27.05.2009 · Dem Angriff auf die Polizei- und Geheimdienstbüro in Lahore fielen mehr als 20 Menschen zum Opfer. Zum dritten Mal in nicht einmal drei Monaten wird die ostpakistanische Stadt von einem Anschlag erschüttert. Noch immer fehlt dem Kampf der Regierung gegen radikale Islamisten die letzte Konsequenz.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiSicherheit ist in Pakistan eine relative Größe, aber gemessen an anderen Städten des Landes hatten sich die Menschen in Lahore lange Zeit wenig bedroht gefühlt. Bis Februar wurde die Kulturmetropole kaum von Anschlägen heimgesucht, weshalb viele Lahorer fast amüsiert den Kopf schüttelten, wenn sie von Besuchern auf die Gefahr durch Terroristen angesprochen wurden.
Damit dürfte es nun vorbei sein. Mit dem Angriff auf die Polizei- und Geheimdienstbüros in Lahores belebter „Mall Road“ wurde die Stadt zum dritten Mal in nicht einmal drei Monaten erschüttert. Anfang März griff ein Terrorkommando die Kricketnationalmannschaft Sri Lankas auf deren Weg ins Stadion an. Nur drei Wochen später stürmten Terroristen die Polizeiakademie der Stadt und lieferten sich stundenlange Gefechte mit Sicherheitskräften. Die Bilanz des blutigen März: mehr als zwanzig Tote.
Diese Zahl stellten die Selbstmordattentäter vom Mittwoch nun mit einem mal in den Schatten. Mindestens 23 Menschen wurden getötet und mehr als 200 verletzt, nachdem mehrere Angreifer das Feuer eröffnetet und kurz danach ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug die Mauern des „Rescue 15 Building“ gerammt hatte; die Detonation, die einen zweieinhalb Meter tiefen Krater hinterließ, zerstörte das Gebäude fast vollständig und wirbelte an die zwanzig Autos durch die Luft. Die Opferzahl - unter ihnen zahlreiche Polizisten, aber auch Passanten - droht wegen der vielen Verschütteten und Schwerverletzten weiter zu steigen.
„Krieg um unser Überleben“
Bis zum Abend bezichtigte sich keine Organisation des Anschlags. Die Regierung in Islamabad verurteilte den Angriff am Mittwoch und bewertete ihn als Vergeltungsmaßnahme für die andauernde Militäroffensive im Swat-Tal, wo die Armee gegen Taliban-Kämpfer vorgeht.
Im Rückblick erscheint der März nun nicht mehr als Kulmination einer latenten Bedrohung, sondern als Ausgangspunkt eines dauerhaften, sich womöglich weiter steigernden Terrors. Lahore, die Hauptstadt des Punjab, ist der Stolz vieler Pakistaner und deshalb ein besonders attraktives Ziel für die Extremisten. „Die Feinde Pakistans, die das Land destabilisieren wollen, sind hierher gekommen, nachdem sie im Swat geschlagen wurden“, sagte Islamabads oberster Innenpolitiker, Rehman Malik, am Mittwoch und sprach abermals von einem „Krieg um unser Überleben“.
Als vor fünf Wochen die Militäroffensive im Swat-Tal begann, fürchteten viele Pakistaner terroristische Vergeltungsmaßnahmen der Taliban. Die Anschläge der vergangenen Wochen - sie zu zählen, haben die Zeitungen längst aufgehört - beschränkten sich jedoch weitgehend auf den Nordwesten des Landes, insbesondere auf die Stammesgebiete. Nun ist den Extremisten der befürchtete große Schlag gelungen. Aber es stellt sich die Frage, ob sie wirklich nach Lahore „gekommen“ sind, wie Rehman Malik annimmt, oder ob sie schon da waren.
Fachleute berichten seit geraumer Zeit, dass sich das Taliban-Netz aus dem Nordwesten ins ganze Land ausgebreitet hat. Das Terrorkommando, das im November die indische Finanzmetropole Bombay angegriffen hatte, soll überwiegend im Punjab rekrutiert worden sein. Auch der Hauptangeklagte Kasab, der derzeit in Bombay vor Gericht steht, stammt aus Pakistans bevölkerungsreichster Provinz. Nach unbestätigten Berichten sollen in dem am Mittwoch ausgebombten Gebäude Männer verhört worden sein, die im Zusammenhang mit dem Angriff auf Bombay festgenommen worden waren.
