig und vieldeutig: „Es gibt auch einen politischen Kampf.“ Der MQM-Funktionär weist aber jegliche Mitschuld seiner Partei an den Morden weit von sich. Dafür seien andere verantwortlich, sagt er. „Es sind die Paschtunen – oder besser die paschtunischen Flüchtlinge aus Afghanistan.“
Gegen Paschtunen habe er im Grunde nichts. Die gebe es sogar in seiner Partei. Aber diese Flüchtlinge machten sich in der Stadt breit, rissen Häuser an sich, zahlten ihre Rechnungen für Wasser und Strom einfach nicht, brächten Waffen nach Karachi, kontrollierten den Drogenhandel, hätten Verbindungen zu den Taliban, die schließlich auch Paschtunen seien – und sie täten all dies im Schutz der ANP. „Es sind noch immer Afghanen, sie sind militant, sie sollen nach Afghanistan zurückgehen“, sagt der MQM-Führer.
Er meint damit vor allem die paschtunischen Flüchtlinge, die in den achtziger Jahren nach Karachi kamen, als Amerika gemeinsam mit dem pakistanischen Militärherrscher Zia ul Haq daran arbeitete, die Sowjets aus Afghanistan zu vertreiben. Es seien immer mehr geworden. „Stellen Sie sich vor, wir teilten uns eine Wohnung. Und ich würde immer mehr Gäste einladen, sie irgendwann in der gemeinsamen Küche und im gemeinsamen Wohnzimmer unterbringen. Irgendwann würden Sie doch etwas dagegen unternehmen“, sagt Khawaja Izhar ul Hassan. „Die Stadt ist in Gefahr.“
Gewalt und Unruhen sind traurige Tradition
Karachi ist in aberwitziger Geschwindigkeit gewachsen. Die Bevölkerung hat sich seit den fünfziger Jahren verzehnfacht, nach Hochrechnungen leben etwa dreizehn Millionen Menschen im Stadtgebiet. Die Stadt ist so etwas wie die Kraftzelle Pakistans. Etwa zwei Drittel der Wirtschaftskraft des Landes bündeln sich in dem lärmenden Moloch, dessen Straßen chronisch verstopft sind. Waffen gibt es massenhaft, Gewaltausbrüche und blutige Unruhen sind traurige Tradition.
Der paschtunische Anteil an der Bevölkerung nimmt stetig zu; etwa drei Millionen sind es nach Schätzungen. Die meisten Paschtunen kommen aus der ungebildeten Unterschicht, machen die undankbaren Arbeiten. Und sie kontrollieren das Transportwesen der Stadt. Viele sind zuletzt vor den Kämpfen von Armee und Taliban im Nordwesten des Landes geflohen. Jetzt treibt die Flutkatastrophe wieder Zehntausende in die Stadt, die sich dort Zuflucht und Arbeit erhoffen. Die Paschtunen werden der MQM und ihren Anhängern allerdings vor allem deshalb gefährlich, weil sie mehr und mehr ein politisches Bewusstsein ausbilden.
Bemühungen die Situation unter Kontrolle zu bringen
Shahi Syed nennt es „Erwachen“. Er ist nicht mit Anzug und Krawatte gekleidet, wie die hohen MQM-Funktionäre, die mehrere Smartphones mit sich herumtragen. Shahi Syed trägt traditionelle Kleidung. Aber der ANP-Chef der Provinz Sindh ist wie seine MQM-Rivalen geübt im Spiel gegenseitiger Schuldzuweisungen. „Die MQM ist die Flutkatastrophe von Karachi“, schimpft er. „Ihre Schergen töten Unschuldige.“ Seine Partei sei friedlich. Er, Shahi Syed, sei wie seine Anhänger stolz darauf, ein Pakistaner zu sein. Dennoch würden die Paschtunen unter einen Taliban-Generalverdacht gestellt, würden immer außen vor gelassen, müssten in den Slums von Karachi leben.
Aber damit soll jetzt Schluss sein. Zwei Abgeordnete der ANP aus Karachi sitzen schon im Provinzparlament. „Wir gewinnen an Einfluss“, sagt er. Auch vor seiner Residenz stehen Bewaffnete. „Ich stehe auf der Todesliste der MQM“, sagt Shahi Syed. Vor gut einer Woche wurde der ANP-Sicherheitschef in Sindh von Unbekannten niedergeschossen.
Die Gräben sind so tief, dass die Vermittlungsbemühungen der Regierung das Morden nicht stoppen können. Die Führung in Islamabad nimmt die Sache so ernst, dass nach den schweren Unruhen Anfang August Premierminister Gilani trotz der Flut persönlich nach Karachi reiste, um mit den Parteiführern zu verhandeln. Das Ergebnis war eine Einigung auf einen „Verhaltenskodex“, der beide Seiten – deren Führer ja eigentlich beharrlich beteuern, nichts mit der Gewalt zu tun zu haben – dazu anhielt, sich zu mäßigen und die Gewalt nicht weiter zu befeuern. Die Partei des pakistanischen Präsidenten Zardari, die Volkspartei PPP, müht sich, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Sie ist in der Provinz Sindh Koalitionspartner der MQM, während sie in der Zentralregierung in Islamabad mit der ANP zusammenarbeitet.
Der Inspektor wirkt resigniert
Aber die Konfliktparteien scheinen ihre Angelegenheiten lieber selbst zu regeln. So klingt es jedenfalls, wenn MQM-Funktionär Khawaja Izhar ul Hassar sagt: „Wir wissen, wer Raza Haider ermordet hat. Sie sind in Karachi, wir wissen, wo sie sind.“ In der Stadt heißt es, Haider habe seinen von der Polizei gestellten Leibwächtern nicht vertraut. Polizisten gelten als käuflich. Paschtunenführer Shahi Syed sieht nur eine staatliche Institution in der Lage, effektiv einzugreifen: die Armee, die schon in den achtziger Jahren die Zusammenstöße zwischen Paschtunen und Mohadschir beendet hat. Er steht mit dieser Haltung nicht allein. Die Polizei, so heißt es immer wieder, sei mit der Angelegenheit völlig überfordert.
In einer Polizeiwache im Zentrum Karachis thront ein Inspektor, der Chef einer Sonderermittlungseinheit ist, hinter seinem Schreibtisch und zeichnet ein hässliches Sittengemälde von Karachi. Er erzählt von gefälschten Dokumenten, mit denen die „Landmafia“ ihren dunklen Geschäften nachgehe. Von Vierteln, in denen Gesetzlosigkeit herrsche, vom paschtunischen Drogenschmuggel, von Halbweltbaronen und den Taliban, die zur Finanzierung ihres heiligen Krieges zunehmend auf profane Kriminalität zurückgreifen. Der Inspektor wirkt resigniert, wenn er von den Mordanschlägen spricht.
„Kein Zeuge will etwas gesehen haben, wenn wir Leute festnehmen, üben Politiker Druck aus, und wir müssen sie laufenlassen“, sagt er. Der Inspektor weiß, wer die Todesschwadronen ausschickt. Er spricht von Parteien, die „militärisch“ organisiert“ seien. Die Ermittlungsakten indes enden meist mit dem Vermerk: „Täter unbekannt, Festnahmen keine“. Auch der Inspektor will lieber unerkannt bleiben.
Das sei nur der Anfang
Die Presse hält sich ebenfalls zurück. Die Polizeireporter der Stadt schreiben viel weniger, als sie wissen. Sie berichten von Einschüchterungsversuchen. „Die MQM ist geduldig“, sagt einer. Oft ereile die Strafe die Person des Anstoßes erst Monate später – das gelte auch für die Leute auf der Todesliste. Diese Unberechenbarkeit verstärke die Angst. Aus einem Fernsehsender heißt es, bei zu MQM-kritischen Beiträgen klingele erstaunlich schnell das Telefon, und eine freundliche Stimme am anderen Ende finde dann höfliche Worte, die als unmissverständliche Warnung ankämen. Das sei nur der Anfang.
Im Hauptquartier der Partei gilt das imposante Medienzentrum als Errungenschaft. Dort laufen in einem Raum Mehr als ein Dutzend Fernseher zur gleichen Zeit. Junge Mitarbeiter überwachen das Geschehen, jede Sendeminute wird aufgezeichnet und auf Festplatten gespeichert, die in mannshohen Schränken untergebracht sind. Nebenan wird das Internet durchforstet. Die Macht dieser Räume reicht weit über den Schlagbaum hinaus.
Ein inner pakistanischer Atomkrieg
Klaus Neumann (Klausneumann)
- 31.08.2010, 00:58 Uhr