Umdenken in Armee und Geheimdienst
Bewiesen haben die Terroristen, dass ihre Kräfte durch die Militäroffensive noch nicht gebunden sind. 4000 bis 5000 militante Extremisten sollen sich derzeit im Swat-Tal Gefechte mit der Armee liefern. Die Hauptbastion der pakistanischen Taliban in den Stammesgebieten ist aber nur sporadisch Ziel der Soldaten. In Südwasiristan und angrenzenden Regionen befehligt Chefkommandeur Baitullah Mehsud nach Geheimdiensteinschätzungen mindestens noch einmal die gleiche Anzahl von Kämpfern, die im Swat-Tal eingesetzt sind. Andere Quellen veranschlagen die Zahl militärisch ausgebildeter Extremisten sogar noch höher.
Die Regierung in Islamabad vermittelt derzeit den Eindruck, als gehe sie ernsthaft gegen die Extremisten vor. Mehr als 1000 Taliban sollen in den vergangenen fünf Wochen getötet worden und an die zweieinhalb Millionen Menschen aus den Kampfgebieten im Swat geflohen sein. In Armee und Geheimdienst habe ein „Umdenken“ eingesetzt, glaubt Professor Rifaat Hussain, Direktor des Zentrums für Strategische Studien an der „Quaid-i-Azam“-Universität in Islamabad.
Doch trotz der Entschlossenheit im Swat-Tal lässt der Kampf gegen den radikalen Islamismus noch immer die letzte Konsequenz vermissen. Kritiker beklagen nicht nur das bislang schwache Vorgehen in den semiautonomen Stammesgebieten, sie machen auch auf die klägliche Bilanz der Strafverfolgung aufmerksam. Von einer Ausnahme abgesehen wurde in den vergangenen sieben Jahren kein einziger Extremist verurteilt. Untersuchungshäftlinge werden oft wieder auf freien Fuß gesetzt - selbst in Fällen, in denen eine Anklage nicht schwer fallen sollte. Erst unlängst entließ das Oberste Gericht den Hassprediger Abdul Aziz, der vor zwei Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Abdul Rashid Ghazi den blutigen Extremisten-Aufstand der Roten Moschee angeführt hatte. Sogleich wurde er von seiner Gemeinde in Islamabad begeistert empfangen.
Auch im Punjab können sich viele Extremisten weiterhin unbehelligt bewegen. Unter dem Dach der „Jamaat-ud-Dawah“ (JUD), einer angeblichen „Wohltätigkeitsorganisation“ mit Sitz in Lahore, tummeln sich nach den Erkenntnissen von Fachleuten Terroristen der Organisation „Lashkar-e-Taiba“, die für zahlreiche Anschläge verantwortlich gemacht werden.
JUD-Chef Hafis Said, ein bekannter Islamgelehrter, wird zwar immer mal wieder unter Hausarrest gestellt, füllt aber, sobald er sein Haus verlassen darf, Moscheen und Vortragssäle im ganzen Land. Indien, das Hafis Said zusammen mit zwei Dutzend weiteren Männern auf seiner „Terroristen-Liste“ führt, erhält aus Islamabad die immer gleiche Auskunft, dass entweder der Aufenthaltsort der Gesuchten unbekannt sei oder dass nicht genügend Beweise vorlägen, um sie dauerhaft von der Öffentlichkeit fernzuhalten.
das Kind ohne Namen
Matthias Hühn (matthiashuehn)
- 27.05.2009, 13:26 Uhr
Wer sind denn die haupts'chlichen Opfer islamistischer Terroristen?
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 27.05.2009, 19:28 Uhr
Schön, dass ich in Deutschland lebe,
Franz Müller (Franzy)
- 27.05.2009, 19:36 Uhr
'letzte Konsequenz' ??
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 27.05.2009, 22:43 Uhr
Spekulant Siegen?
Hendrik Baumann (hendrik68)
- 28.05.2009, 10:25 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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